Ruanda

Ärzte ohne Grenzen beleuchtet eigene Haltung während des Völkermords in Ruanda vor 20 Jahren

20 Jahre nach dem Genozid in Ruanda veröffentlicht Ärzte ohne Grenzen zum ersten Mal mehrere Fallstudien zum eigenen Umgang mit dem Völkermord. Die erste Fallstudie „Genocide of Rwandan Tutsis 1994“ schildert die Reaktion von Ärzte ohne Grenzen auf die systematische Auslöschung der Tutsi in Ruanda zwischen April und Juli 1994. Schätzungen zufolge haben in 100 Tagen 800.000 Menschen ihr Leben verloren. Weil der UN-Sicherheitsrat lange Zeit Vorbehalte hatte, das Massaker als „Genozid“ zu bezeichnen, führte das zu einer 10-wöchigen Verzögerung der Intervention.

„Diese Fallstudie macht die eigenen Hemmnisse, Dilemmata und internen Fragenstellungen öffentlich, mit denen die Teams vor Ort und in den Einsatzzentralen von Ärzte ohne Grenzen konfrontiert waren. Und dies in einem der schwierigsten Momente in der Geschichte der medizinisch-humanitären Arbeit der Organisation“, erklärte Joanne Liu, internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen. „Die Studie zeigt die Bemühungen unserer Organisation auf, auf die Situation zu reagieren, indem man öffentlich auf sie aufmerksam machte.“

„Ein Genozid kann nicht mit einer Handvoll Ärzte gestoppt werden."

Ärzte ohne Grenzen hatte mehrmals öffentlich Stellung bezogen und die internationale Staatengemeinschaft dazu aufgefordert, dem Morden an den Tutsis ein Ende zu bereiten. Zudem sollte die humanitäre Hilfe nicht als Alibi für die Tatenlosigkeit der internationalen Gemeinschaft fungieren. Am 17. Juni 1994 rief Ärzte ohne Grenzen zu einer militärischen Intervention auf und erklärte: „Ein Genozid kann nicht mit einer Handvoll Ärzte gestoppt werden."

Die Fallstudien beruhen auf internen Berichten aus den Einsätzen, Zeitungsartikeln und Zeugenaussagen eigener Mitarbeiter, die damals im Einsatz waren und Filmmaterial der Organisation und der Medien. Zu den schwierigsten Fragen innerhalb des Netzwerks von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen gehörten damals u.a. folgende: Ist es für eine humanitäre Organisation akzeptabel, angesichts eines Genozids zu schweigen? Oder zu einer militärischen Intervention aufzurufen, einem Akt, der - um Leben zu retten - zum Verlust von weiteren Menschenleben führen würde?

Die Fallstudien untersuchen die Dynamik innerhalb der Organisation

„Die Fallstudien zu Ruanda untersuchen die Dynamik innerhalb der Organisation und die operationellen Herausforderungen angesichts des Genozids. Sie erinnern uns aber auch an all die menschlichen Verluste – und an die mehreren Hundert ruandischen Kollegen, die wir verloren haben“, sagte Präsidentin Liu.

Demnächst werden drei weitere Fallstudien veröffentlicht. Sie widmen sich dem Zeitraum von 1994 bis 1997 und den humanitären Konsequenzen des Völkermordes. Unter anderem dokumentieren sie die Katastrophe, die sich in den Flüchtlingslagern im damaligen Zaire und Tansania entfaltete. Mehr als eine Million Menschen stand damals unter der strengen Kontrolle von so genannten Flüchtlings-Anführern, die schon für den Genozid verantwortlich gewesen waren. In den Fallstudien werden auch die Übergriffe des neuen ruandischen Regimes während und nach dem Völkermord thematisiert sowie die Jagd auf ruandische Flüchtlinge durch Rebellen in Zaire, die von Ruandas Armee unterstützt wurde.

Die Fallstudien namens „Speaking Out“ wurden im Rahmen eines Projekts erstellt, das erstmals einen Einblick in die Entscheidungen von Ärzte ohne Grenzen während der größten humanitären Krisen der vergangenen 40 Jahre gibt.

Mehr Informationen: www.speakingout.msf.org