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Geschichte: Jahrzehntelange Hilfe für Menschen in Not

Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen wurde 1971 von einer Gruppe von Ärzten und Journalisten gegründet, die Ende der 60er Jahre das Leid der Menschen während des nigerianischen Bürgerkriegs in Biafra miterlebt hatten. Sie wollten die humanitäre Hilfe verändern: Besser ausstatten, unbürokratischer, medizinischer und international reaktionsstärker machen. Besonders wichtig war ihnen dabei, Patient*innen nicht nur medizinisch zu unterstützen, sondern auch in der Öffentlichkeit über deren Situation zu berichten.  

Der Arzt spielte in den Konzeptionen von Hilfe, die damals galten, keine Rolle. Vorrang hatten vielmehr ökonomische und soziale Ziele, eine schnelle Modernisierung, die Beziehungen zwischen Staaten. Krankheiten waren vor allem Zeichen des politischen Scheiterns, ein politisches Symptom also, dessen Ursachen behandelt werden mussten, aber nicht ein Problem an sich. Medizinische Hilfe, das war etwas für Missionare, während ernsthafte Menschen sich dem Fortschritt widmeten."

Rony Braumann, langjähriger Präsident unserer Organisation in Frankreich

Wir erlebten sehr viel Freude über Erfolge, aber auch Verzweiflung 

Seit unserer Gründung in Frankreich sind wir zu einer großen internationalen Organisation geworden und haben Millionen von Menschen helfen können: Während Kriegen, Epidemien oder großer Naturkatastrophen waren wir an ihrer Seite. Gleichzeitig haben wir versucht, der gerade auch in sogenannten vergessenen Krisen oftmals nicht gehörten Not unserer Patient*innen zu öffentlicher Aufmerksamkeit zu verhelfen. In all den Jahrzehnten unserer Arbeit erlebten wir sehr viel Freude über Erfolge, aber auch Hilflosigkeit und Verzweiflung. Darüber gibt der detaillierte Rückblick auf unsere Geschichte Auskunft - Sie finden ihn in Englisch auf unserer internationalen Website. Einige wichtige Ereignisse und Hilfseinsätze haben wir in unserem Geschichtsüberblick exemplarisch für Sie zusammengestellt:

 

1976 Libanon

Bürgerkrieg: Eingeschlossen von Milizen und trotzdem mutig Nothilfe leistend

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Beirut: Einsatz während des Libanon-Kriegs
Libanon-Krieg: Ärzte ohne Grenzen hat einen viel beachteten Einsatz.
©MSF

In der etwas breiteren Öffentlichkeit - auch über Frankreich hinaus -, werden wir erstmals vor allem durch einen großen Einsatz in einem Kriegsgebiet bekannt: Mehr als 50 Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen arbeiten in einem von christlichen Milizen eingeschlossenen schiitischen Viertel Beiruts. Während ihres siebenmonatigen Einsatzes behandeln sie mehr als 5.000 Verletzte aller Gruppierungen. Die Unabhängigkeit unserer Arbeit findet Aufmerksamkeit. 

 

1981 Afghanistan

Einzige Hilfe für die Zivilbevölkerung im Mudschaheddin-Gebiet 

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Eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen behandelt einen Patienten im Mudschaheddin-Gebiet.
85 Mitarbeiter*innen reisten in die afghanischen Regionen Paktia, Nuristan und Hazarajat, um Kliniken aufzubauen.
©generic MSF

Bereits einige Monate nach der sowjetischen Invasion überqueren Ärzt*innen und Krankenschwestern heimlich die Grenze nach Afghanistan. Sie meiden die vom Militär kontrollierten Straßen und erreichen nach tage- und wochenlangen Ritten die Bergregionen der Mudschaheddin. Für einige Zeit sind diese Helfer*innen die alleinige medizinische Unterstützung für die Bevölkerung, die in den von den Rebellen gehaltenen Gebieten lebt.

Unsere Mitarbeiter*innen sind es auch, die in den folgenden Jahren die Öffentlichkeit darüber informieren, dass die sowjetische Armee gezielt Krankenhäuser und andere zivile Einrichtung bombardiert. Sie helfen zudem, Journalist*innen ins Land zu bringen, um eine unabhängige Berichterstattung zu ermöglichen. 

