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Mitten im Krieg: Wie sudanesische Kolleg*innen Leben retten

Jeder und jede unserer Kolleg*innen im Sudan hat durch den Krieg etwas verloren: Lebensorte, Arbeitsstätten, Zuhause und so oft auch Angehörige oder Freund*innen. Dennoch kommen sie jeden Tag zur Arbeit in unsere Einrichtungen: 1.470 vor Ort angestellte Mitarbeiter*innen und 5.500 Mitarbeitende des Gesundheitsministeriums sind die Säulen unserer Hilfe im Sudan – hier kommen einige zu Wort. 

Viele dieser Kolleg*innen kommen aus der westlichen Region Darfur, zuletzt ein Epizentrum des Kriegs zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und der Miliz der Rapid Support Forces (RSF). Die Brutalität des Konflikts hat Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Viele von ihnen flohen, nachdem die RSF die Kontrolle über die belagerte Stadt al-Faschir übernommen hat von dort. Mehr als Zehntausend von ihnen in das 60 Kilometer weiter westlich gelegene Tawila, wo wir sie unterstützen. 

Wenn Kinder anderen Kindern helfen, zu überleben

Hanan, Sozialarbeiterin im Bereich psychische Gesundheit in Tawila

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Unsere Mitarbeiterin Hanan in Weste von Ärzte ohen Grenzen
Hanan unterstützt Überlebende von Gewalt und Traumata. Ihr Hauptaugenmerk gilt verlassenen Kindern.
© Marwan Taher/MSF

In Tawila ist Hanan täglich Zeugin einer Tragödie, die sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Seit Beginn der Vertreibung hat sie das Grauen gesehen, das sich in Körpern und Seelen eingeprägt hat. Sie sieht das Trauma, das Frauen erleben, „sei es körperlich oder psychisch“, und das tiefe Trauma sexualisierter Übergriffe. 

Aber inmitten dieses Chaos kümmert sie sich um eine weitere Krise: die Lage zurückgelassener Kinder. „Wir finden oft verlassene Kinder“, erklärt sie. Hanan wird nie eine Gruppe von vier Kindern vergessen, die sie im Camp getroffen hat. Ihre Mutter war verstorben, und ihr Vater war im Chaos um die Stadt al-Faschir verschwunden. Der Älteste, erst 12 Jahre alt, versuchte verzweifelt, seine drei jüngeren Geschwister zu ernähren. Alle litten bereits unter schwerer Mangelernährung. 

„Ohne die Hilfe von Nichtregierungsorganisationen können diese Kinder nicht überleben“, sagt Hanan. Im von uns unterstützten Krankenhaus in Tawila erhalten sie endlich die Versorgung, die sie brauchen. 

„Der Krieg hat mir meine größte Errungenschaft genommen“

Sondos und Hagwa, Mitarbeiterinnen der Entbindungsstation in West-Darfur

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Unsere Mitarbeiterin Sondos in Weste von Ärzte ohne Grenzen
Der Krieg unterbrach Sondos Ausbildung und kostete mehrere ihrer Familienmitglieder das Leben, aber sie fand Kraft in der Freiwilligenarbeit. Später schloss sie sich uns an, um lebenswichtige medizinische Versorgung zu leisten.
© Natalia Romero Peñuela/MSF

„Als der Krieg begann, war ich in meinem letzten Studienjahr, aber meine Universität wurde geschlossen“, sagt Sondos aus der Stadt al-Dschuneina. „Der Krieg hat mir meine größte Errungenschaft genommen.“ Ohne Abschlusszeugnis kann sie nicht als Krankenschwester arbeiten, daher ist sie als medizinische Dolmetscherin im Lehrkrankenhaus der Stadt tätig. Der Konflikt zwang auch einige ihrer Familienmitglieder, für drei Monate aus der Stadt zu fliehen. Als sie zurückkehrten, musste sie feststellen, dass ihr Bruder, ihre Tante und mehrere andere Verwandte gestorben waren. 

Es war das schwierigste Jahr meines Lebens“, sagt sie. Aber mit der Kraft, die ihr noch blieb, schloss sie sich einer Gruppe von Freiwilligen an, die die Notaufnahme des Krankenhauses wiedereröffneten. „Wir wollten einfach unserer Gemeinde helfen, weil die Menschen darunter litten, keine medizinischen Einrichtungen zu haben. Wir arbeiteten, bis Ärzte ohne Grenzen ins Krankenhaus zurückkehrte, und dann konnten wir mit ihnen weitermachen“, erklärt sie. 

