Südsudan: Ein Highfive im Kreißsaal
Ich beobachte den Konflikt in Sudan schon seit einiger Zeit aus der Ferne. Ich habe mehrere Reportagen im Osten Tschads gemacht. Dort traf ich hauptsächlich Frauen und Kinder, die vor dem Krieg in Sudan geflohen waren und in überfüllten Lagern Zuflucht suchten. Im Südsudan ist die Krise jedoch ganz anders. Ich wurde Zeuge eines totalen Zusammenbruchs des Gesundheitssystems und einer extrem vielschichtigen Krise, sowohl für sudanesische Geflüchtete als auch für Binnenvertriebene.
Eine Fluchtroute für Menschen, die vor dem Krieg im Sudan fliehen
Nach meiner Landung in Dschuba, der Hauptstadt des Südsudans, und mehreren Briefings mit den Teams von Ärzte ohne Grenzen reiste ich in die Sonderverwaltungszone Abyei. Die Zugehörigkeit des Gebiets ist seit langem zwischen dem Sudan und dem Südsudan umstritten. Seit Jahren beherbergt es Binnenvertriebene, die vor der Gewalt in anderen Regionen des Südsudans fliehen. Doch der Ausbruch des Krieges im Sudan 2023 hat die Lage nun wirklich kritisch werden lassen.
Was mich in Abyei wirklich besonders mitgenommen hat, war die Zahl der Verletzten. Ich habe Menschen mit Schusswunden und schweren Verbrennungen gesehen, die ins Krankenhaus gebracht wurden. Zwangsläufig überlegt man da: Was ist mit denjenigen geschehen, die zu Hause geblieben waren? Unter welchen Bedingungen leben sie?
Viele Zivilist*innen kommen zu Fuß hierher. Abyei im Südsudan ist zu einem Ort geworden, an dem sich mehrere Fluchtrouten treffen. Denn der Krieg im Sudan dringt immer weiter in die südlichen Bundesstaaten des Nachbarlandes vor und auch im Südsudan breitet sich die Gewalt weiter aus und zwingt die Menschen zur Flucht.
So kommen auch die Gesundheitseinrichtungen unter einen enormen Druck: Sie waren nie für einen so massiven und anhaltenden Zustrom von Vertriebenen ausgelegt.
Ich traf eine Frau namens Regina. Sie war schwer an Tuberkulose erkrankt und befürchtete, sterben zu müssen. Sie hatte nicht die Kraft, ihre Kinder mit ins Krankenhaus zu nehmen. Sie ließ sie mit ein paar Habseligkeiten und etwas zu essen unter einem Baum am Markt zurück und bat einen Bekannten, auf sie aufzupassen. Sie ging ohne Telefon und ohne Kontakt zu anderen Menschen zur Behandlung und hoffte, dass sie nach einigen Wochen zurückkehren und sie wiederfinden würde. Welch eine herzzerreißende Geschichte!
Chirurgie: In 5 Monaten 1.240 Patient*innen versorgt
Das Ameth Bek-Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen, die einzige funktionierende Krankenhauseinrichtung in der Region, ist zunehmend überlastet. Die Teams konzentrieren sich insbesondere auf Notfallversorgung von Patient*innen, einschließlich Operationen, aber auch auf stationäre Versorgung und Geburtshilfe. Zwischen Januar und September 2025 behandelten sie 1.240 Patient*innen chirurgisch, darunter auch solche mit Verletzungen durch Gewalt.
Für mich ist es großartig zu sehen, wie Ärzte ohne Grenzen arbeitet, denn die Wirkung ist unmittelbar und greifbar. Man kann dabei zusehen, wie sich etwas verändert: Jemand ist krank, und wenige Stunden später sieht man bereits, wie der Mensch sich erholt. Alles, was man dokumentiert, spiegelt diese Veränderung wider.
Wenn es keine Gesundheitsversorgung mehr gibt, bringt Ärzte ohne Grenzen sie zu den Menschen
Neben dem Betrieb des Krankenhauses unterhält Ärzte ohne Grenzen neun Gesundheitszentren, die gemeinsam mit den Gemeinden betrieben werden. Das Team von Ärzte ohne Grenzen legt weite Strecken zurück, um die Gesundheitsstationen in den Dörfern mit Medikamenten zu versorgen und die geschulten Gesundheitshelfer*innen zu unterstützen.