1994 Ruanda

„Ein Genozid kann nicht mit einer Handvoll Ärzte gestoppt werden 

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Ansammlung von mehreren hundert Geflüchteten
Geflüchtete aus Ruanda im benachbarten Kongo: Bereits im Juli 1994 gibt es mehr als 13.000 Tote unter den bis zu einer Million Flüchtlingen.
©Sebastiao Salgado

Anfang April 1994 führt ein Attentat auf ein Flugzeug des Präsidenten Ruandas innerhalb weniger Wochen zu einem Völkermord: Bis zu einer Million Menschen, die der Gruppe der Tutsi angehören oder als Oppositionelle innerhalb der Gruppe der Hutu verortet werden, werden umgebracht. Zum einzigen Mal rufen wir zu einer militärischen Intervention auf. Ein Völkermord ist im Gange und "ein Genozid kann nicht mit einer Handvoll Ärzte gestoppt werden" (Pressekonferenz von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen am 17. Juni 1994). Aus Angst vor den siegreichen Truppen flieht die ruandische Bevölkerung ins Nachbarland, die heutige Demokratische Republik Kongo. Als in den dortigen Camps die Cholera ausbricht, läuft eine unserer größten Hilfsaktionen an. Einige Monate später verlässt unsere Organisation diese Lager allerdings unter Protest, da diese von den Tätern des Völkermords kontrolliert werden: Geflüchtete, die nach Ruanda zurückkehren wollen, werden gewaltsam daran gehindert, unter Druck gesetzt oder getötet und Helfer*innen bedroht. 

 

1995 Srebrenica

Als einzige Organisation bis zum Fall der Enklave vor Ort 

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1995: Offensive gegen Enklave Srebrenica
Im Juli 1995 führte eine Offensive bosnisch-serbischer Milizen zum Fall der Enklave Srebrenica.
©Art Zamur

Mit dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens gehen in den 90er-Jahren eine Reihe von kriegerischen Konflikten einher. Seit 1992 herrscht in Bosnien Krieg. Aus der im Osten gelegenen Stadt Srebrenica sind die meisten Serb*innen geflohen. Diese wird zu einer bosnisch-muslimischen Enklave. Die Vereinten Nationen erklären sie zur Schutzzone. Drei Jahre lang steht die UN-Schutzzone Srebrenica unter der Belagerung bosnisch-serbischer Truppen. Wir versuchen, das erschöpfte medizinische Personal vor Ort zu unterstützen und sind als einzige Organisation bis zum Fall der Enklave tätig: Im Juli 1995 wird diese brutal von den belagernden Truppen eingenommen. Zehntausende Menschen werden aus Screbrenica deportiert. Männer werden von ihren Familien getrennt. Mehr als 8.000 Zivilisten - Männer und Jungen - werden ermordet.  

 

1999 Friedensnobelpreis

“Stellen Sie das Bombardement der Zivilbevölkerung in Tschetschenien ein”

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Zeremonie zur Vergabe Friedensnobelpreis Ärzte ohne Grenzen
Die Ärztin Dr. Marie-Eve Raguenaud nimmt für Ärzte ohne Grenzen den Friedensnobelpreis entgegen.
©Patrick Robert

1999 erhält unsere Organisation "in Anerkennung der bahnbrechenden humanitären Arbeit auf mehreren Kontinenten” für ihr Gesamtwerk den Friedensnobelpreis. “Jeder mutige und selbstaufopfernde freiwillige Helfer ist für die Betroffenen ein Mensch, der unparteiisch ist und mit Respekt ihre persönliche Würde anerkennt und widerspiegelt. All dies ist für die Not leidenden Menschen eine Quelle der Hoffnung auf Frieden und Versöhnung”, heißt es in der Begründung. Während der Verleihung in Oslo verurteilt unser damaliger internationaler Präsident, Dr. James Orbinski, die willkürlichen Bombenangriffe der russischen Truppen auf die tschetschenische Stadt Grosny: “Wir glauben nicht, dass Worte immer Leben retten können, aber wir wissen, dass Schweigen mit Sicherheit tötet. 

