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Westjordanland: "Sicherheit, Würde und Hoffnung sind hier hohl"

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Rotation 24 - Disembarkation

Anonym

Ich arbeite als Psycholog*in für Ärzte ohne Grenzen in Hebron, Westjordanland.
(Hinweis der Redaktion: Der*die Autor*in wird aus Datenschutzgründen nicht namentlich genannt.)

„Wenn ich sterbe, möchte ich mit meiner Familie sterben." Ein Satz, den meine Patient*innen in Hebron im Westjordanland unweigerlich denken, wenn sie die Bilder aus dem Gazastreifen sehen, wo Menschen die Überreste ihrer Angehörigen einsammeln. Das sind keine abstrakten Gedanken. So versucht der Verstand, das Unvorstellbare zu verarbeiten. Statt für ihre Zukunft oder die ihrer Kinder zu planen, klammern sich viele an den Gedanken eines möglichst schmerzlosen Todes: Ein Tod, der sofort eintritt und niemanden zurücklässt.

Wir alle warten darauf, dass wir an der Reihe sind

Gewalt ist im Westjordanland, dem zweiten Teil der besetzten Palästinensischen Gebiete, zwar nichts Neues, doch seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die Lage auch hier verschärft. Wir erleben eine drastische Eskalation: Kontrollpunkte und Straßensperren haben palästinensische Städte und Dörfer voneinander abgeschnitten. Diese Einschränkungen hindern die Palästinenser*innen daran, grundlegende Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Lebensmittelmärkte und Schulen in Anspruch zu nehmen. Und auch die Angriffe durch israelische Streitkräfte und Siedler*innen sind mehr geworden.

Ich arbeite als Psycholog*in für Ärzte ohne Grenzen in Hebron. In meiner Arbeit kann ich sehen und spüren, wie die Angst der Menschen stetig zunimmt. Sie ist überall und lähmend. Die Menschen hier sind nicht nur besorgt, sie bereiten sich auf Verluste vor. 

Im Westjordanland wächst das Gefühl, dass etwas Schreckliches bevorsteht, aber niemand weiß genau, wann und wie es eintreten wird. Es ist ein kollektives Bewusstsein, eine stille, allgegenwärtige Angst. 

Die Menschen sagen: „Sie haben im Gazastreifen angefangen. Dann sind sie in den Norden des Westjordanlands gezogen. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir an der Reihe sind.“ Ob man nun Psycholog*in oder Landwirt*in ist - alle spüren es. Wir alle warten darauf, dass wir an der Reihe sind.

Dauerhafte Angst macht krank

In unseren Kliniken beobachten wir einen deutlichen Anstieg von Depressionen, Angstzuständen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Symptome variieren, aber die Muster sind klar erkennbar: Unsere Patient*innen zeigen vermehrt psychosomatische Symptome -insbesondere diejenigen, die ihre Arbeit verloren haben. 

Die Angst steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Doch es ist gesellschaftlich akzeptierter zu sagen „Ich habe Bauchschmerzen“ als „Ich habe Angst“. Aber Angst und Verzweiflung sind die eigentlichen Ursachen für ihren Zustand.

Ständige Alarmbereitschaft

Viele Menschen trauen sich nicht, uns aufzusuchen. Selbst wenn unsere mobilen Teams in ihre Nähe kommen. Die Angst vor Schikanen beim Passieren von Kontrollpunkten überwiegt ihr Bedürfnis nach medizinischer Hilfe, sowohl psychischer als auch physischer. Die Menschen sind überzeugt, dass Siedler*innen oder Soldat*innen jeden Moment in ihr Zuhause eindringen könnten, einfach weil jemand etwas auf Facebook gepostet oder mit einem Nachbarn gesprochen hat. Oder man auf dem Weg nach Hause überfallen wird - die Art und Weise, wie Palästinenser*innen von israelischen Streitkräften verhaftet werden, ist zutiefst demütigend. Es gibt keine Regeln, so als sei es ein rechtsfreier Raum. Das führt dazu, dass die Menschen ständig in Alarmbereitschaft sind: bereit zu fliehen, vertrieben oder verhaftet zu werden. 

Dies ist keine vorübergehende Krise: Es ist ein langwieriges, zermürbendes und generationenübergreifendes Trauma, das die Palästinenser*innen im Westjordanland Tag für Tag durchleben. In dieser langsamen Aushöhlung von Sicherheit, Würde und Hoffnung leidet die psychische Gesundheit still, aber tiefgreifend.