Einige Gemeinden sind wirklich auf diese Gesundheitszentren angewiesen, weil sie extrem abgelegen liegen. Wenn sie diese Zentren aufsuchen, erhalten sie die benötigte professionelle Versorgung.
Das war auch bei Ayom Deng der Fall, einem jungen Mädchen, das sich beim Kochen zu Hause schwere Verbrennungen zugezogen hatte. Ihre Mutter brachte sie zur Gesundheitsstation der Gemeinde, nachdem sie sah, dass sich die Wunde verschlimmerte. Ayom erhielt im Rahmen des Programms eine Wundversorgung und Anweisungen für die Nachsorge. So kommt die grundlegende medizinische Versorgung wirklich näher an Dörfer, die weit von offiziellen Gesundheitseinrichtungen entfernt sind.
Ein High-Five für mich bei der Begleitung einer Geburt
Nachdem ich mehrere Tage lang die Lage in Abyei dokumentiert hatte, reiste ich weiter nach Süden, nach Majen-Abun. Dort gibt es ebenfalls Vertreibungen, wenn auch aus anderen Gründen: Familien wurden durch langjährige Konflikte, darunter Viehdiebstahl, Landnutzungsstreitigkeiten, Gewalt zwischen Gemeinschaften und klimabedingten Krisen wie jahrelang anhaltenden Überschwemmungen, wiederholt zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen. Auch im dortigen Krankenhaus arbeitet Ärzte ohne Grenzen. Die Teams konzentrieren sich auf eine umfassende Versorgung, von ambulanten Konsultationen bis hin zu Notfall- und Geburtshilfe.
Ich hatte die Gelegenheit, Abuk während der Geburt ihres Babys zu begleiten. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, sind das immer sehr emotionale Momente, und Mütter sind meiner Erfahrung nach in der Regel recht offen dafür, von einer Kamera begleitet zu werden. Das war ein sehr intimer Moment, und ich bekam sogar ein High Five, nachdem sie zum letzten Mal gepresst hatte.
In den ländlichen Gemeinden außerhalb von Majen-Abun arbeitet Ärzte ohne Grenzen – wie in Abyei - eng mit den Gemeinden zusammen. So helfen die Teams die Lücke zu schließen, die durch das zusammenbrechende Gesundheitssystem des Landes in der medizinischen Versorgung entstanden ist.
Internationale Mittelkürzungen tragen zum Zusammenbruch des Gesundheitssystems bei
Mehr als 80 % der grundlegenden Gesundheitsdienste werden im Südsudan mit Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen betrieben.
Unter der Leitung der Regierung und in Zusammenarbeit mit der WHO, UNICEF und Durchführungspartnern war eigentlich die Unterstützung von 1.158 Gesundheitseinrichtungen in zehn Bundesstaaten und drei Verwaltungsbezirken geplant. Aufgrund von Finanzierungsengpässen werden nun jedoch bis 2027 nur 816 Einrichtungen unterstützt, was zu erheblichen Lücken in der Versorgung führt.
Ärzte ohne Grenzen musste 2025 Hilfe anpassen
Humanitäre Organisationen sind nach massiven Kürzungen der internationalen Hilfe gezwungen, ihre Türen zu schließen, andere aufgrund von Unsicherheit und gewalttätigen Angriffen. Für Patient*innen, die von Ärzte ohne Grenzen versorgt werden, ist die schmerzhafte Realität: Sobald sie die Einrichtungen verlassen, gibt es kaum noch andere Orte, an denen sie Hilfe und Unterstützung finden können.
Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen erzählten mir, dass sie an allen Projektstandorten die verheerenden Auswirkungen eines chronisch unterfinanzierten Gesundheitssystems und der Gewalt im Land beobachten. Allein im Jahr 2025 startete Ärzte ohne Grenzen 12 Notfallprojekte als Reaktion auf Cholera- und Malariaausbrüche, Überschwemmungen und Vertreibungen im Zusammenhang mit Gewalt – mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2024.
Was war anders für mich im Südsudan im Vergleich zu anderen Ländern, in denen ich gearbeitet habe? Ich musste nicht wirklich investigativen Journalismus betreiben. Anderswo muss man erst nach der Geschichte suchen. Im Südsudan ist alles sichtbar: Schichten um Schichten von Gewalt, menschlicher Tragödie und Konflikten.
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