 

2005 Asien

Tsunami: Große Solidarität und ein ungewöhnlicher Schritt 

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Zerstörte Stadt Meulaboh nach Tsunami
Ärzte ohne Grenzen leistete nach dem Tsunami auch in der Stadt Meulaboh Hilfe. Sie war zur Häfte zerstört und konnte nur mit dem Hubschrauber oder Boot erreicht werden.
©Francesco Zizola/Noor

Hunderttausende Menschen sterben oder werden obdachlos, als am 26. Dezember 2004 ein Tsunami die Küsten Südostasiens verwüstet. Wir starten einen der größten Hilfseinsätze in unserer Geschichte. Gleichzeitig erhalten wir in kurzer Zeit ausreichend Spenden für die Finanzierung unserer medizinischen Einsätze im Katastrophengebiet. Die Folgen des Tsunamis lösen weltweit eine noch nie dagewesene Welle der Solidarität aus. Wir bitten die Öffentlichkeit bereits Anfang 2005 darum, nicht mehr zweckgebunden für Südostasien zu spenden, sondern zweckungebunden. So können wir die Mittel auch für Krisen in anderen Regionen, die weniger Aufmerksamkeit in den Medien erhalten, verwenden. Denn mit einem Stichwort für den Verwendungszweck versehene Spenden beinhalten die Verpflichtung, das Geld entsprechend dem geäußerten Wunsch zu verwenden. Bis heute ist unsere Haltung, dass sich der Umfang unserer Projekte nur nach dem Bedarf richten soll, nicht nach der Höhe der eingegangenen Spenden.  

 

2010 Haiti

Erdbeben: Soforthilfe unter Zeltplanen, unser größter Einsatz 

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Chirurgische Hilfe vor Carrefour Krankenhaus
In einer chirurgischen Behelfseinrichtung vor dem Carrefour Krankenhaus wird eine Patientin versorgt. Sie wurde durch das Erdbeben verletzt und hat zwei gebrochene Beine.
©Julie Remy

Im Januar 2010 wird Haiti von einem verheerenden Erdbeben erschüttert. Schätzungsweise werden 222.000 Menschen getötet und 1,5 Millionen obdachlos. Wir leisten im Land schon seit vielen Jahren Hilfe und können so bereits wenige Stunden nach der Katastrophe Verletzte behandeln. Doch auch die Einrichtungen, in denen wir arbeiten, sind größtenteils zerstört, so dass lebensrettende Operationen zunächst unter Zeltplanen stattfinden. Später funktionieren wir Gebäude zu Kliniken um und errichten ein aufblasbares Krankenhaus. Daraus entwickelt sich der größte Einsatz unserer bisherigen Geschichte. Angesichts der Armut und Gewalt in Haiti und der Größe der Katastrophe ist die Nothilfe nicht einfach. Bis Ende Oktober 2010 behandeln wir mehr als 358.000 Menschen, nehmen mehr als 16.500 chirurgische Eingriffe vor und begleiten 15.000 Geburten. Von Oktober bis Ende Dezember 2010 behandeln wir mehr als 84.500 Menschen gegen Cholera. 

 

2016 Rede vor der UN

“Beenden Sie die Angriffe auf Krankenhäuser" 

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Dr. Joanne Liu fordert Einhaltung Resolution vor UN.
Dr. Joanne Liu klagt in einer Sitzung der Vereinten Nationen Mitgliedsstaaten an, gegen eine Resolution zum Schutz medizinischer Einrichtungen zu verstoßen.
©Paulo Filgueiras

2015 hatten US-Streitkräfte unser Krankenhaus in Kundus in Afghanistan zerstört. Dabei waren 42 Patient*innen, Krankenhaus-Angestellte und betreuende Angehörige getötet worden. Im Mai des Folgejahres stimmt der UN-Sicherheitsrat einer Resolution zu, die von unserer Organisation und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) angestoßen wurde. Sie fordert den Schutz ziviler Einrichtungen ein. Im September 2016 spricht unsere damalige internationale Präsidentin, Dr. Joanne Liu, vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Denn leider zeigt sich weiterhin, dass der Angriff in Afghanistan keineswegs ein Einzelfall ist. Immer wieder wird das humanitäre Völkerrecht von verschiedenen Kriegsparteien auf diese Weise verletzt – auch nach der Verabschiedung der Resolution. Dr. Liu appelliert deshalb an die Versammlung: “Sie sind für den Schutz von Frieden und Sicherheit verantwortlich. Dennoch sind vier der fünf ständigen Mitglieder dieses Rates in unterschiedlichem Maße mit Koalitionen verbunden, die im vergangenen Jahr für Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen verantwortlich waren.”