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Gaza/Westjordanland: Wenn Ärzt*innen nicht mehr helfen dürfen

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Christian Katzer, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland

Christian Katzer

Ich habe einen MBA, bin Ingenieur und arbeitet seit 1999 für Ärzte ohne Grenzen. Ich war u.a. in Liberia, Afghanistan, Somalia und Osttimor im Einsatz. Im Berliner Büro habe ich die Personalabteilung sowie die Projektabteilung geleitet - seit 2020 bin ich Geschäftsführer der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen.

In den besetzten Palästinensischen Gebieten ist medizinische Nothilfe lebensnotwendig! Im Gazastreifen ist die Lage weiterhin absolut kritisch, fast jede Familie lebt unter äußerst unwürdigen Bedingungen in provisorischen Zelten ohne Strom und fließend Wasser, Tausende haben Kriegsverletzungen erlitten, die zum Teil bisher nur notdürftig versorgt werden konnten, Kinder erleiden Verbrennungen von den offenen Feuerstellen, an denen sie sich jetzt im Winter wärmen müssen. Infektionen breiten sich in den schlechten Lebensverhältnissen schnell aus. Mehrere tausend Menschen warten auf eine medizinische Evakuierung. Und auch im Westjordanland sind Vertriebene und Menschen mit chronischen Krankheiten auf uns angewiesen. 

Wir haben geplant, unsere Aktivitäten entsprechend dieses enormen Bedarfs auszubauen – dieses Jahr sind rund 110 Millionen Euro für unsere Hilfe in den besetzten Palästinensischen Gebieten vorgesehen. Denn wir wissen: 

Die Menschen in den besetzten Palästinensischen Gebieten brauchen mehr humanitäre Hilfe, nicht weniger. Aber diese Hilfe ist gerade in akuter Gefahr.

De facto ein Verbot, als Hilfsorganisation Hilfe zu leisten

Die Registrierung für unsere Arbeit in den besetzten Palästinensischen Gebieten ist am 31.12.2025 abgelaufen. Unser Antrag auf Neuregistrierung sei unvollständig, wurde uns mitgeteilt - offiziell, weil wir sensible Daten unserer palästinensischen Mitarbeitenden nicht weitergegeben haben. Lange vor Ablauf der Frist haben wir uns bemüht, mit der israelischen Regierung eine Lösung zu finden. Uns geht es dabei vor allem darum zu verstehen, wie diese sensiblen Daten verwendet werden, damit wir unserer Fürsorgepflicht gegenüber unseren Mitarbeitenden gerecht werden. Wir bemühen uns auch jetzt um Gespräche mit der israelischen Regierung, um einen Weg zu finden, wie wir weiter im Gazastreifen und Westjordanland Hilfe leisten können. Bislang haben wir aber noch kein adäquates Gesprächsangebot erhalten. 

Leider sind wir nicht so leicht ersetzbar

Was unsere Teams leisten, können nicht viele Organisationen. Ärzte ohne Grenzen ist einer der großen Gesundheitsanbieter in den besetzten Palästinensischen Gebieten. Müssten wir unsere Projekte an 20 Orten im Gazastreifen und 3 Orten im Westjordanland schließen, würde das eine massive Lücke hinterlassen:

Wir verantworten im Gazastreifen jedes fünfte Krankenhausbett, unsere Teams sind an jeder dritten Geburt beteiligt und allein im Jahr 2025 haben wir rund 100.000 Notfälle behandelt, 700 Millionen Liter Wasser verteilt und fast 100 Millionen Liter Trinkwasser produziert. 

Mir ist keine Organisation bekannt, die im Moment im Gazastreifen arbeitet, und unsere Arbeit ersetzen könnte. 

Die UN und die bislang unter dem neuen System registrierten internationalen Nichtregierungsorganisationen (INGO) können nur einen Bruchteil des Hilfsbedarfs decken. Andere Hilfsorganisationen sind ebenfalls nicht neu registriert worden, das heißt, hier droht ein Zusammenbruch von humanitärer Hilfe durch erfahrene und gut etablierte internationale Hilfsorganisationen. Die Folgen für Hunderttausende Menschen wären katastrophal – in einem Kontext, der dem Begriff der Katastrophe bereits mehrfach eine neue Dimension gegeben hat. 

