Sexualisierte Gewalt ist ein medizinischer Notfall
Hilfe für Überlebende sexualisierter Gewalt
Sexualisierte Gewalt betrifft Millionen von Menschen - weltweit, in unterschiedlichen Kontexten. Sie hinterlässt seelische und körperliche Wunden, die Betroffen oft ein Leben lang begleiten. Doch viel zu oft fehlt eine niedrigschwellige und vertrauensvolle Versorgung.
Eine schnelle Notfallversorgung schützt vor Infektionskrankheiten und vor ungewollten Schwangerschaften. Auch psychologische Versorgung ist immens wichtig. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass Betroffene schnell und umfassend betreut werden - unabhängig von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität.
So helfen wir
Wir bemühen uns sicherzustellen, dass wir in all unseren Projekten Überlebende von sexualisierter Gewalt versorgen können, da sexualisierte Gewalt überall und jederzeit verübt werden kann. An einigen Orten mit einem hohen Maß an sexualisierter Gewalt stellen wir spezielle Dienste für Überlebende rund um die Uhr zur Verfügung. Wir bemühen uns eine umfassende Versorgung mit einem Überlebenden zentrierten Ansatz anzubieten:
Psychologische Betreuung
- Erstberatung, um den Patient*innen zu helfen, den Schock zu verarbeiten.
- Beratungen und Nachsorge, um posttraumatischen Stress zu verhindern oder zu bewältigen.
- Beratung bei ungewollter Schwangerschaft
Medizinische Behandlung
- Versorgung von Körperverletzungen
- Schwangerschaftstests
- Sichere Schwangerschaftsabbrüche
- Medizinische Nachsorge nach unsachgemäßen Abbrüchen.
- Ärztliche Bescheinigungen für rechtliche Zwecke
Prävention
- Postexpositionsprophylaxe (PEP): Medikamente, die nach einem Übergriff vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützen können. Sie müssen möglichst innerhalb von 72 Stunden eingenommen werden.
- Impfungen gegen Hepatitis B und Tetanus
- Notfallverhütung, um eine Schwangerschaft zu verhindern
Ein strukturelles Problem
Gewalt gegen Frauen, Mädchen und als weiblich wahrgenommene Menschen ist weltweit ein strukturelles Problem. Sie leiden überdurchschnittlich häufig unter Formen sexualisierter Gewalt. Doch auch Jungen, Männer und als männlich gelesene Menschen sind betroffen.
In vielen Ländern wird sexualisierte Gewalt tabuisiert, obwohl sie weit verbreitet ist. Aus Angst vor Scham, Ausgrenzung oder den Reaktionen ihres Umfelds sprechen viele Menschen nicht über ihre Erlebnisse. In einigen Sprachen in der Zentralafrikanischen Republik gibt es beispielsweise nicht einmal ein Wort für „Vergewaltigung“. Das erschwert den Zugang zu schneller und vertrauensvoller Hilfe zusätzlich.
Sexualisierte Gewalt in Kriegen und Konflikten
Kriege, Flucht und Vertreibung machen Menschen besonders verletzlich. Für viele Frauen, Mädchen und weiblich gelesene Menschen wächst in solchen Situationen die Gefahr, sexualisierte Gewalt zu erleben.
Sexualisierte Gewalt wird in Konflikten immer wieder gezielt eingesetzt:
- als Mittel der Folter
- zur Demütigung
- Bestrafung
- zur Verbreitung von Angst
Besonders schutzlos sind häufig Frauen, LGBTQIA+-Personen und Kinder auf der Flucht – vor allem dann, wenn sie allein reisen. Gleichzeitig nimmt in bewaffneten Konflikten oft auch die Gewalt gegen Frauen im Alltag insgesamt zu.
Sexualisierte Gewalt in Darfur
Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht dürfen nicht straflos bleiben!
Sexualisierte Gewalt gegen Sexarbeiter*innen
In Ländern wie beispielsweise Malawi und Mosambik, in denen viele Menschen keine Arbeit und kein Einkommen haben, wenden sich Frauen verstärkt der Sexarbeit zu. Sexarbeiter*innen sind neben enormer Stigmatisierung und einem hohen HIV-Infektionsrisiko, auch immer wieder sexualisierter Gewalt ausgesetzt.
Viele der Betroffenen, die sexualisierte Gewalt während ihrer Arbeit erfahren, scheuen den Besuch von Gesundheitszentren aus Angst vor Diskriminierung. Für diese Berufsgruppe ist daher neben der Vermittlung von Wissen und Präventionsmethoden eine vertrauensvolle medizinische Betreuung besonders wichtig.
Wichtige Fragen und Antworten
Sexualisierte Gewalt umfasst viele Formen von Gewalt, darunter:
- Vergewaltigung
- sexueller Missbrauch
- sexuelle Ausbeutung
- Zwangssterilisation
- weibliche Genitalverstümmelung
Oft erleben Frauen, Kinder und Jugendliche diese Form von Gewalt. Aber auch Männer und Jungen sind von sexualisierter Gewalt betroffen. Aus Angst vor Stigmatisierung, Scham und aufgrund von Tabus fällt es männlichen Betroffenen häufig sehr schwer, über ihre Erlebnisse zu berichten oder Übergriffe zu melden.
