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Unsichere Schwangerschaftsabbrüche: Eine übersehene Gesundheitskrise

Weltweit endet etwa jede vierte Schwangerschaft mit einem Abbruch. Unabhängig von Alter, ethnischer Zuschreibung, Nationalität oder Religion entscheiden sich Frauen zu diesem Schritt aus den unterschiedlichsten Gründen. Schätzungsweise erlebt eine von drei Frauen irgendwann in ihrem Leben einen Schwangerschaftsabbruch. Dennoch bleibt ein schweres Stigma, das die Frauen im Stillen leiden lässt.

Rund 45 Prozent der weltweiten Schwangerschaftsabbrüche sind sogenannte unsichere Abbrüche – und damit potenziell lebensgefährlich.* Denn wenn ein sicherer Abbruch unzugänglich ist, wenden sich viele Frauen und Mädchen gefährlichen Methoden zu, ungeachtet der Sicherheit und der gesetzlichen Einschränkungen. Unsere Mitarbeiter*innen sind täglich mit den katastrophalen Folgen unsachgemäß durchgeführter Abbrüche konfrontiert. Um Frauen vor solchen Schicksalen zu bewahren, arbeiten wir mit einem Drei-Säulen-Prinzip: Wir bieten Verhütungsmittel an, helfen mit medizinischer Nachsorge nach unsachgemäßen Abbrüchen und ermöglichen sichere Schwangerschaftsabbrüche.

Einer der Hauptgründe für Müttersterblichkeit 

Jedes Jahr werden schätzungsweise mehr als 25 Millionen Schwangerschaften unsicher abgebrochen und mehr als 22.800 Frauen und Mädchen sterben an den Folgen.* Unsichere Schwangerschaftsabbrüche sind damit einer der fünf Hauptgründe für Müttersterblichkeit weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert einen Schwangerschaftsabbruch als unsachgemäß, wenn er von Personen vorgenommen wird, die nicht über die erforderlichen Fähigkeiten verfügen oder in einem Umfeld stattfindet, das nicht den medizinischen Mindeststandards entspricht, oder beides. 

Neben den erschreckend vielen Todesfällen ist auch das Ausmaß der Komplikationen enorm: Rund sieben Millionen Frauen und Mädchen werden jedes Jahr aufgrund der Folgen eines unsachgemäß durchgeführten Abbruchs in Krankenhäuser eingeliefert.** 2019 haben wir mehr als 25.800 Patientinnen aufgrund von Komplikationen nach Schwangerschaftsabbrüchen behandelt, von denen die meisten wahrscheinlich auf unsichere Abbrüche zurückzuführen sind. In einigen Krankenhäusern, in denen wir arbeiten, dürften bis zu 30 Prozent der Komplikationen in der Geburtshilfe ihre Ursache in unsachgemäßen Schwangerschaftsabbrüchen finden. 

Sichere Schwangerschaftsabbrüche gehören zur Gesundheitsversorgung 

Ein Schwangerschaftsabbruch ist immer schwierig. Neben der schweren Entscheidung, vor der die Frau steht, ist der Abbruch oft mit Stigma behaftet oder wird tabuisiert. In vielen Ländern gibt es außerdem strenge gesetzliche Regelungen oder Verbote. Restriktive Gesetze oder Traditionen führen aber nicht dazu, dass weniger Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden. Sie resultieren lediglich in einer höheren Zahl unsicher vorgenommener Abbrüche mit den entsprechenden gesundheitlichen und psychischen Konsequenzen für die Frauen. 2019 haben wir Frauen bei 21.437 sicheren Abbrüchen unterstützt – mit Medikamenten oder ambulanten Eingriffen. 

Aufgrund der Covid-19-Pandemie hat sich die Situation für viele Frauen weiter verschlechtert. Gelder werden in die Bekämpfung des Coronavirus investiert und Mittel für die reproduktive Gesundheit gekürzt. Tausende Kliniken mussten schließen. Hinzu kommt, dass Ausgangssperren und Einschränkungen im öffentlichen Verkehr es Frauen erschweren, Gesundheitszentren zu erreichen. 

Drei Säulen für das Leben und die Gesundheit von Frauen 

Das Drei-Säulen-Prinzip gilt heute als bewährtes Vorgehen und Teil grundlegender Gesundheitsleistungen. Auch wir arbeiten in unseren Einsätzen mit den lokalen Gemeinschaften, Gesundheitsministerien und anderen medizinischen Organisationen nach diesem Prinzip: Wir versorgen Frauen mit modernen Verhütungsmitteln und bieten sowohl medizinische Nachsorge nach unsachgemäßen Abbrüchen als auch sichere Schwangerschaftsabbrüche an. 

Für uns sind sichere Schwangerschaftsabbrüche elementarer Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Eine Frau, die sich zu diesem Schritt entschließt, sollte nicht verurteilt werden. Sie braucht eine ausgebildete medizinische Ansprechperson, die ihr zuhört und ihre Fragen beantwortet – sie braucht eine gute medizinische Betreuung.

Wichtige Fragen & Antworten zum Thema sichere Schwangerschaftsabbrüche

Warum sind die Folgen unsicherer Schwangerschaftsabbrüche ein wichtiges Thema?

