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„Als würde man zweimal Waise werden“

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Portrait von Dr. Mughaisib

Dr. Mohamed Abu Mughaisib

Ich bin Mediziner mit über 24 Jahren Erfahrung. Bis Oktober 2025 habe ich als stellvertretender medizinischer Koordinator im Gazastreifen gearbeitet. Inzwischen bin ich medizinischer Berater bei Ärzte ohne Grenzen in Irland.

Der Arzt Mohamed Abu Mughaisib hat für Ärzte ohne Grenzen bis Oktober 2025 in einem fortlaufenden Blog über die Situation im Gazastreifen berichtet. Jetzt ist er noch einmal mit einem Beitrag zurück, in dem er vor allem die Stimme eines Kollegen an uns weitergibt. Er berichtet vom 27. Februar 2026, an dem die letzten internationalen Mitarbeitenden die Palästinensischen Gebiete verlassen mussten, so dass die palästinensischen Kolleg*innen die Arbeit im Gazastreifen und im Westjordanland allein weiterführen.(1) 

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Mitarbeitender steht neben Fahrzeug mit Flagge von Ärzte ohne Grenzen
Unser Wachmann Osama Abu Jazar hat das Gefühl, dass mit unseren internationalen Mitarbeitenden seine "zweite Familie" gehe.
© MSF

Heute fiel die Flagge von Ärzte ohne Grenzen nicht, sie wehte im Wind. Auf einem der beiden Fotos aus dem Gazastreifen ist Osama Abu Jazar zu sehen, einer unserer Wachleute: ein Wachmann der Tore und schlafloser Nächte. Er steht neben einem weißen Fahrzeug, das Hoffnung symbolisiert, nicht nur Metall und Räder, sondern Schutz - nicht nur eine Flagge, sondern Luft zum Atem. 

Heute war der Tag, an dem auch die letzten internationalen Mitarbeiter*innen von Ärzte ohne Grenzen gezwungen waren, das Land zu verlassen. Was Bomben nicht geschafft haben, haben Papierkram und Registrierungsfragen geschafft.

„Die Hände zwischen dem Schlimmsten und ihm ziehen sich zurück“ 

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Mitarbeitende laufen mit Gepäck zu Fahrzeugen
Unsere internationalen Mitarbeiter*innen verlassen den Gazastreifen - vor Ort setzen unsere palästinensischen Mitarbeiter*innen die Arbeit fort.
© MSF

Er sagte, es fühle sich an, als würde er sich verabschieden, sich bedanken und sich entschuldigen, alles auf einmal. Er erzählte mir etwas, das schwerer wiegt als Trümmer: „Meine Eltern sind seit Beginn des Krieges in Ägypten. Sie sind zur medizinischen Behandlung dorthin gegangen. Ich bin hier allein geblieben.“ 

Allein, lange vor dem heutigen Tag. Und jetzt, da unsere internationalen Mitarbeiter*innen den Gazastreifen verlassen, habe er das Gefühl, dass auch seine zweite Familie gehe. „Es ist, als würde man zweimal Waise werden“, sagte er. Nicht, weil der Himmel einstürzt – dieses Gefühl kennt Gaza nur zu gut –, sondern weil die Hände, die zwischen ihm und dem Schlimmsten standen, sich zurückzögen. 

Wenn es einen Angriff gab, blieben wir in ihrer Nähe“, sagte er. „In ihrer Nähe fühlten wir uns sicherer.

„Die stille, unerträgliche Last, erneut zurückgelassen zu werden“ 

Sicherer – ein fragiles Wort an einem Ort, an dem Wände beben und Fenster sich an jede Explosion erinnern. Er meinte „Schutz“ nicht im Sinne von Richtlinien, sondern „Schutz“ im Sinne von Wärme.(2) Zuerst hatten seine Eltern eine Grenze überquert, um sich behandeln zu lassen, und er war zurückgeblieben. Jetzt überqueren die Menschen, die er als einen Schutzraum empfunden hatte, auch eine Grenze – hinaus in ein anderes Nachbarland. Und Osama steht da, die Flagge in der Hand, ein junger Mann in einer verwundeten Stadt. Er spürt die stille, unerträgliche Last, erneut zurückgelassen zu werden.  

 

„Er bewachte den Glauben an die Anwesenheit von Menschlichkeit“

Und dann bat er um etwas Einfaches, etwas, das die Welt den Menschen im Gazastreifen noch schuldig ist: Gib die Botschaft weiter. Hier ist sie also, von einem Wachmann in Gaza, der mehr als nur ein Tor bewachte: Er bewachte den Glauben an die Anwesenheit von Menschlichkeit an diesem Ort. Lass die Welt wissen, dass, wenn der Schutz der Flagge verschwindet, die Stille lauter wird als Explosionen.
 

(1) Hintergrund ist die Tatsache, dass die israelische Regierung unsere Registrierung nach deren Ablauf am 31. Dezember 2025 nicht verlängert hat. Wir werden unsere Arbeit auf Grundlage unserer Registrierung bei den palästinensischen Behörden so lange fortsetzen, wie es uns möglich ist. 

 

(2) Ärzte ohne Grenzen hat umfangreiche Erfahrung bei der Arbeit in Krisen- und Kriegskontexten und hat daher den Gazastreifen und das Westjordanland seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 nie verlassen. Der Schutz unserer Patient*innen und Mitarbeitenden hat dabei immer absolute Priorität – wir arbeiten mit umfangreichen Sicherheitsprotokollen und -maßnahmen. Dennoch konnten wir – wie leider auch andere Organisationen – unsere Mitarbeiter*innen nicht immer schützen. U.a. wurden Einrichtungen, in denen wir tätig waren, angegriffen. 15 unserer Mitarbeitenden haben während ihres Einsatzes im Gazastreifen ihr Leben verloren. Wir fordern daher immer wieder dringend vom Völkerrecht verbriefte Rechte ein, die besagen, dass medizinisches Personal und Einrichtungen keine Ziele von Angriffen sein dürfen. 

So können Sie helfen!

Wir bieten Ihnen vielseitige Möglichkeiten, unsere humanitäre Arbeit zu unterstützen.