Die Situation in den Palästinensischen Gebieten
Die palästinensischen Gebiete befinden sich im Krisenzustand: Im Gazastreifen ereignet sich seit nunmehr über 2 Jahren eine menschengemachte Katastrophe: systematische Gewalt, Hungersnot, gezielte Angriffe auf Zivilist*innen und medizinische Infrastruktur, Blockade und Instrumentalisierung von humanitärer Hilfe. Mehr als 70.000 Menschen wurden seit Oktober 2023 getötet, mehr als 171.000 verletzt. Jetzt, wo die Waffen schweigen, wird das Trauma der Menschen und das Ausmaß der Zerstörung erst richtig sichtbar: lebensverändernde Verletzungen, psychische Belastungen, zerstörtes Zuhause, keine zivile Infrastruktur mehr.
Im Westjordanland ist das Leben und der Zugang zu Gesundheitsversorgung der palästinensischen Bevölkerung durch die israelische Besatzung stark eingeschränkt und auch hier hat die Gewalt in den vergangenen 2 Jahren zugenommen.
Unsere Teams sind in beiden Gebieten im Einsatz: Wir tun, was wir können, um zu helfen und Leben zu retten. Am 31. Dezember ist unsere Registrierung für die Arbeit im Gazastreifen und im Westjordanland ausgelaufen. Der Grund: Wir haben nicht alle von den israelischen Behörden geforderten Daten über unsere palästinensischen Mitarbeitenden eingereicht, aus legitimer Sorge um die Sicherheit unserer Teams. Wir bemühen uns weiterhin um einen Dialog mit den israelischen Behörden, damit wir unsere lebenswichtigen Aktivitäten fortsetzen können. Die Gewährung humanitärer Hilfe ist eine Verpflichtung nach internationalem Recht.
Wir fordern
- Humanitäre Hilfe massiv ausweiten und die Einfuhr von Gütern uneingeschränkt möglich machen!
- Medizinische Evakuierungen nach Deutschland erlauben!
- Den Waffenstillstand einhalten!
- Medizinisches Personal, Patient*innen und Gesundheitseinrichtungen schützen!
- Ethnische Säuberungen und Zwangsvertreibung im Westjordanland stoppen!
Medizinische Evakuierungen nach Deutschland ermöglichen!
Tausende Menschen im Gazastreifen sind schwer verletzt oder schwer erkrankt – viele nach Bombenangriffen, andere mit chronischen Krankheiten. Sie alle brauchen dringend medizinische Hilfe, die es im Gazastreifen nicht mehr gibt. 18.500 Menschen warten aktuell auf eine medizinische Evakuierung – 22 % davon sind Kinder. Deutschland hat bis jetzt keine medizinischen Evakuierungen möglich gemacht. Die Bundesregierung muss den Kommunen und Städten, die bereit sind, Patient*innen aufzunehmen, die Erlaubnis dafür erteilen.
Medizinische Evakuierungen aus Gaza
nach Ländern (Auswahl), 01. Oktober 2023 - 03. Dezember 2025So helfen wir
Ärzte ohne Grenzen ist seit 1989 in den Palästinensischen Gebieten aktiv. Aktuell sind wir im Gazastreifen mit mehr als 1.200 Mitarbeiter*innen und im Westjordanland mit mehr als 170 Mitarbeiter*innen im Einsatz.
Seit Beginn der systematischen Gewalt im Gazastreifen nach dem brutalen Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 haben wir:
Gazastreifen: Eine menschengemachte Katastrophe
Häufig gestellte Fragen
Die Mengen an Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütern, die derzeit in den Gazastreifen gelangen, reichen bei Weitem nicht aus, um den enormen Bedarf an Lebensmitteln, Treibstoff und medizinischer Versorgung zu decken. Grund dafür ist die weitgehendende Blockade der israelischen Regierung – daran hat sich durch den aktuellen Waffenstillstand nicht viel geändert. Die drastische Knappheit an Gütern im Gazastreifen ist das Resultat politischer Entscheidungen: Außerhalb der Grenzübergänge warten LKW mit vielen Tonnen an Hilfsgütern darauf, von den israelischen Behörden hineingelassen zu werden. Was es jetzt sofort braucht, sind Einfuhrgenehmigungen für Güter in großem Umfang, schnellere Abfertigungsverfahren und eine sichere und koordinierte Abholung und Auslieferung. All dies sicherzustellen liegt in der Verantwortung der israelischen Regierung. Als Besatzungsmacht im Gazastreifen und im Westjordanland ist die israelische Regierung derzeit der einzige Akteur, der gewährleisten kann, dass Hilfe im ausreichenden Umfang die Menschen in Gaza erreicht.