Unsichere Schwangerschaftsabbrüche und aus ihnen resultierende Todesfälle sind bis zu 97 Prozent in Afrika, Lateinamerika sowie Süd- und West-Asien zu verorten***. In all diesen Regionen arbeitet Ärzte ohne Grenzen. Unsichere Schwangerschaftsabbrüche sind absolut vermeidbar, dennoch sind sie diejenige Ursache von Müttersterblichkeit, die seit 1990 am wenigsten eingedämmt werden konnte. ****

Die lebensbedrohlichen Konsequenzen unsicherer Schwangerschaftsabbrüche, die wir behandeln, umfassen starke Blutungen, Blutvergiftungen, schwere Gebärmutterverletzungen und Schädigungen anderer innerer Organe. Das kann dazu führen, dass wir Bluttransfusionen leisten oder größere Eingriffe zur wiederherstellenden Chirurgie oder zur Entfernung der Gebärmutter vornehmen müssen. Zu den Langzeitfolgen gehören chronische Schmerzen, Blutarmut, Unfruchtbarkeit und damit verbundene soziale und ökonomische Konsequenzen für die Frauen, ihre Familien und Gemeinschaften. 

Welche Kriterien beachtet Ärzte ohne Grenzen bei sicheren Abbrüchen?

Im Rahmen unserer allgemeinen medizinischen Aktivitäten für die Gesundheit von Frauen und Mädchen leiten wir den Abbruch einer Schwangerschaft ein, um im Falle von lebensbedrohlichen Komplikationen das Leben einer Frau zu retten. Wir helfen auch medizinisch, wenn Frauen oder Mädchen den Abbruch ihrer Schwangerschaft wünschen. Die Entscheidung, ob ein Schwangerschaftsabbruch auf Wunsch der Patientin möglich ist, wird mit größtmöglicher Umsicht getroffen. Die Sicherheit unserer Patientinnen ist unser oberstes Anliegen. Alle relevanten rechtlichen Rahmenbedingungen, Bräuche und Auffassungen werden in Betracht gezogen.

Bis zu welchem Zeitpunkt ist ein Abbruch bei Ärzte ohne Grenzen möglich?

Ein gewünschter Schwangerschaftsabbruch ist in unseren Projekten bis zum Ende des ersten Drittels der Schwangerschaft möglich. Zu einem späteren Zeitpunkt kann ein Abbruch in Betracht kommen, wenn die medizinische Notwendigkeit besteht und die Umstände des Projekts es zulassen. Dabei spielt zum Beispiel eine Rolle, ob der Patientin absolute Vertraulichkeit zugesichert werden kann, ob das notwendige Material und Personal zur Verfügung stehen und ob in dem Projekt grundsätzlich die Möglichkeit besteht, schwerere Komplikationen adäquat zu behandeln.

Müssen Mitarbeiter*innen bereit sein, im Einsatz Abbrüche durchzuführen?

Unsere Mitarbeiter*innen müssen mit den Regelungen für Familienplanung einschließlich der Regelung für Schwangerschaftsabbrüche einverstanden sein. Alle Mitarbeiter*innen müssen bereit sein, die sichere Behandlung von Frauen zu gewährleisten – unabhängig von persönlichen Überzeugungen. Das bedeutet auch, jeden Grund für einen gewünschten Schwangerschaftsabbruch zu akzeptieren und sicherzustellen, dass jede Patientin von einer medizinischen Fachkraft über die Behandlung aufgeklärt wird und eine informierte Entscheidung treffen kann.

Informiert Ärzte ohne Grenzen in Projekten über die Möglichkeit eines Abbruchs?

Ärzte ohne Grenzen fördert Schwangerschaftsabbrüche in keiner Weise aktiv, sondern reagiert mit seiner Hilfe auf akute medizinische Probleme oder Anfragen von Patientinnen. Der Abbruch einer Schwangerschaft ist die alleinige Entscheidung der Frau bzw. des Mädchens. Unser einziges Ziel ist die Vermeidung der medizinischen Konsequenzen eines unsicheren Abbruchs. Denn Frauen, die beschließen ihre Schwangerschaft zu beenden, werden einen Weg finden, selbst wenn dies ihr Leben gefährdet.

Stellt Ärzte ohne Grenzen die „Pille danach“ zur Verfügung?

Wenn Patientinnen die Angst äußern, aufgrund von erzwungenem Sex, sexualisierter Gewalt, Versagen eines Verhütungsmittels oder aus anderen Gründen schwanger zu werden, prüft Ärzte ohne Grenzen, ob eine Notfallverhütung möglich ist. Auf Wunsch der Patientin stellen wir die sogenannte „Pille danach“ zur Verfügung.

* https://www.guttmacher.org/report/abortion-worldwide-2017 

**https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/preventing-unsafe-abortion // Die Dunkelziffern sind vermutlich viel höher – denn viele Frauen und Mädchen haben keine Möglichkeit, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ihr Leiden bleibt meist unerkannt und taucht in keiner Statistik auf.

***https://www.guttmacher.org/news-release/2017/worldwide-estimated-25-million-unsafe-abortions-occur-each-year
**** https://www.thelancet.com/action/showPdf?piiS0140-6736%2816%2931533-1

April 2021