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Unsere Mitarbeiterin Hagwa in Innenhof
Hagwa wurde durch den Krieg vertrieben. Sie ist stolz darauf, ihre Gemeinschaft zu unterstützen, trauert jedoch um den Verlust der Einheit und des Vertrauens, die einst die Menschen im Sudan verbanden.
© Natalia Romero Peñuela/MSF

Auf der Entbindungsstation arbeitet Sondos mit Hagwa zusammen, einer Krankenschwester des Gesundheitsministeriums, die von uns finanziell unterstützt wird. Hagwa sagt, dass einer der größten Verluste, die der Konflikt verursacht hat, der Vertrauensverlust unter den Menschen ist. „Vor dem Krieg waren die Sudanes*innen gleich – freundlich, liebevoll und fürsorglich miteinander. Aber wegen des Krieges kommt es zu schlechten Verhaltensweisen“, sagt sie: „Familien wurden getrennt und sind verängstigt. Unser Zuhause ist nicht mehr sicher.”

Dank der Arbeit unserer sudanesischen Kolleg*innen haben wir im Jahr 2025 beispielsweise:

  • Nach der Flucht: Unter den neuen Patient*innen sind altbekannte

    Albushra, orthopädischer Chirurg in Tawila 

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    Albushra in OP Kleidung und Maske
    Nachdem Albushra aufgrund der verheerenden Gewalt aus al-Faschir geflohen war, leistet er nun wichtige medizinische Hilfe, motiviert durch sein Engagement für seine Patient*innen und das Bedürfnis nach Sicherheit.
    © Natalia Romero Peñuela/MSF

    Albushra floh aus al-Faschir und kam eine Woche vor der vollständigen Eroberung der Stadt durch die RSF im Krankenhaus von Tawila an. Er und seine Frau ließen ihr angenehmes Leben in einem freundlichen Teil von al-Faschir zurück. In den Monaten vor ihrer Flucht war dieses Leben jedoch unerträglich geworden. „Es bestand große Gefahr, weil jederzeit mit Beschuss zu rechnen war“, sagt er. Und er wollte einen sicheren Ort für seine schwangere Frau zur Geburt finden. 

    Zwei Wochen nach der Eroberung von al-Faschir war seine erste Aufgabe als Chirurg in unserem Krankenhaus in Tawila, einen Patienten zu versorgen, der bei der Eroberung der Stadt einen Teil seines Beines verloren hatte. Der Patient stellte sich als entfernter Cousin von Albushras heraus, der zuvor drei Tage lang mit offener Verletzung durch eine Kugel auf einem Eselskarren unterwegs gewesen war. 

    Albushra möchte weiterhin medizinische Hilfe leisten wegen seiner Patient*innen: „Einige meiner Patient*innen von dort sehe ich jetzt hier wieder“, sagt er. 

    Leben in eine Welt bringen, die unter Beschuss steht

    Zoubeida, Hebamme in Nord-Darfur

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    Unsere Mitarbeiterin Zoubeida in Weste von Ärzte ohen Grenzen.
    Nachdem Zoubeida vor dem Krieg in al-Fashir geflohen ist, hilft sie nun schwangeren Frauen und Neugeborenen.
    © MSF

    Für Zoubeida war der Krieg im Sudan eine Wegstrecke, bei der es ums Überleben ging. Die aus dem Samsam-Camp stammende Frau musste fliehen, als der Frieden zerbrach. „Ich hätte al-Faschir niemals verlassen, wenn ich nicht gezwungen gewesen wäre“, sagt sie. Der lange Weg durch Darfur war anstrengend und schmerzhaft. Bei ihrer Ankunft war sie eine Geflüchtete in Not, die Hilfe durch Nichtregierungsorganisationen fand, die sie u.a. mit Nahrungsmitteln versorgten. 

    Aber Zoubeidas Geschichte endete nicht damit, dass sie Hilfe erhielt. Angetrieben von ihrer medizinischen Berufung schloss sie sich Ärzte ohne Grenzen als Hebamme an. Jetzt unterstützt sie schwangere Frauen und Neugeborene. Mitten in einem Geflüchtetencamp hilft sie, neues Leben in eine Welt zu bringen, die unter Beschuss steht. Ihre Gebete gelten denjenigen, die durch den Krieg ums Leben gekommen sind, und der „schnellen Genesung der Verwundeten“. 

    Krieg im Sudan: Extreme Gewalt und Mangelernährung

    38% der Gesundheitseinrichtungen im Sudan sind nicht funktionsfähig. Erfahren Sie, wie wir vor Ort helfen!