Unsere Arbeits- und Organisationskultur
Der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen liegen die Leitgedanken unserer Charta zugrunde. Sie bildet die Basis unserer humanitären Arbeit, in der ein respektvoller Umgang mit unseren Patient*innen und unter Mitarbeiter*innen zentral ist. Eine diverse, inklusive und antirassistische Organisation zu sein, ist unser Ziel. Alle sollen sich gesehen, gehört, gerecht behandelt und sicher fühlen können: sowohl die unterstützten Patient*innen als auch unsere Mitarbeiter*innen. Gleichzeitig sollen die Communities, in denen wir arbeiten, mitgestalten können.
Um unseren Ansprüchen gerecht zu werden, haben wir in den vergangenen Jahren unsere Auseinandersetzung mit Rassismus und mit Möglichkeiten zur Vorbeugung von problematischem Verhalten intensiviert. Wir schauen aufmerksam auf die systemischen Dimensionen unserer Arbeit: beispielsweise auf das Verhältnis zwischen Helfer*innen und Patient*innen, aber auch zwischen lokalen und eingereisten Mitarbeiter*innen. Wir verstehen uns als lernende Organisation und bilden uns in diesen und anderen Bereichen kontinuierlich weiter. Was zu unserer Arbeitskultur gehört, erläutern wir im Folgenden.
Weiterentwicklung mittels inklusiver Prozesse
Viele der Prozesse, mittels derer wir unserer Arbeits- und Organisationskultur weiterentwickeln, werden in inklusiv angelegten Prozessen mit vielen Beteiligten herbeigeführt. Auf der Basis der Werte Vielfalt, Zusammenarbeit und Verantwortung ist jede*r dazu angehalten, in seinem Handeln die Gesamtorganisation im Blick zu haben. Wir arbeiten über Abteilungen, Teams, medizinische Projekte und Gremien des internationalen Netzwerks unserer Organisation hinweg zusammen, wie z.B. in projektorientierten agilen Teams.
Führungsverständnis und Raum für Eigeninitiative
Führung findet bei Ärzte ohne Grenzen auch abseits klassischer, hierarchischer Vorgesetztenfunktionen statt und umfasst das Leiten von Initiativen, Projekten oder Arbeitsgruppen. Dazu gehört auch informelle Führung, um Kolleg*innen zu motivieren oder überholte Arbeitsweisen in Frage zu stellen. Die Work-Life-Balance unser Mitarbeitenden ist uns ebenfalls ein wichtiges Anliegen, das in den Fortbildungen unseres Führungspersonals Thema ist und zu dem allen Mitarbeitenden zahlreiche Trainings zur Verfügung stehen.
Mehr Diversität in der Personalpolitik
9 Prozent unserer Mitarbeiter*innen arbeiten in den sektionalen Büros unserer Organisation (die meist in großen westlichen Städten angesiedelt sind). Alle anderen Kolleg*innen arbeiten an unseren Projektstandorten vor Ort: Neun von zehn unserer Mitarbeiter*innen dort stammen aus den Einsatzländern selbst, leben vor Ort und arbeiten meist längerfristig für uns. Diese Kolleg*innen leisten also den ganz überwiegenden Teil unserer Hilfe. Gleichzeitig sind aus dem Westen stammende Angestellte in vielen Bereichen unserer Organisation noch immer überrepräsentiert, insbesondere im Topmanagement sowie in führenden Positionen innerhalb unserer Projekte. Wir versuchen seit einigen Jahren durch verschiedene Maßnahmen eine Veränderung hin zu größerer Diversität herbeizuführen – zum Beispiel durch eine gezielte Mitarbeitenden-Förderung. Dazu gehört die Inklusion verschiedener gesellschaftlicher Gruppen wie etwa Menschen mit Behinderung, um ein Beispiel zu nennen. In unseren Projekten bieten wir beispielsweise für lokal angeworbene Mitarbeiter*innen Aus- und Fortbildungen an, die in vielen Projekten von Manager*innen für Personalentwicklung konzipiert und umgesetzt werden. Dabei geht es auch um die Förderung künftiger Führungskräfte.
