Sexualisierte Gewalt in Darfur: Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht dürfen nicht straflos bleiben!
Content Note: Der Text enthält Schilderungen sexualisierter Gewalt.
Sie sind Frauen jeden Alters, sie sind Kinder, teilweise jünger als 5 Jahre. Seit Ausbruch des Krieges im Sudan mussten sie fliehen, teils mehrfach, alles zurücklassen, brutale Gewalt mit ansehen. Viele Angehörige wurden getötet, Familien auf der Flucht auseinandergerissen. Jetzt leben sie unter prekären Bedingungen in provisorischen Vertriebenencamps – ohne ausreichend Wasser, Nahrung, sanitäre Einrichtungen oder Gesundheitsversorgung. Ihr Leben ist ohnehin schwer – die Angriffe und das permanente Risiko sexualisierter Gewalt, macht es fast unerträglich.
Einige von ihnen haben uns ihre Geschichten erzählt:
Es geschah an einem Nachmittag, als wir das Camp verlassen haben. Wir waren zu dritt. Drei bewaffnete Soldaten haben uns angehalten. Wir mussten mit ihnen gehen. Sie brachten jeden von uns an einen anderen Ort. Sie vergewaltigten uns. Das ist mir jetzt schon zweimal passiert. Ich empfinde tiefen Schmerz. Es macht mich traurig. Das passiert hier jeden Tag.
20-jährige im Juli 2025, in einem Camp für Vertriebene bei Nyala, Süd-Darfur
Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt werden systematisch gegen die sudanesische Zivilbevölkerung eingesetzt, insbesondere in Nord- und Süd-Darfur, wo wir Überlebende behandeln. Inmitten extremer Unsicherheit, wo die brutalen Übergriffe oft als Mittel der Erniedrigung, des Terrors und der Kontrolle eingesetzt werden, fehlt es an Schutz und weiterführenden Betreuungsmöglichkeiten.
Sexualisierte Gewalt findet nicht im Vakuum statt
Am 15. April wird der Krieg im Sudan ins vierte Jahr übergehen, ein Krieg, der vor allem auf dem Rücken von Frauen und Mädchen ausgetragen wird, durch sexualisierte Gewalt, aber auch durch Folter, Plünderungen und Inhaftierungen. Die zivile Infrastruktur, Gesundheitseinrichtungen und medizinisches Personal sind immer wieder gezielten und wahllosen Angriffen durch die Konfliktparteien ausgesetzt.
Im humanitären Völkerrecht gilt ein absolutes Verbot sexualisierter Gewalt in bewaffneten Konflikten. Trotzdem berichten uns viele Überlebende von brutalen Vergewaltigungen, darunter Massenvergewaltigungen, Vergewaltigungen vor den Augen von Familienmitgliedern und Vergewaltigungen von Kindern. In Süd-Darfur war jede fünfte von uns behandelte Patient*in unter 18 Jahre alt, 41 von uns behandelte Kinder waren sogar jünger als fünf Jahre.
Unsere Daten zeigen auch dass Vergewaltigungen oft als Teil von Überfällen, Vertreibungen und anderen Angriffen einhergehen. Die Fallzahlen stiegen beispielsweise stark an als die Rapid Support Forces (RSF) den Ort Nyala eingenommen oder das große Vertriebenencamp Samsam angegriffen und zerstört hatten. Auch der Überfall auf die Stadt al-Faschir Ende 2025 brachte Hunderte Überlebende sexualisierter Gewalt in unsere Projekte.
Zudem gibt es Hinweise, dass - wie auch bei früheren Konflikten im Darfur - die Gewalt gegen Zivilist*innen eine ethnische Dimension hat und nicht-arabische Gruppen, wie die Zaghawa, Massalit, und die Fur systematisch durch die RSF angegriffen werden. Es gibt auch Hinweise auf gender-spezifische Angriffe bei denen die Männer getötet und Frauen, Jugendliche und Kinder vergewaltigt wurden.
Sie sagten, ihr seid mit den Joint Forces [sudanische Armee] und Ehefrauen der Falangayat. Sie haben die Mädchen vergewaltigt. Sie waren zu viert und jeder hat mich vergewaltigt, während die anderen meine Arme und Beine festhielten.“
28-jährige im Oktober 2025 in Um Baru
Gleichzeitig ist der bloße Alltag eine Aneinanderreihung von potenziell gefährlichen Situationen – insbesondere für Frauen und Mädchen. Ob beim Sammeln von Brennholz, beim Wasserholen oder der Suche nach Nahrung – nirgends sind sie sicher. Auch dort sind in den allermeisten Fällen die Täter bewaffnet, Angriffe geschehen oft durch direkte Androhung von Waffengewalt und es gibt mehrere Täter.
Die Spitze des Eisbergs
Trotz des Ausbaus unserer Hilfsangebote, gehen wir davon aus, dass unsere Daten nur einen Bruchteil des wirklichen Ausmaßes von sexualisierter Gewalt abbilden, da vielen Überlebenden der Weg zu humanitärer Hilfe verwehrt bleibt.