Ja, laut der Integrated Food Security Phase Classification (IPC), dem globalen Standard-Instrument zur Einstufung von Ernährungssicherheit, wurde die Schwelle zur Hungersnot in Teilen des Gazastreifens, darunter Gaza-Stadt, im Sommer 2025 überschritten. Damals haben wir in unseren Gesundheitseinrichtungen dort einen stetigen und signifikanten Anstieg der Zahl mangelernährter Patient*innen. Erhebungen in unseren Einrichtungen haben gezeigt: 25 % der Kinder und Schwangeren in unseren Projekten waren mangelernährt. Auch im restlichen Gazastreifen leiden die Menschen auch jetzt noch unter Nahrungsmittelknappheit. Auch unsere eigenen Mitarbeitenden sind von Nahrungsmittelknappheit betroffen. Mangelernährung kann lebensbedrohlich werden, hat gravierende Langzeitfolgen insbesondere bei Kindern und beeinträchtigt die Fähigkeit der Menschen, sich von schweren Verletzungen oder anderen Erkrankungen zu erholen. Diese katastrophale Situation ist komplett menschengemacht – und kann durch entsprechende politische Entscheidungen beendet werden.
Wir verwenden diesen Begriff nicht leichtfertig. Was unsere Teams im Gazastreifen seit Oktober 2023 sehen und erleben, lässt für uns jedoch keine andere Schlussfolgerung mehr zu, als dass die palästinensische Bevölkerung dort vorsätzlich vernichtet werden soll. Wir sehen: gezielte Angriffe der israelischen Armee auf Zivilist*innen, ziviles Leben (Schutzunterkünfte, Schulen) und zivile Infrastruktur (Wasseraufbereitungsanlagen, Nahrungsmittelproduktion) im Gazastreifen; die fast vollständige Zerstörung der medizinischen Infrastruktur; die politisch gewollte Blockade dringend benötigter Hilfsgüter, insbesondere von Nahrungsmitteln, Mitteln zur Wasseraufbereitung und medizinischen Gütern; die gewaltsame Vertreibung und damit Umsiedlung der Menschen durch sogenannte Evakuierungsbefehle; und die Instrumentalisierung von humanitärer Hilfe für militärische und politische Zwecke. All diese Maßnahmen entziehen den Palästinenser*innen in Gaza systematisch die Lebensgrundlagen und greifen sie gezielt an. Wir halten es für unsere moralische und humanitäre Pflicht, das klar zu benennen. Deshalb sprechen wir von Genozid.
Der Waffenstillstand allein bedeutet nicht unbedingt das Ende des Genozids. Ein Genozid kann auch mit anderen Mitteln begangen werden, beispielsweise durch die Verweigerung von Lebensgrundlagen wie Zugang zu Nahrung, Wasser, medizinischer Versorgung und sicherer Unterkunft. Eine genaue Beobachtung der humanitären Hilfe und sowie Anzeichen einer möglichen Wiederaufnahme der Gewalt ist jetzt unerlässlich.
Wir sind zutiefst erschüttert über die Gewalt und die Massaker der Hamas und verurteilen die Angriffe auf Israel und die Geiselnahmen. Wir haben zudem alle Konfliktparteien wiederholt aufgefordert, den Schutzstatus medizinischer Einrichtungen zu respektieren, eine ausreichende Versorgung der Menschen mit humanitärer Hilfe sicherzustellen und auf einen Waffenstillstand hinzuarbeiten. Wir fordern weiterhin einen sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand von allen Konfliktparteien. Als medizinische Hilfsorganisation haben wie es uns zur Aufgabe gemacht, über das zu berichten, was wir in den Gebieten, in denen wir tätig sind, direkt beobachten. Ärzte ohne Grenzen selbst hat nie beobachtet oder bestätigen können, dass die Hamas militärische Aktionen in Krankenhäusern durchgeführt hat. Hätten wir Beweise dafür gehabt, hätten wir aus Gründen der Sicherheit unserer Patient*innen und Mitarbeitenden unsere Präsenz in diesen Einrichtungen nicht aufrechterhalten können und dies unmissverständlich angeprangert.
