Uganda

Ein Tag in Attiak - Brief aus dem Projekt

Seit April arbeitet Johanna Kirchberg in Attiak in Uganda. Die 30-jährige Karlsruherin ist die einzige Ärztin in einem Basisgesundheitsprojekt für Vertriebene, zu dem ein kleines Krankenhaus mit 16 Betten gehört. Zusammen mit ihrem Team arbeitet sie für rund 25.000 Menschen. In einem Brief aus dem Projekt schildert sie einen Tag zwischen Hahnenkrähen, Gesundheitszentrum und spätem Feierabend.

6.30 Uhr. Seit einer Stunde proben die Hähne ihren Auftritt. Ich versuche, mich beim Aufstehen nicht im Moskitonetz zu verheddern und auf keinen Skorpion zu treten, und wanke schlaftrunken quer über das Ärzte ohne Grenzen-Gelände in die Küche. Um mich herum erwacht Attiak, das Vertriebenenlager. Hier leben rund 25.000 Menschen, hauptsächlich vom Volk der "Acholi", die mehr als zwanzig Jahre unter dem Krieg im Norden Ugandas gelitten haben. Seit einem Jahr herrscht Waffenstillstand zwischen der Regierung und den Rebellen. Doch der Schrecken des Krieges sitzt tief. Von ihrer Regierung wurden die Menschen hier vernachlässigt und in ihren Dörfern von Rebellen überfallen. Ihre Kinder wurden entführt und als Kindersoldaten oder sexuell missbraucht. Schließlich flohen sie aus ihren Dörfern und suchten in Attiak und den anderen Vertriebenenlagern Sicherheit und eine neue Lebensgrundlage. Hinter unserem Gelände reiht sich ein Tukul ans andere. Bis zu zwölf Menschen wohnen in diesen runden Hütten auf engstem Raum.

Ich will warm duschen, muss dafür aber das Wasser aus Zehn-Liter-Kanistern in Teekessel umfüllen. Das kostet mich einige Zeit. Unsere australische Hebamme ist längst wach und schon auf dem Weg in die Geburtsstation. Die meisten Frauen verlassen sich hier auf die traditionellen Geburtshelferinnen: Frauen aus dem Dorf, denen sie nach der Entbindung einen Teller Suppe, ein Kilo Zucker und 2.000 ugandische Schilling (etwa ein Euro) geben. Wir versuchen, mit den Geburtshelferinnen zusammenzuarbeiten und die Frauen in unserer Klinik entbinden zu lassen. Wir statten die Hebammen mit Handschuhen und sterilen Instrumenten aus. Außerdem testen wir die Schwangeren auf HIV, um mit Medikamenten eine Übertragung des HI-Virus von der Mutter auf das Kind verhindern zu können. Hier im Norden Ugandas ist etwa jede zehnte Patientin HIV-positiv, und die Wahrscheinlichkeit einer Mutter-Kind-Übertragung liegt zwischen 35 und 50 Prozent. Mit entsprechenden Medikamenten kann diese Rate auf weniger als zehn Prozent gesenkt werden.

In der Nacht hat es wieder geregnet. Noch nie habe ich so viel Regen in so kurzer Zeit so gewaltig vom Himmel kommen sehen wie hier. Nun wate ich durch riesige Pfützen zu unserem Krankenhaus. Dort treffe ich unsere kleine Patientin Irene, die sofort laut weint, als sie mich sieht. Gestern noch war ich mir nicht sicher, ob sie die Nacht wegen ihrer schweren Malaria überleben würde. Sie hatte Fieber und heftige Krampfanfälle, als ihre Eltern sie brachten. Wir schlossen den Sauerstoffkonzentrator an, gaben Infusionen und versorgten die Kleine, so gut es ging. Nach vier Stunden ständiger Krampfanfälle schlief das Kind ein. Heute morgen schreit Irene und wehrt sich gegen mich, was ich in diesem Fall als sehr positives Zeichen werte. Wenn sie morgen vor mir wegrennt, bin ich überglücklich.

Es ist Nachmittag. Seit einer halben Stunde regnet es wieder, und unsere Ambulanz ist voller Menschen. Ich schlängele mich an sitzenden, liegenden und stehenden Patienten vorbei in einen der Behandlungsräume. Ich untersuche die Kinder, Frauen und Männer und diskutiere mit meinen Kollegen die richtige Behandlung für Malaria, Wurminfektionen, Durchfall, Husten oder Hautinfektionen. Mittlerweile schaffe ich es auch, die Patienten in Luo, ihrer Sprache, zu grüßen sowie nach ihrem Namen und nach Schmerzen zu fragen. Zu viel mehr reicht es leider noch nicht, dann hilft ein ugandischer Kollege weiter und übersetzt für mich.

20 Uhr. Der Arbeitstag war lang, und ich bin hundemüde. Wir treffen uns alle beim Essen in unserem gemeinsamen Wohnbereich mitten auf dem Gelände. Am meisten freue ich mich über die Schokolade aus der Schweiz, die uns eine ehemalige Teamkollegin nach Attiak geschickt hat. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass heute Nacht niemand an meine Tür klopft und mir sagt, dass ich ins Krankenhaus kommen muss. Mit einer Tasse Tee sitze ich noch vor dem Haus und schaue in den Himmel. Weil es keine Elektrizität gibt, ist die Nacht sternenklarer als irgendwo sonst.

Johanna Kirchberg

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3/2007 unseres Spendermagazins AKUT erschienen.