Jordanien

Ahlam – eine syrische Mutter in Jordanien

Eine Krankenschwester kümmert sich im Mutter-Kind-Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Irbid/Jordanien um den neugeborenen Abdullah.

Ahlam* ist 22 Jahre alt und kommt aus der Provinz Daraa in Syrien. Sie ist die Mutter von drei Kindern, die alle in unserem Mutter-Kind-Krankenhaus in Irbid in Jordanien zur Welt kamen. Ahlam erzählt uns ihre Geschichte und berichtet von den Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert ist, seitdem sie im Jahr 2012 die Grenze von Syrien nach Jordanien überquerte.

“Zu Beginn der Revolution in Syrien hat niemand aus meiner Familie auch nur darüber nachgedacht, das Land zu verlassen. Aber die Eskalation der Situation drängte uns dazu, im Mai 2012 die Grenze zu Jordanien zu überqueren. Ich kann mich noch gut an den Geruch des Feuers erinnern, der in der Nacht, in der wir flohen, nach einem Luftangriff in unserer Nachbarschaft in der Luft lag. Es gab Nächte, in denen wir kein Auge zubekamen - wegen des unaufhörlichen und unerwarteten Bombardements. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade frisch verheiratet und hatte selbst keine Kinder. Aber ich höre noch immer die Schreie meiner kleinen Neffen und Nichten: ‚Werden wir jetzt sterben?‘

Angst, zur Toilette zu gehen

In dem Haus meines Vaters gab es einen Keller, in dem meine Brüder, meine Schwester und die Kinder Zuflucht suchten. Ein normales Leben war unter diesen Umständen nicht möglich. Wir hatten sogar zu viel Angst, um in die Küche oder auf die Toilette zu gehen.

So lebten wir für mehrere Monate. Dann entschied mein Onkel, es sei an der Zeit, die Grenze nach Jordanien zu überqueren – zur Sicherheit der Kinder und Frauen. Mein Mann weigerte sich zunächst, zu gehen. Er wollte bleiben, um unser Haus und anderen Besitz zu schützen. Ich überquerte zusammen mit meiner Mutter, zwei Cousins und einigen Nachbarn die Grenze nach Jordanien. Ich ließ meinen Mann zurück und hatte keine Vorstellung von dem, was mich auf der anderen Seite der Grenze erwarten würde. Wir brauchten 12 Stunden, um zu der ersten Aufnahmestelle für syrische Flüchtlinge zu gelangen. Dann wurden wir in das Flüchtlingslager Zaatari gebracht.

Wir wollten einfach ein normales Leben

Einige Monate später konnten wir es uns aus dem Flüchtlingslager heraus schmuggeln. Wir wollten einfach ein normales Leben führen. Am selben Tag kam auch mein Mann nach Jordanien und schloss sich uns an.

Wir mieteten ein sehr kleines Apartment in Ajloun, im Norden Jordaniens. Mein Mann versuchte als Tagelöhner Arbeit zu finden, um unsere Miete zahlen zu können. Im Oktober 2013 bekam ich mein erstes Baby in einem Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Irbid. Das Krankenhaus liegt ungefähr 35 Kilometer von dort entfernt, wo ich lebe. Trotz dieser großen Distanz war das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen noch das nächstgelegenste, wo wir ohne eine Registrierkarte für Flüchtlinge aufgenommen wurden.

Mein Nachbar in Ajloun, der ebenfalls Flüchtling aus Syrien ist, erzählte mir, dass Ärzte ohne Grenzen kostenlose Gesundheitsversorgung für Schwangere aus Syrien anbietet. Deswegen nahmen mein Mann und ich den weiten Weg nach Irbid auf uns. Ich besuchte das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen auch einige Male in den letzten Wochen vor dem Geburtstermin meines zweiten Kindes. 2014 kam meine Tochter zur Welt.

Komplikationen bei der Schwangerschaft

Meine dritte Schwangerschaft verlief jedoch nicht so einfach wie die ersten beiden. Es gab Komplikationen, was dazu führte, dass das Kind zu früh geboren wurde. Am Abend des 17. Januar 2015, zu Beginn meines siebten Schwangerschaftsmonats, bekam ich starke Unterleibschmerzen und begann zu bluten. Ich wusste, dass das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen der einzige Ort war, wo man uns aufnehmen würde. Deswegen beschloss mein Mann, mich die eineinhalb Stunden von Ajloun nach Irbid zu fahren. An diesem Abend schneite es, es war sehr kalt. Der dichte Straßenverkehr sorgte dafür, dass wir noch länger brauchten. Ich blutete den gesamten Weg bis zum Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen  - aber ich wusste, dass es meine einzige„Ich blutete eineinhalb Stunden auf dem Weg zum Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen – aber ich wusste, dass die Einrichtung meine einzige Hoffnung ist…!“ Hoffnung war.

Wir erreichten das Krankenhaus, wo die Ärzte entschieden, dass ich einen Kaiserschnitt brauchte. Ich wurde direkt in den Operationssaal gebracht und mein Baby, dem wir den Namen Abdullah gaben, erblickte das Licht der Welt. Abdullah wog nur 2,4 Kilo. Er wurde zur Beobachtung und weiteren Behandlung auf die Neugeborenen-Station verlegt, wo er schnell an Gewicht zunahm. Ärzte ohne Grenzen erlaubt der Mutter bei dem Kind zu sein, sodass sie stillen kann. Ich bin unglaublich glücklich, dass mein Baby die Chance hat zu leben.“

* Der Name der Mutter wurde geändert. Abdullahs Mutter hat ihr volles Einverständnis gegeben, den Namen des Kindes sowie das Foto zu veröffentlichen.