Sudan

Arzt mit Grenzen - Der Burghauser Ralf Göres war für Ärzte ohne Grenzen acht Monate lang in der Krisenregion Darfur. An seine persönlichen Grenzen geriet er bei dem freiwilligen Einsatz häufig.

Von Patrick Potstada
Bereits am ersten Tag seines Einsatzes für Ärzte ohne Grenzen in Darfur kommt Ralf Göres (33) an seine Grenzen. Der junge Arzt kann bei einer schwangeren Frau einen notwendigen Kaiserschnitt nicht durchführen - Mutter und Kind sterben. Diese schockierende Erfahrung führt Göres klar vor Augen, was in Kaguro, einem kleinen Dorf in der Krisenregion Norddarfur, auf ihn zu kommt. "Am schwierigsten zu verkraften sind die erfolglosen Versuche, Patienten zu retten", erklärt Göres.

Der groß gewachsene Burghauser ist Arzt aus Leidenschaft. Sein Medizinstudium hat Göres bereits mit dem Hintergedanken begonnen, für Ärzte ohne Grenzen in die Krisenregionen dieser Welt zu reisen. Seine ersten Klinikerfahrungen nach dem Studium sammelt Göres in Südamerika und Südafrika. Nachdem der junge Arzt die 18 Monate Praxiserfahrung, die Voraussetzung für einen Einsatz für Ärzte ohne Grenzen sind, absolviert hat, bewirbt sich Göres. Prompt wählt Ärzte ohne Grenzen den Burghauser für einen achtmonatigen Einsatz in Norddarfur aus.

 

Gewehrsalven wie Donnerschläge

Die meisten Patienten, die Göres in der Krisenregion zu behandeln hat, sind Kinder unter fünf Jahren. Die Krankheitsbilder sind überwiegend Unterernährung, Infektionskrankheiten wie Durchfall, Lungenentzündung oder Malaria, aber auch Parasitenerkrankungen wie Bandwürmer sind an der Tagesordnung. "Wenn man ein Kleinkind bewusstlos, ausgetrocknet, mit Malaria und Fieberkrämpfen behandelt, tagelang um dessen Überleben kämpft und dann verliert, ist das psychisch sehr schwer zu verarbeiten. Da hatte ich schon einige schlaflose Nächte", sagt Göres.

Der Burghauser ist ruhig und gefasst, wenn er von seinen Erlebnissen in Norddarfur berichtet. Göres schwärmt von der idyllischen Landschaft der Bergregion rund um das kleine Dorf Kaguro, davon, wie freundlich die Menschen sind und wie schön es ist, einer Mutter, nach langem und kompliziertem Geburtskampf, das gesunde Neugeborene in die Arme zu legen. Seine Augen fangen dabei an zu glänzen, und ein Lächeln bringt sein Gesicht zum Strahlen. Doch diese Momente seien leider nicht die Regel. "Man kommt oft an seine persönlichen Grenzen, wenn man das Leid der Patienten sieht und weiß, dass man ihnen unter den gegebenen Umständen nicht helfen kann", sagt Göres. Zudem belaste der Konflikt zwischen den sudanesischen Regierungstruppen und den Freiheitskämpfern der einheimischen afrikanischen Stämme die Psyche. "Im Hinterkopf ist der Konflikt immer irgendwie präsent", sagt Göres. In einer Mail an Familie und Freunde schreibt der junge Arzt: "Riefen noch zu Beginn die häufigen Gewehrsalven, die sich wie Donnerschläge durch das Tal schlängeln, eine Gänsehaut hervor, so ist meine Wahrnehmung der Umgebung etwas abgeschwächt und solche Vorkommnisse erhöhen nicht mehr zwangsläufig meinen Adrenalinspiegel." Das bringe jedoch keinesfalls Nachlässigkeit mit sich. Speziell an Markttagen seien viele Freiheitskämpfer und teilweise auch Regierungstruppen in Kaguro und der Bergregion Dschebel Marra, dies führe einem regelmäßig vor Augen, wie labil die Lage ist.

In dem Gebiet mit Bergen bis zu 3088 Metern Höhe leben rund 85 000 Einwohner vom Stamm der Fur. Kaguro ist mit 1500 Einwohnern eines der größten Dörfer der Region. Das Gebiet wird von der SLA, der Sudanesischen Befreiungsarmee, kontrolliert. Die Freiheitskämpfer rekrutieren sich aus den Einwohnern der Dörfer, sorgen für die Sicherheit in der Region und kämpfen für die Rechte der Fur im Sudan. Ärzte ohne Grenzen bietet im Gebiet der SLA die einzige Gesundheitsversorgung, weshalb die internationale Hilfsorganisation von den Kämpfern akzeptiert und geduldet wird.

 

"Ein emotional sehr schwieriges Ende"

Das Gesundheitszentrum in Kaguro versorgt mittlerweile rund 1500 ambulante Patienten pro Monat. Die Leute reisen teilweise in ganzen Tagesmärschen zu Fuß an oder auf Eseln, um medizinisch versorgt zu werden. "Eine Patientin war während des Geburtsvorgangs mit starken Wehen drei Tage lang zu Fuß unterwegs, bevor sie uns erreichte", schildert Göres einen Fall. Der junge Arzt schüttelt immer noch ungläubig den Kopf, wenn er an manche Krankheitsbilder zurückdenkt. "Bei uns kann man sich nur schwer vorstellen, was eine unbehandelte Tuberkulose, eine unbehandelte Wurmkrankheit oder Amöbenerkrankung aus einem Körper machen können", sagt Göres.

Drei Tage vor seiner geplanten Rückreise nach Deutschland hat sich die Sicherheitslage in Dschebel Marra massiv verschlechtert, heftige Kämpfe fanden statt. "Wir haben in unmittelbarer Nähe Bombeneinschläge gehört", sagt Göres. Die Bewohner flüchteten in das Gebirge, weil sich Gerüchte über Übergriffe auf das Dorf intensiviert hatten. Die Mitarbeiter der internationalen Hilfsorganisationen wurden evakuiert, die Gesundheitsversorgung wurde für zehn Tage unterbrochen. Göres hatte nur 40 Minuten Zeit, um seine Sachen zu packen. "Ich hatte keine Zeit, mich von den Leuten zu verabschieden. Das war ein emotional sehr schwieriges Ende", erklärt Göres sichtlich bewegt.

Nun ist der junge Arzt zurück in Burghausen und widmet sich wieder der theoretischen Medizin. Göres bereitet sich auf seine Disputation vor. Anfang 2009 wird der junge Arzt voraussichtlich seinen Doktortitel erhalten. Dann wird er wieder für Ärzte ohne Grenzen arbeiten. Um in Krisengebieten medizinische Hilfe zu leisten und anschließend die Geschichten der Menschen zu erzählen - der meistgeäußerte Wunsch seiner Patienten.