Der Gedanke liegt nahe: „Das ist gewollt!“

Die israelischen Behörden haben in den vergangenen 2 Jahren systematisch humanitäre Hilfe blockiert und instrumentalisiert: Zugang wurde verwehrt, Lieferungen blockiert und gestoppt, Mediziner*innen angegriffen, eingeschüchtert und verhaftet und mit der sogenannten Gaza Humanitarian Foundation damals ein Verteilsystem geschaffen, das weder neutral noch bedarfsgerecht war und Hunderte Menschenleben kostete.

Im Kontext dieser Erfahrung, wirkt die Drohung, nun uns und anderen Hilfsorganisationen die Registrierung zu verweigern, wie ein weiterer Schritt, um Hilfe für die Palästinenser*innen einzuschränken, das Leben der Palästinenser*innen unerträglicher zu machen und Augenzeugenberichte zu unterbinden – und von der menschgemachten Katastrophe abzulenken. Wird der humanitäre und zivilgesellschaftliche Raum derart politisch kontrolliert, hebelt das unsere Unabhängigkeit aus und schafft einen gefährlichen Präzedenzfall.

Unsere Aufgabe ist es auch Zeugnis abzulegen

Die israelische Regierung hat nicht nur neue bürokratische Hürden geschaffen, sondern diffamiert Ärzte ohne Grenzen seit Monaten öffentlich gezielt mit nicht belegten Anschuldigungen, verzerrten Darstellungen und irreführenden Statistiken. Sie wirft uns eine anti-israelische Haltung vor sowie Verbindungen zur Hamas. Beide Vorwürfe sind haltlos und verkennen unseren Auftrag und unsere Arbeit. 

Als humanitäre Nothilfeorganisation leisten wir Hilfe nach den Prinzipien der Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit. Wir sind neutral in dem Sinne, dass wir keine Konfliktpartei sind. Aber diese Neutralität heißt nicht, dass wir nicht über das berichten, was wir sehen. Vielmehr ist genau das Teil unseres Auftrags: über die systematische Gewalt und Gräueltaten, die unsere Patient*innen erleben und wir bezeugen, zu berichten und diese öffentlich zu benennen.

Gefährliche Vorwürfe

Wir würden niemals wissentlich Personen beschäftigen, die an militärischen Aktivitäten beteiligt sind – das widerspricht unseren grundlegenden Werten und unserer Ethik. Eine solche Person würde die anderen Mitarbeitenden und unsere Patient*innen gefährden - und ihre Sicherheit hat für uns oberste Priorität. Es ist in unserem ureigenen Interesse, nicht als Konfliktpartei angesehen zu werden.

Solche Vorwürfe sind nicht nur falsch, sie sind gefährlich. 

Wenn humanitäre Organisationen delegitimiert werden, geraten nicht nur Helfer*innen in Gefahr, sondern auch die Menschen, die auf sie angewiesen sind. Krankenhäuser werden dann schneller zu legitimen Zielen erklärt, medizinisches Personal zu Verdächtigen. Das untergräbt das humanitäre Völkerrecht – weit über die besetzten Palästinensischen Gebiete hinaus.

Humanitäre Hilfe ist eine Verpflichtung!

Wir tun, was in unserer Macht steht, doch hier braucht es konkretes politisches Handeln: Angesichts des drohenden Einbruchs der humanitären Hilfe in den besetzten Palästinensischen Gebieten, muss auch die deutsche Bundesregierung ihren Einfluss auf die israelische Regierung nutzen, um sich für ein Umdenken der israelischen Regierung einzusetzen. Als einer der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Partner Israels sollte sie sich unmissverständlich und öffentlich für einen uneingeschränkten humanitären Zugang zum Gazastreifen und Westjordanland einsetzen – und versuchen, diesen mit allen diplomatischen und politischen Mitteln zu erwirken. 

Außerdem müssen sich alle Konfliktparteien an das humanitäre Völkerrecht einhalten. Humanitäre Hilfe muss ungehindert möglich sein. Andernfalls droht einer der größten menschengemachten Katastrophen unserer Zeit noch weiter zu eskalieren.

Wir dürfen nicht vergessen: Humanitäre Hilfe ist keine Wohltätigkeit, sondern eine völkerrechtliche Verpflichtung.