„Als würde man zweimal Waise werden“
Heute fiel die Flagge von Ärzte ohne Grenzen nicht, sie wehte im Wind. Auf einem der beiden Fotos aus dem Gazastreifen ist Osama Abu Jazar zu sehen, einer unserer Wachleute: ein Wachmann der Tore und schlafloser Nächte. Er steht neben einem weißen Fahrzeug, das Hoffnung symbolisiert, nicht nur Metall und Räder, sondern Schutz - nicht nur eine Flagge, sondern Luft zum Atem.
Heute war der Tag, an dem auch die letzten internationalen Mitarbeiter*innen von Ärzte ohne Grenzen gezwungen waren, das Land zu verlassen. Was Bomben nicht geschafft haben, haben Papierkram und Registrierungsfragen geschafft.
„Die Hände zwischen dem Schlimmsten und ihm ziehen sich zurück“
Er sagte, es fühle sich an, als würde er sich verabschieden, sich bedanken und sich entschuldigen, alles auf einmal. Er erzählte mir etwas, das schwerer wiegt als Trümmer: „Meine Eltern sind seit Beginn des Krieges in Ägypten. Sie sind zur medizinischen Behandlung dorthin gegangen. Ich bin hier allein geblieben.“
Allein, lange vor dem heutigen Tag. Und jetzt, da unsere internationalen Mitarbeiter*innen den Gazastreifen verlassen, habe er das Gefühl, dass auch seine zweite Familie gehe. „Es ist, als würde man zweimal Waise werden“, sagte er. Nicht, weil der Himmel einstürzt – dieses Gefühl kennt Gaza nur zu gut –, sondern weil die Hände, die zwischen ihm und dem Schlimmsten standen, sich zurückzögen.
Wenn es einen Angriff gab, blieben wir in ihrer Nähe“, sagte er. „In ihrer Nähe fühlten wir uns sicherer.
„Die stille, unerträgliche Last, erneut zurückgelassen zu werden“
Sicherer – ein fragiles Wort an einem Ort, an dem Wände beben und Fenster sich an jede Explosion erinnern. Er meinte „Schutz“ nicht im Sinne von Richtlinien, sondern „Schutz“ im Sinne von Wärme.(2) Zuerst hatten seine Eltern eine Grenze überquert, um sich behandeln zu lassen, und er war zurückgeblieben. Jetzt überqueren die Menschen, die er als einen Schutzraum empfunden hatte, auch eine Grenze – hinaus in ein anderes Nachbarland. Und Osama steht da, die Flagge in der Hand, ein junger Mann in einer verwundeten Stadt. Er spürt die stille, unerträgliche Last, erneut zurückgelassen zu werden.
„Er bewachte den Glauben an die Anwesenheit von Menschlichkeit“
Und dann bat er um etwas Einfaches, etwas, das die Welt den Menschen im Gazastreifen noch schuldig ist: Gib die Botschaft weiter. Hier ist sie also, von einem Wachmann in Gaza, der mehr als nur ein Tor bewachte: Er bewachte den Glauben an die Anwesenheit von Menschlichkeit an diesem Ort. Lass die Welt wissen, dass, wenn der Schutz der Flagge verschwindet, die Stille lauter wird als Explosionen.
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