Sexualisierte Gewalt und Gewalt gegen Frauen kann eine Vielzahl von Folgen für die körperliche und reproduktive Gesundheit haben.
Körperliche Verletzungen können von Stichwunden, Knochenbrüchen und Blutungen bis hin zur Entstehung von Vaginalfisteln reichen. Im Fall von sexuellem Missbrauch besteht zudem ein hohes Risiko, dass sich sexuell übertragbare Krankheiten wie HIV übertragen. Insbesondere bei Vergewaltigungen steigt das Risiko der Übertragung, da vaginale oder anale Risse einen Zugang für Krankheitserreger bieten.
Eine weitere Folge kann eine ungewollte Schwangerschaft sein. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen gegen die sexualisierte Gewalt verübt wurde, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen, doppelt so hoch wie bei jenen, die keine erlebt haben.
Überlebende von sexualisierter Gewalt leiden oft unter schweren psychischen Folgen. Häufig fühlen sie sich schuldig und denken, der erlebte Vorfall hätte vermieden werden können. Das Erleben von sexualisierter Gewalt und der damit verbundene Kontroll- und Vertrauensverlust kann sich auch auf die Fähigkeit der Überlebenden auswirken, Beziehungen zu anderen aufzubauen. Diese Gefühle werden häufig von klinischen Folgen wie posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen und Angstzuständen begleitet.
In vielen Gesellschaften werden die Überlebenden sexualisierter Gewalt stigmatisiert. Das kann die psychische Gesundheit der Betroffenen zusätzlich beeinträchtigen. In einigen Kulturen werden Überlebende von Partner*innen, Familienmitgliedern oder Gemeinden ausgeschlossen.
Wenn Sie selbst sexualisierte Gewalt erlebt haben, erleben oder vermuten, dass jemand in Ihrem Umfeld Gewalt erlebt, können sie beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ anrufen. Unter der Nummer 08000 116 016 erhalten Sie rund um die Uhr und in vielen verschiedenen Sprachen sicheren, anonymen und kostenlosen Rat. Auch ein Kontakt per Chat ist möglich.
Eine medizinische Untersuchung und Behandlung innerhalb von 72 Stunden nach einem Übergriff ist enorm wichtig, da in diesem Zeitfenster bestimmte Medikamente die Übertragung von Infektionskrankheiten verhindern können. Mit Notfallverhütungsmitteln kann zudem in diesem ersten Zeitraum einer ungewollten Schwangerschaft vorgebeugt werden.
Möglichst niedrigschwellig zugängliche Informationen stellen sicher, dass die Bevölkerung über die verfügbaren Gesundheitsdienste informiert ist und die Menschen wissen, wie wichtig es ist, sich nach einem sexuellen Übergriff schnell behandeln zu lassen. Aufklärungskampagnen sind deshalb wesentlicher Teil unserer Projekte zur medizinischen Versorgung von Überlebenden sexualisierter Gewalt.
Wir setzen uns dafür ein, das Bewusstsein für die Folgen sexualisierter Gewalt zu schärfen: Um über sexualisierte Gewalt und Gewalt gegen Frauen zu informieren und die Überlebenden zu ermutigen, Hilfe zu suchen, führen wir unter anderem Tür-zu-Tür-Gespräche, organisieren Theateraufführungen, sprechen im Radio und schalten Plakatkampagnen.
In einigen Gebieten, in denen die medizinische Versorgung nicht leicht zugänglich ist, haben wir Rettungsdienste eingerichtet, die Überlebende von sexualisierter Gewalt zu Kliniken transportieren, wo sie behandelt werden können. Eines dieser Projekte findet sich in Südafrika, sie Videobeitrag weiter unten.
Unter geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen versteht man jegliche Gewalt, die sich gegen Frauen richtet, weil sie Frauen sind, oder Frauen überproportional stark trifft.
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das fängt in der Sprache an:
Wir sprechen in Bezug auf Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, nicht von „Opfern“. Denn Opfer werden als machtlos oder passiv wahrgenommen und der Begriff reduziert die Person auf das, was ihr widerfahren ist. Indem wir sie “Überlebende” nennen, legen wir den Fokus auf ihre Handlungsfähigkeit, Stärke und Widerstandsfähigkeit, die es ihnen ermöglicht, das Erlebte zu verarbeiten und zu heilen.
So können Sie helfen
Werden Sie aktiv! Wir bieten Ihnen vielseitige Möglichkeiten, unsere humanitäre Arbeit zu unterstützen.
-----
[1] Wir möchten darauf hinweisen, dass selbstverständlich alle von sexualisierter Gewalt betroffene Menschen Zugang zu medizinischer und humanitärer Versorgung brauchen. Neben dem Geschlecht und der Geschlechtsidentität, also beispielsweise auch der Zugehörigkeit zu LGBTQIA+, gibt es weitere Merkmale, die Menschen besonders vulnerabel machen können: Sexarbeiter*innen, Geflüchtete oder Menschen mit Behinderung gehören etwa zu Gruppen, die sexualisierter Gewalt besonders ausgesetzt sein können.