Haiti: Bericht von Ärzte ohne Grenzen zeigt alarmierenden Anstieg sexualisierter Gewalt
Port-au-Prince/Berlin, 28. Januar 2026. Sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt (SGBV) hat in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince seit dem Jahr 2021 massiv zugenommen. Sie wird systematisch eingesetzt, um die Bevölkerung zu terrorisieren. Dies zeigt ein aktueller Bericht von Ärzte ohne Grenzen. Seit der Eröffnung des Krankenhauses Pran Men’m im Jahr 2015 hat die medizinische Hilfsorganisation nahezu 17.000 Menschen umfassend medizinisch und psychosozial betreut. 98 Prozent davon sind Frauen und Mädchen.
Für den Bericht „Sexual and gender-based violence in Port-au-Prince, Haiti“ hat Ärzte ohne Grenzen medizinische Daten und Zeug*innenaussagen im Krankenhaus Pran Men’m gesammelt. „Die Zahl der Überlebenden von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt, die in der Klinik versorgt werden, hat sich von durchschnittlich 95 Aufnahmen pro Monat im Jahr 2021 auf mehr als 250 im Jahr 2025 nahezu verdreifacht“, sagt Diana Manilla Arroyo, Landeskoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Haiti.
Frauen und Mädchen aller Altersgruppen werden gezielt angegriffen und immer mehr Überlebende werden aus ihren Häusern vertrieben, was sie weiterer Gefahr aussetzt. Fast ein Fünftel der in Pran Men’m Behandelten hat mehrfach sexualisierte oder geschlechtsspezifische Gewalt erfahren.
Zudem ist ein schockierender Anstieg der Brutalität bei den Übergriffen zu verzeichnen. Unter den Überlebenden, die seit 2022 in Pran Men’m versorgt wurden, gaben 57 Prozent an, von Mitgliedern bewaffneter Gruppen angegriffen worden zu sein – häufig von mehreren Tätern. Mehr als 100 Patient*innen berichteten, von zehn oder mehr Tätern gleichzeitig angegriffen worden zu sein.
Sie haben mich geschlagen und mir die Zähne ausgeschlagen… Drei junge Männer, die meine Kinder hätten sein können… Als ich mich weigerte, mit ihnen zu schlafen, haben sie mich geschlagen und ich bin gestürzt. Während ich mich gewehrt habe, haben sie mir in den Rücken getreten, der mir Monate danach noch weh tut. Nachdem sie mich vergewaltigt hatten, vergewaltigten sie meine Tochter… und schlugen meinen Mann.
Überlebende sexualisierter Gewalt, 53 Jahre
Die Krise spielt sich vor dem Hintergrund eines dramatischen Verfalls von Infrastruktur, öffentlichen Dienstleistungen und Lebensbedingungen infolge weitverbreiteter Gewalt und Unsicherheit ab. Der Bericht hebt die anhaltenden Defizite bei der Verfügbarkeit von Hilfsangeboten für Überlebende hervor. Ärzte ohne Grenzen ist oft nicht in der Lage, Patient*innen dringend notwendige nicht-medizinische Hilfe zu vermitteln – etwa sichere Unterkünfte, Umsiedlungsmöglichkeiten oder Unterstützung bei der Existenzsicherung. Dies unterstreicht den dringenden Bedarf, die Finanzierung von Schutz- und Unterstützungsdiensten zu stärken und langfristig abzusichern.
Überlebende sehen sich zudem mit zahlreichen Hürden konfrontiert. Angst vor Stigmatisierung, finanzielle Schwierigkeiten, Unsicherheit und fehlende Informationen hindern sie daran, rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dies wirkt sich auch auf ihre Gesundheit aus: Den seit 2022 verzeichneten Zahlen zufolge, gelang es nur einem Drittel der Überlebenden, das Pran-Men’m-Krankenhaus innerhalb von drei Tagen nach dem Übergriff aufzusuchen. Nach diesem Zeitraum kann eine HIV-Infektion nicht mehr medikamentös verhindert werden. 59 Prozent der Patient*innen konnten nicht innerhalb von fünf Tagen versorgt und so vor einer ungewollten Schwangerschaft geschützt werden.
Der Bericht fordert ein dringendes und koordiniertes Handeln der haitianischen Behörden, von Dienstleistern, Geber*innen, Organisationen der Vereinten Nationen und Akteur*innen im Sicherheitsbereich.
Wir fordern einen erweiterten, kostenlosen Zugang zu umfassender medizinischer und psychosozialer Versorgung, der nur durch eine nachhaltige Aufstockung der Mittel für Unterstützungsdienste erreicht werden kann. Ebenso wichtig ist die eindeutige Anerkennung des weitverbreiteten Ausmaßes sexualisierter Gewalt und ihres gezielten Einsatzes durch bewaffnete Gruppen als Mittel zur Kontrolle und Unterwerfung von Frauen und Mädchen. Das sind die Herausforderungen, die angegangen werden müssen, um Überlebenden zu ermöglichen, wieder Selbstbestimmung über ihre Körper und ihr Leben zu erlangen.
Manilla Arroyo, Landeskoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Haiti
Bericht: "Sexual and gender-based violence in Port-au-Prince, Haiti"
Erfahren Sie mehr über die dramatische Lage von Überlebenden sexualisierter Gewalt in Haiti, angesichts fehlender Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen.