Jemen

Schüsse fallen fast jeden Tag

Der Anästhesist Jörg Ahrens bei einer Operation im Krankenhaus in der jemenitischen Stadt Al Talh.

Freiwilliger Einsatz im Jemen: Der hannoversche Arzt Dr. Jörg Ahrens war für "Ärzte ohne Grenzen" neun Wochen in der islamischen Republik im Einsatz. Nobilis berichtete er, was er in dieser Zeit erlebt und erfahren hat.

Text: Karen Roske

Schüsse fallen fast jeden Tag, meist aus Unachtsamkeit. Bewaffnete Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen hat es zum Glück rund um die Stadt Al-Talh nicht gegeben. Zumindest nicht während der neun Wochen, die der hannoversche Anästhesist und Rettungsmediziner Dr. Jörg Ahrens im dortigen Krankenhaus Dienst tat. Für "Ärzte ohne Grenzen" kam der Mitarbeiter der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in die Provinz Saad'a im Nordwesten des Jemen und hat dafür unbezahlten Urlaub genommen. Trotz allgegenwärtiger Waffen im Jemen hat sich Jörg Ahrens in Al-Talh sicher gefühlt, denn: "Die Sicherheit steht bei ‚Ärzte ohne Grenzen' absolut an erster Stelle. Für den Fall der Fälle müssen immer zwei fahrbereite Autos in Fluchtrichtung bereitstehen, und jeder hat eine Tasche mit den nötigsten Dingen wie Pass und Geld griffbereit. Der Projektleiter vor Ort hält ständig Kontakt zu Regierungsstellen, Rebellenführern, Stammesfürsten und anderen Informanten." Ein logistisch höchst kompliziertes Netzwerk sei das, meint er und für Fremde nicht zu durchschauen. "Aber ungemein beruhigend." Und wenn in Al-Talh eine Hochzeitsfeier stattfindet, die traditionell mit einigen Salutschüssen verbunden ist, wird das Krankenhaus vorher informiert.

Die Provinz Saad'a, in der Al-Talh liegt, ist eine der ärmsten Regionen der arabischen Halbinsel und von jahrelangen Kämpfen gebeutelt. Ärzte ohne Grenzen unterstützt dort seit September 2007 die medizinische Grundversorgung. 2008 hatte das Team aus Sicherheitsgründen kurzzeitig evakuiert werden müssen. Jetzt ist die Situation wieder stabiler. Dr. Ahrens war dem chirurgischen Team zugeteilt. Das heißt: 24 Stunden Dienst, immer das Telefon in der Tasche, auch am Freitag, dem freien Tag der jemenitischen Woche, mindestens vier Stunden Arbeit im OP, im Kreißsaal oder auf Station. Zwei Zelte beherbergen in Al-Talh die Krankenhaus-Stationen mit je elf Betten, streng getrennt für Frauen und Männer. Im gemauerten Haupthaus befinden sich die Kinderstation mit acht Betten, die Notaufnahme und der Operationssaal.

Die Arbeitsbedingungen sind mit denen an seinem heimischen Arbeitsplatz in der Medizinischen Hochschule Hannover nicht zu vergleichen: Die "sterile" OP-Kleidung trocknet draußen auf der Leine. Es gibt keine Intensivstation und keinen Röntgenapparat, ein sogenanntes "Labor", eine eingeschränkte Auswahl an Medikamenten und gerade mal sechs Blutkonserven. "Es ist ganz heilsam zu merken, wie gut wir es in Europa haben, wo jedem Patienten praktisch unbegrenzte Ressourcen zur Verfügung stehen", meint der Arzt im Rückblick. Seine Anästhesien hat er mit einem einfachen Handbeatmungsgerät und einem improvisierten System bewerkstelligt, "das aus einer Kombination verschiedener Teile bestand, die irgendwie mit viel Leukoplast zusammengehalten wurden. Funktionierte aber ganz gut!"

Vieles funktioniert aber auch nicht, zum Beispiel Klimaanlage und Kühlschrank - und das bei 40 Grad Außentemperatur. In Al-Talh kommt der Strom nicht verlässlich aus der Leitung, sondern oft erzeugt ihn ein Generator, der im Hof des Krankenhauses steht und einen Höllenlärm macht. Das Wasser wird in Tanklastern geliefert. Vermisst hat Jörg Ahrens aber vor allem seine Espresso-Maschine, eine kräftige Dusche, einen funktionstüchtigen Internetanschluss und Bett und OP-Hosen in Überlänge, für seine 1,99 Meter: "Dinge also, die nicht wirklich wichtig sind." Und die Mängel wurden für ihn aufgewogen durch die überwältigende Gastfreundschaft der Einheimischen, durch das kameradschaftliche Klinik-Team, in dem auf einen internationalen Mitarbeiter rund zehn Jemeniten kommen, durch die Künste der Köchin, die im Haus der internationalen Ärzte wunderbar wirkte und natürlich durch die medizinischen Erfolge, die sie erzielen konnten.