Selbst dort, wo es Hilfsangebote gibt, sind Überlebende enormen Hindernissen beim Zugang und weiteren Lebensgefahren ausgesetzt. Das Risiko ist hoch, dass sie oder Familienangehörige auf der Suche nach Hilfe erneut angegriffen oder getötet werden. Gleichzeitig gibt es administrative und rechtliche Hürden, die es Überlebenden schwer machen, niedrigschwellig Zugang zu Hilfe zu bekommen.
Währenddessen können unsere Teams zwar erste medizinische und psychologische Hilfe leisten, aber die Folgen der Gewalt für Überlebende gehen weit über die körperlichen Verletzungen hinaus. Viele sind ein Leben lang traumatisiert und leiden im Stillen, alleine. Stigma, Scham und die Angst vor Ausgrenzung hält Überlebende häufig davon ab, Hilfe aufzusuchen. Weiterführende Unterstützung, Schutzräume und vertrauliche Versorgung gibt’s es praktisch nicht.
- 3.396 Überlebende sexualisierter Gewalt haben wir im Zeitraum von Januar 2024 bis November 2025 in Nord- und Süd-Darfur behandelt
- 97 Prozent waren Mädchen oder Frauen
- 20 Prozent waren jünger als 18 Jahre
- 55 Prozent der Übergriffe geschahen bei Tageslicht - während des Besorgens von Wasser oder Lebensmitteln, bei der Arbeit auf dem Feld oder unterwegs
Dringender Handlungsbedarf
Die Lage im Sudan, erfordert dringendes Handeln durch die internationale Gemeinschaft, insbesondere Regierungen, die Vereinten Nationen und humanitäre Akteur*innen.
- Wir appellieren dringend an alle Konfliktparteien, einschließlich der RSF und ihren Verbündeten, jegliche Formen von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt sofort zu beenden und ungehinderten humanitären Zugang sowie die dringende Ausweitung von humanitärer Hilfe und Schutz von Überlebenden zu ermöglichen. Zudem fordern wir ein Ende der Straflosigkeit für jegliche Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht. Verbrechen von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt müssen geahndet werden und Überlebende müssen durch Schutz – und Präventionsmaßnahmen effektiv geschützt werden.
- Darüber hinaus muss die humanitäre Hilfe drastisch und nachhaltig ausgeweitet werden, um Überlebende zu erreichen. Es braucht eine dauerhafte Präsenz der Vereinten Nationen und anderer humanitärer Akteur*innen um das Leben der Zivilbevölkerung, darunter Millionen Vertriebene, effektiv zu schützen. Überlebende brauchen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene niedrigschwellige, vertrauliche, kostenlose medizinische und psychologische Hilfe, darunter auch reproduktive Gesundheitsleistungen, die alters – und geschlechtsspezifischen Faktoren berücksichtigen.
- Regierungen wie die Bundesregierung müssen wirksamen Druck auf die Konfliktparteien aufbauen, damit humanitäres Völkerrecht respektiert wird, der Schutz der Zivilbevölkerung absolute Priorität bekommt und die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Auch die am 15. April in Berlin stattfindende Sudan-Konferenz sollte genutzt werden, um konkrete Maßnahmen zum Schutz und Prävention zu identifizieren und zu ergreifen.
Das Auswärtige Amt arbeitet derzeit an seinem 4. Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Resolutionen des UN-Sicherheitsrates zu Frauen, Frieden und Sicherheit, darunter auch der Bekämpfung sexualisierter Gewalt. Situationen wie die im Sudan zeigen einmal mehr, dass solche Aktionspläne nur erfolgreich sein können, wenn sie konkrete Handlungsstrategien, Finanzierung und Unterstützung für humanitäre Programme und lokalen Frauenrechtsgruppen vorsehen, die oftmals die ersten Anlaufpunkte für Überlebende sind.
Wir sind es den Überlebenden und Ihren Gemeinschaften schuldig, dass diese Verbrechen nicht ohne Folgen bleiben.
Die internationale Gemeinschaft muss jetzt handeln, um die Zivilbevölkerung zu schützen und weitere Übergriffe von sexualisierter Gewalt zu verhindern.
Bericht: "There is something that I want to tell you..."
Sexualisierte Gewalt wird in Darfur systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Das zeigt ein neuer Bericht, der sich auf Aussagen von Betroffenen sowie auf unsere medizinische Daten stützt.
*Die Aussagen der Überlebenden und Betroffenen sexualisierter Gewalt im Bericht wurden nur mit ausdrücklichem und informiertem Einverständnis der Überlebenden geteilt. Viele der Überlebenden haben von sich aus über ihre schrecklichen Erfahrungen berichtet. Außerdem verwenden wir Pseudonyme zum Schutz ihrer Identität.