Seit Mai 2024 hat Ärzte ohne Grenzen insgesamt 126 Patient*innen evakuiert – 113 Patient*innen direkt aus dem Gazastreifen und 113 aus Ägypten (Stand 12.2025). Patient*innen sterben, während sie auf eine Evakuierung warten - unter ihnen sind Kinder, die an angeborenen Herzfehlern, Malabsorptionsstörungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts), Krebs und Nierenerkrankungen leiden.
Während die WHO den Koordinierungsprozess mit dem Gesundheitsministerium und den Aufnahmeländern leitet, hat Ärzte ohne Grenzen eine ergänzende Rolle übernommen und sich auf die politische Arbeit konzentriert. Das heißt, wir bemühen uns, in verschiedenen Ländern auf Regierungen einzuwirken, damit dort Aufnahmekapazitäten erhöht werden, und die Regierungen sich für die Schutzgarantien für Patient*innen im Ausland, das Recht auf Rückkehr in den Gazastreifen nach der Behandlung oder den Wiederaufbau des Gesundheitssystems im Gazastreifen einsetzen.
Ein Ende unserer Arbeit im Westjordanland und im Gazastreifen wäre für die medizinische Versorgung der Bevölkerung ein dramatischer Einschnitt. Unsere Teams betreuen jede dritte Geburt und 20 Prozent aller Krankenhausbetten im Gazastreifen, da das palästinensische Gesundheitssystem weitgehend zerstört ist. Allein im Jahr 2025 haben wir dort 800.000 ambulante Konsultationen durchgeführt. Wir operieren Schwerstverletzte und versorgen ihre Wunden, impfen zum Beispiel gegen Polio und versorgen chronisch Erkrankte mit lebensnotwendigen Medikamenten. Außerdem übernehmen wir eine Rolle in der Versorgung mit Trinkwasser: So haben wir 2025 mehr als 700 Millionen Liter Wasser verteilt und 100 Millionen Liter aufbereitet.
Die Menschen im Gazastreifen brauchen mehr Hilfe, nicht weniger.
Westjordanland: Leben unter Besatzung
Seit 2023 hat die brutale Gewalt auch hier zugenommen: Mehr als 1.000 Palästinenser*innen wurden seit Oktober 2023 im Westjordanland getötet und mehr als 10.000 verletzt. Tausende Menschen wurden durch Militäroperationen der israelischen Armee, Zwangsräumungen und die Zerstörung ihrer Häuser vertrieben. Angriffe von Siedler*innen, die oft straffrei bleiben, führen ebenfalls zu einer zunehmenden Vertreibung. Viele Palästinenser*innen leben mittlerweile in Vertriebenencamps, die jedoch auch keinen dauerhaften Schutz bieten.
Seit Anfang 2025 werden unsere Teams immer wieder Zeug*innen von Maßnahmen und Praktiken, die offensichtlich darauf abzielen, die palästinensische Bevölkerung dauerhaft zu verdrängen und jede Möglichkeit einer Rückkehr zu verhindern.
Durch israelische Kontrollpunkte und Straßensperren innerhalb des Westjordanlands sind viele Städte und Dörfer seit langem voneinander abgeschnitten. Auch unser Zugang ist stark eingeschränkt. Die Menschen werden immer wieder daran gehindert, zur Ärzt*in, zu Lebensmittelmärkten, zur Schule oder zur Arbeit zu gehen. Auch Krankenwagen und medizinische Einrichtungen werden blockiert oder angegriffen. Außerdem fehlt es an Treibstoff, Wasser und Nahrung. Die Lebenssituation der Palästinenser*innen im Westjordanland wird dadurch immer prekärer.
So können Sie helfen
Wir bieten Ihnen vielseitige Möglichkeiten, unsere humanitäre Arbeit zu unterstützen.
Zuletzt aktualisiert am 19. Dezember 2025