Viele der zu behandelnden Krankheiten und Verletzungen hatte er vorher nie gesehen: Mangelernährung, Schlangenbisse, Schusswunden. "Kinder sterben zu sehen, die in Europa sicher überlebt hätten, das ist schwer. Aber oft kann man auch mit einfachen Mitteln viel bewirken." Ziel des Einsatzes von "Ärzte ohne Grenzen" ist es, die einheimischen Kräfte so aufzubauen, dass sie das Krankenhaus möglichst bald allein betreiben können. Deshalb war es dem Arzt aus Hannover auch ein Anliegen, die jemenitischen Krankenschwestern und -pfleger fortzubilden und standardisierte, praktikable Behandlungspläne zu entwickeln.

Über die Begrenztheit ihrer Mittel hat das Ärzte-Team in Al-Talh viel diskutiert. "Unsere Aufgabe ist ja nicht, die Welt zu retten, sondern den Menschen vor Ort so gut zu helfen, wie es eben geht. Leider gelingt das im einen oder anderen Fall nicht. Doch wenn Ärzte ohne Grenzen nicht da wäre, wäre die Situation viel schlimmer." Dass er die Arbeit unter so schwierigen Bedingungen schaffen und ertragen würde, hat er vorher nicht wissen können. Aber er hat darauf vertraut. Nach dem Abschluss seiner langen Facharztausbildung an der MHH fühlte er sich auf jeden Fall fachlich gerüstet. "Im Jemen bin ich allein auf mich gestellt. Ich kann keinen fragen. Das ist dann eine hohe Verantwortung."

Als er seinen Arbeitgeber, die MHH, davon unterrichtet hat, dass er für "Ärzte ohne Grenzen" aktiv werden wolle, habe er uneingeschränkte Unterstützung erfahren, lobt er. Doch erst zwei Wochen vor seiner Abreise hat er erfahren, wo sein Einsatzgebiet sein würde. Das läge daran, erklärt er, dass die Projekte von Ärzte ohne Grenzen schwer langfristig planbar seien. "Denn die Hilfsorganisation reagiert auf akute Notsituationen und ist immer abhängig von lokalen Genehmigungen und Entwicklungen." Viel Zeit blieb Jörg Ahrens also nicht, sich vorab über das Land und das Projekt in Al-Talh zu informieren: "Auf die tatsächlichen Lebensumstände vor Ort kann man sich sowieso kaum vorbereiten. Und vieles muss man einfach hinnehmen, auch wenn's schwer fällt." Beispielsweise die gesellschaftliche Position der Frauen, auch religiöse oder politische Ansichten. "Das Gespür für die neuralgischen Punkte hat man aber schnell entwickelt. Dann wechselt man das Thema."

Wie man das diplomatisch und freundschaftlich hinbekommt, hat er in den vielen abendlichen Männerrunden beim Teetrinken und Katkauen gelernt. Die bitteren grünen Katblätter seien im Jemen eine Alltagsdroge, erzählt er. Geschmeckt hätten sie ihm nicht, aber ablehnen sei unmöglich gewesen - eine Frage der Höflichkeit. Genauso wie das üppige Essen, das Frauen kochen, die für die Gäste völlig unsichtbar bleiben. Ausländerinnen, berichtet er, würden hingegen als eine Art "drittes Geschlecht" betrachtet: Sie dürfen mit bedecktem Haar in der Männerrunde sitzen, mit fremden Männern sprechen, sie ansehen und ihnen die Hand geben.

Abendliche Besuche habe es nur unter den Kollegen aus dem Krankenhaus gegeben und immer mindestens zu Zweit. Andere Freizeitbeschäftigungen, private Besuche oder Besichtigungen sind für die internationalen Mitarbeiter des Hilfsprojekts nicht erlaubt - aus Sicherheitsgründen. Nach Einbruch der Dunkelheit um sechs Uhr abends darf keiner mehr aus dem Gelände, nur in Sonderfällen, mit dem Auto und auf kürzestem Weg. Eine so eingeschränkte Bewegungsfreiheit zu haben, war für den Arzt aus Hannover die größte Belastung. "Das sind so erhebliche Einschränkungen, dass man sich wie im Gefängnis fühlt."

Und so hat er auch kaum etwas gesehen von diesem sagenumwobenen Land, außer auf der Fahrt vom Flughafen der Hauptstadt Sanaa nach Al-Talh und wieder zurück. "Dabei liegt Al-Talh im Hochgebirge, in einer atemberaubenden Landschaft! Und auch diese erstaunliche Architektur mit mehrstöckigen Lehmhäusern ist touristisch höchst interessant!" Trotz alledem: Dr. Jörg Ahrens überlegt schon den nächsten Einsatz für "Ärzte ohne Grenzen". Warum? "Weil ich es kann", sagt er schlicht und ohne jedes Pathos.