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Menschlichkeit darf nicht zur Verhandlungssache werden

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Christian Katzer, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland

Christian Katzer

Ich habe einen MBA, bin Ingenieur und arbeite seit 1999 für Ärzte ohne Grenzen. Ich war u.a. in Liberia, Afghanistan, Somalia und Osttimor im Einsatz. Im Berliner Büro habe ich die Personalabteilung sowie die Projektabteilung geleitet - seit 2020 bin ich Geschäftsführer der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen.

Es gibt Momente, in denen sich alles zu viel anfühlt: Zu viele Krisen. Zu viele Bilder. Zu viele Nachrichten. Viele Menschen wenden sich nicht aus Gleichgültigkeit ab, sondern aus Erschöpfung. Weil das Ausmaß des Leids kaum noch auszuhalten scheint. 

Doch während wir versuchen, inmitten der Nachrichtenflut Luft zu holen, verlieren andere gerade den Zugang zu medizinischer Hilfe, zu sauberem Wasser, zu einer sicheren Geburt. Nicht irgendwann. Jetzt.

Im Gazastreifen und im Westjordanland steht unabhängige humanitäre Hilfe vor dem Aus – nicht primär wegen fehlender Mittel, sondern weil sie politisch unerwünscht geworden ist. Deswegen müssen wir hinsehen.

Worum es hier geht – und warum es uns alle betrifft

Ende 2025 hat die israelische Regierung die Registrierung von Ärzte ohne Grenzen für den Gazastreifen und das Westjordanland nicht verlängert. Unsere medizinische Nothilfe vor Ort steht damit aktuell vor dem Aus.

Registrierungen für Hilfsorganisationen sind üblich. Doch in diesem Fall wurden gezielt Bedingungen an uns und andere humanitäre Akteure gestellt, die wir nicht erfüllen können, ohne unsere eigenen Mitarbeitenden einem enormen Risiko auszusetzen. Unter anderem sollten wir sensible personenbezogene Daten unserer Mitarbeitenden weitergeben – ohne ausreichende Garantien, dass diese Informationen geschützt sind und nicht missbräuchlich verwendet werden können. Ein datenschutzwidriger Umgang mit solchen Daten birgt erhebliche Risiken und kann dazu führen, dass unsere Teams konkret gefährdet werden.

Als humanitäre Organisation tragen wir Verantwortung – für die Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, und für unsere Mitarbeitenden. Uns vor diese unmögliche Wahl zu stellen, weiterhin in den Palästinensischen Gebieten zu arbeiten oder unsere Kolleg*innen zu schützen, ist nicht nur zynisch. Es ist ein Angriff auf die Grundsätze humanitärer Arbeit.

Die Folgen sind konkret – und lebensbedrohlich

Wir sind aktuell noch mit mehr als 1.200 Mitarbeitenden im Gazastreifen und Westjordanland im Einsatz. Sie halten ein Gesundheitssystem mit aufrecht, das unter der Last von Zerstörung, Blockade und chronischem Mangel weitgehend in Trümmern liegt.

Unsere Teams im Gazastreifen:

  • betreuen jedes 5. Krankenhausbett
  • begleiten jede 3. Geburt
  • sichern rund 30 % der Trinkwasserversorgung

Diese Zahlen stehen für Menschen. Für Kinder, die operiert werden müssen. Für Frauen, die zwischen Trümmern entbinden. Für Verletzte, die ohne Behandlung sterben würden.

Der Bedarf an medizinischer Hilfe ist dramatisch. Eigentlich müssten wir unsere Arbeit, so wie wir es geplant hatten, ausweiten. Stattdessen ist nun unklar, ob wir überhaupt weiter helfen dürfen. 

Ein gefährlicher Bruch mit dem humanitären Völkerrecht

Was hier geschieht, ist keine Frage von Bürokratie. Es ist ein politischer Akt – mit weitreichenden Folgen:

Wenn eine Konfliktpartei oder Besatzungsmacht entscheidet, welche humanitären Organisationen genehm sind und welche nicht, wird unabhängige Hilfe systematisch ausgehöhlt. Wenn NGOs als verdächtig deklariert werden, können ihre Mitarbeitenden in Lebensgefahr geraten. Wenn humanitäre Hilfe politisiert wird, verlieren Zivilist*innen ihren Zugang zu unabhängiger medizinischer Versorgung.

Das ist ein direkter Angriff auf unabhängige humanitäre Hilfe, wie sie im humanitären Völkerrecht verankert ist. Humanitäre Hilfe darf nicht zum Instrument von Kriegsführung werden. Sie muss unabhängig sein. Nur dann ist es möglich, auch in einem unmenschlichen Kontext für ein Mindestmaß an Menschlichkeit zu sorgen. Wenn wir zulassen, dass dieses Grundprinzip in den besetzten Palästinensischen Gebieten gebrochen wird, dann öffnet das die Tür für eine Politik der Willkür in anderen Konflikten – und zwar weltweit. 

Die deutsche Bundesregierung muss jetzt handeln

Als enger politischer Verbündeter der israelischen Regierung darf die deutsche Bundesregierung nicht länger schweigen.

Wir fordern Bundeskanzler Friedrich Merz auf, öffentlich und unmissverständlich klarzustellen: Die Aushöhlung unabhängiger humanitärer Hilfe ist nicht akzeptabel. Die Bundesregierung muss sich laut und deutlich dafür einsetzen, dass Ärzte ohne Grenzen und andere unabhängige Organisationen ihre lebensrettende Arbeit im Gazastreifen und im Westjordanland fortsetzen können. Der Moment dafür ist jetzt. Unsere Zeit läuft wortwörtlich ab.

Warum Wegsehen keine Option ist

Niemand kann all das Leid allein tragen oder lösen. Aber wir dürfen nicht akzeptieren, dass Menschlichkeit zur Verhandlungssache wird.

Unabhängige humanitäre Hilfe ist eines der letzten Versprechen, das in Kriegen und Konflikten noch gilt. Wenn wir zulassen, dass dieses Versprechen gebrochen wird, verlieren wir mehr als den Zugang zu einem Einsatzgebiet. Wir verlieren einen zentralen Maßstab dafür, was wir als internationale Gemeinschaft noch bereit sind zu verteidigen.

Humanitäre Hilfe verschwindet nicht plötzlich. Sie wird Schritt für Schritt unmöglich gemacht – wenn wir nicht handeln.