Ein gerechtes Gehaltssystem
Wir arbeiten zurzeit an einer Gehaltsrevision, in der u.a. festgelegt werden soll, ob Mitarbeiter*innen ein lokales Gehalt, ein globales Gehalt oder eine Kombination aus beidem erhalten. Um diese Strategie zu entwickeln, lassen wir uns von Fachleuten beraten und vergleichen unser System mit dem anderer internationaler Nichtregierungsorganisationen.
Veränderung der Machtstrukturen
Seit einigen Jahren versuchen wir, auf eine Dezentralisierung der internationalen Organisationsstruktur von Ärzte ohne Grenzen zugunsten von Ländern des Globalen Südens hinzuarbeiten. So wurden etwa seit 2019 vier neue nicht-europäische regionale Sektions-Zusammenschlüsse gegründet: Ärzte ohne Grenzen Lateinamerika, Ärzte ohne Grenzen Südasien, Ärzte ohne Grenzen Ostafrika und Ärzte ohne Grenzen West- und Zentralafrika. Sie sind stimmberechtigte Mitglieder in unserem höchsten internationalen Gremium. Unsere Sektion West- und Zentralafrika betreut z.B. inzwischen selbst Projekte.
Verpflichtungen und Schulungen unserer Mitarbeitenden
Unsere Mitarbeiter*innen durchlaufen vor ihrer Anstellung ein sorgfältig angelegtes Personalauswahlverfahren. Sie verpflichten sich, sich an die in unserer Charta und in unseren Verhaltensrichtlinien festgelegten Leitprinzipien zu halten und ihr Berufsethos zu wahren. Zudem werden sie u.a. zu den Themen Gleichberechtigung, Diversität und Inklusion geschult. Schließlich werden alle Mitarbeiter*innen über Beschwerdemechanismen informiert und darin bestärkt, diese zu nutzen. Wir fördern in unserer Organisation eine Feedback-Kultur, die einen Raum schaffen soll, in dem alle – auch frühzeitig - Rückmeldungen zur Zusammenarbeit und zum Verhalten geben können. In den Projekten vor Ort gehört es insbesondere zur Verantwortung der Manager*innen, das Handeln unserer Mitarbeiter*innen auf diese Weise zu begleiten. Verfahren, um dennoch vorkommenden Machtmissbrauch zu identifizieren, zu melden und zu sanktionieren, bestehen bei uns seit Jahren.
Beschwerdemechanismen und Transparenz
Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Verfahren zur Vorbeugung und Nachverfolgung von Fehlverhalten zu verbessern. Dabei geht es u.a. darum, verbleibende Hürden zu verringern, damit alle Betroffenen sich ermutigt und befähigt fühlen, Vorkommnisse zu melden.
Eine Meldung ist über die Vorgesetzten, über eigens eingerichtete E-Mail-Adressen oder über Berichtswege außerhalb hierarchischer Strukturen möglich - etwa über externe Beschwerdestellen, auch anonym. Ebenso ermutigen wir Betroffene oder Zeug*innen an unseren Projektstandorten, Fehlverhalten zu melden. Wir prüfen vorgebrachte Fälle und sanktionieren problematisches Verhalten von Mitarbeitenden. Dies kann von einer Abmahnung bis zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses und zum Ausschluss aus der Organisation reichen.
Schließlich ist uns Transparenz ein wichtiges Anliegen. Wir veröffentlichen jährlich in einem Bericht, welche Beschwerden uns über unsere Meldemechanismen erreicht haben und wie wir damit umgegangen sind. Für 2025 erklären wir in einem Statement, wie wir mit Missbrauchsfällen im Tschad umgegangen sind.
Ärzte ohne Grenzen toleriert keinen Missbrauch und anderes Fehlverhalten. Wir setzen uns dafür ein, dass unsere Patient*innen, ihre Angehörigen und unsere Kolleg*innen in allen Programmen und Büros von Ärzte ohne Grenzen sicher sind. Gleichzeitig erkennen wir an, dass Missbrauch vorkommen kann und vorgekommen ist. Wenn dies geschieht, ist das ein schwerwiegender Vertrauensbruch und ein Verstoß gegen die Standards, die wir von allen erwarten, die mit und für Ärzte ohne Grenzen arbeiten. Die Folgen für Betroffene und ihr Umfeld können verheerend sein. Das Leid und den Schaden, der Patien*tinnen und Kolleg*innen zugefügt wurde, bedauern wir zutiefst.
Unsere Organisation hat in den vergangenen Jahren konkrete Schritte unternommen, um interne Systeme zum Schutz vor Missbrauch und Fehlverhalten zu stärken. Wir wissen jedoch auch, dass wir noch schnellere und substanziellere Fortschritte machen müssen.
In den Kontexten, in denen wir arbeiten, bestehen erhöhte Risiken:
- Menschen befinden sich häufig in verletzlichen Situationen
- Ressourcen sind knapp
- Machtungleichgewichte stark ausgeprägt
Missbrauch und Fehlverhalten können überall dort entstehen, wo ungleiche Machtverhältnisse existieren und es Gelegenheiten zur Ausbeutung oder anderen Formen des Missbrauchs gibt. Deshalb sind verlässliche Schutzmechanismen wichtig.
Wir können das Risiko von Missbrauch nicht vollständig eliminieren. Aber es ist unsere Verantwortung, Risiken so effektiv wie möglich zu reduzieren. Wir sind entschlossen, jedem Hinweis nachzugehen, aus jedem Fall zu lernen, Umfelder zu schaffen, in denen Menschen sicher Bedenken äußern können, und Betroffene zu unterstützen, wenn sie sich melden. Diese Arbeit erfordert ständige Wachsamkeit und nachhaltige Anstrengungen.
Wir arbeiten daran, Missbrauch und Fehlverhalten besser zu verhindern, zu erkennen und zu adressieren. In den vergangenen Jahren haben wir konkrete Schritte unternommen, um Präventions- und Schutzmechanismen zu stärken und unseren Umgang mit Missbrauch und Fehlverhalten zu verbessern. Dazu gehören:
- sicherere Einstellungs- und Personalmanagementverfahren
- Schulungen für Mitarbeitende
- die Einrichtung verschiedener Meldewege
- einzelne Untersuchungen
- Unterstützung für Betroffene
- Zusammenarbeit mit Patient*innen, Gemeinden und Mitarbeitenden, um Risiken zu erkennen und zu reduzieren.
Wir wissen, dass noch mehr zu tun ist. Stärkere Richtlinien und Systeme allein sind kein Beleg für Erfolg. Entscheidend ist, ob sie tatsächlich zu sichereren Umfeldern, mehr Vertrauen in Meldewege und eine bessere Unterstützung für Betroffene führen. Deshalb werden wir Erkenntnisse aus früheren Fällen und Untersuchungen nutzen, um unsere Systeme auf dieser Grundlage weiter zu stärken.
Wir bieten Betroffenen medizinische und psychologische Unterstützung an. Zusätzlich können wir auch bei rechtliche Fragen helfen.
Wir können jedoch nur in begrenztem Maß unterstützen.Größere Anstrengungen sind notwendig, um Betroffene proaktiv einzubeziehen, ihre individuellen Bedürfnisse und Präferenzen zu verstehen und angemessene Formen der Unterstützung zu identifizieren.
Der Zugang zu Hilfe kann für Betroffene durch erhebliche Hürden erschwert werden. Diese sind in den Kontexten, in denen wir arbeiten, oft noch ausgeprägter. Bedenken hinsichtlich der Vertraulichkeit von geteilten Informationen, deren Bewertung oder Angst vor Repressalien können dazu führen, dass Betroffene sich nicht ausreichend sicher fühlen, um Angebote wahrzunehmen. Sie können Stigmatisierung oder Nachteile erfahren, wenn sie sich äußern. Spezialisierte Angebote, die Bedarfe von Betroffenen in den Mittelpunkt stellen, sind möglicherweise begrenzt, schwer zugänglich, kaum bekannt oder nicht vertrauenswürdig.
Das macht Präventionsmaßnahmen wichtiger, damit Missbrauch gar nicht erst stattfindet.
Ärzte ohne Grenzen benennt Personen, die nachweislich Missbrauch begangen haben, nicht öffentlich. Das zu tun kann die Vertraulichkeit und Sicherheit von Betroffenen und Zeug*innen gefährden. Der Schutz der Vertraulichkeit ist außerdem zentral, um das Vertrauen in unsere Meldesysteme zu gewährleisten und Menschen dazu zu ermutigen, Bedenken oder Erfahrungen zu melden.
Im Rahmen unserer Einstellungsverfahren überprüfen wir Referenzen früherer Arbeitgeber, soweit uns das innerhalb des jeweiligen nationalen und rechtlichen Rahmens möglich ist. Allerdings können solche Referenzprüfungen nicht immer vollständige Informationen über frühere Beschäftigungen oder das Verhalten einer Person liefern. In Situationen, in denen wir unsere Aktivitäten rasch ausweiten, z.B. in akuten Krisen oder Notfällen, hat es sich als besonders schwierig erwiesen, Referenzen zuverlässig einzuholen.
Ärzte ohne Grenzen respektiert und unterstützt die Wünsche von Betroffenen, wenn es darum geht, ob Fälle an Behörden gemeldet werden sollen. In speziellen Fällen, die Minderjährige betreffen, kann eine Meldung an lokale Behörden erfolgen, abhängig vom Kindeswohl und weiteren Faktoren. Dazu gehört auch die Frage, ob es im jeweiligen Kontext vertrauenswürdige Justizmechanismen gibt.
Wenn Betroffene zugleich Patient*innen von Ärzte ohne Grenzen sind, können wir über medizinische Informationen verfügen, die für rechtliche Verfahren relevant sind. Wo dies angemessen ist und dem Wunsch der betroffenen Person entspricht, können wir diese Informationen für juristische Zwecke zugänglich machen.
Um ein Anliegen zu Missbrauch oder Fehlverhalten zu melden, wenden Sie sich bitte an die jeweils verantwortlichen Stellen für “Safeguarding”:
- Für das Operational Centre Amsterdam: rbu@amsterdam.msf.org
- Für das Operational Centre Brussels: Report.Abuse@brussels.msf.org
- Für das Operational Centre Barcelona: abuse.ocba@barcelona.msf.org
- Für das Operational Centre Geneva: Admin.Abus@geneva.msf.org oder https://msfocg.integrityline.app/
- Für das Operational Centre Paris: abus@paris.msf.org
- Für das Operational Centre West and Central Africa: safeguarding@waca.msf.org
- Für MSF Ubuntu: safeguarding@nairobi.msf.org
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Bekämpfung von institutioneller Diskriminierung und Rassismus
Wie Ärzte ohne Grenzen institutionelle Diskriminierung und Rassismus angeht – und wo weiterhin Veränderung nötig ist.
Weiterführende Informationen:
- Übersicht über weitere Themenfelder, denen Ärzte ohne Grenzen sich im Bereich Arbeits- und Organisationskultur verschrieben hat (in Englisch)
- Die Charta von Ärzte ohne Grenzen
- Verhaltensrichtlinien für Mitarbeitende
- Jährlicher Bericht über bei uns eingegangene Beschwerden (in Englisch)
- Blogbeitrag von Mitarbeiter*innen, die auf Veränderungsprozesse innerhalb unserer Organisation drängen: "In der humanitären Hilfe ist nicht alles in Ordnung."
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Unsere Geschichte
Jahrzehntelange Hilfe für Menschen in Not. Wichtige Meilensteine unserer Arbeit haben wir hier zusammengefasst.
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Überblick Finanzen
Transparenz steht für uns an erster Stelle. Unsere Finanzen und die Verteilung der Spendeneinnahmen können hier im Detail eingesehen werden.
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Unsere Arbeit und Einsatzländer
Finden Sie mehr heraus über unseren Themen, Einsatzbereiche und Einsatzländer.