Haiti

"Wir sind wie die Straßenhunde." Und das ist erst der Anfang der Regenzeit - Brief aus dem Projekt

Ärztin Jana Thoennissen behandelt seit März in einer Zeltklinik Erdbebenopfer. In einem Brief aus dem Projekt beschreibt sie ihre Erfahrungen.

Zwei Monate nach dem Erdbeben bin ich in Haiti angekommen und arbeite seit März als Ärztin hier. Das Ausmaß der Zerstörung ist gewaltig, und es geht mir immer wieder nahe, durch Port-au-Prince zu fahren und zu sehen, wie viel die Menschen hier verloren haben. An einen Wiederaufbau ist aufgrund der großen Schuttmassen momentan noch nicht zu denken. Aus Angst vor weiteren Erdbeben trauen sich die meisten Menschen nicht mehr in ihre Häuser, viele davon sind ohnehin zerstört. Sie leben in großen Camps in notdürftig zusammengeschusterten Unterkünften, meist sind das ein paar Holzlatten, über die eine Plastikplane genagelt ist. Im größten dieser Lager auf dem ehemaligen Golfplatz von Pétionville, wo jetzt 45.000 Menschen leben, bin ich eingesetzt.

Am meisten beeindruckt mich, dass die Menschen trotz ihrer hoffnungslosen Lage sehr fröhlich sind. Sie haben sich eingerichtet: Es gibt einen Markt, Frisörläden und Nagelstudios und sogar ein paar „Kinos“: ein Fernseher unter einer Plastikplane. Die Kinder basteln sich Drachen aus Plastiktüten und sind ziemlich geschickt darin. Wir haben im Camp eine Zeltklinik mit fünf Ärzten, sieben Krankenschwestern, zwei Hebammen und drei Psychologen.

Die meisten Patienten kommen mit Hautinfektionen, viele Menschen schlafen auf der nackten Erde und infizieren sich dort. Mit Beginn der Regenzeit seit Anfang April sind die Nächte kühler, seitdem nehmen Atemwegserkrankungen zu. Seit die Nahrungsmittelverteilung eingestellt wurden, sehen wir zunehmend auch mangelernährte Kinder. Viele Eltern sagen uns, dass sie kein Geld für Essen haben. Unsere haitianischen Ärzte beraten sie sehr fürsorglich, wie man auch mit wenig Geld kalorienreiche Nahrung zubereiten kann. Schwer unterernährte Kinder werden in unser Ernährungsprogramm aufgenommen, sie bekommen dann hochkalorienhaltige Nahrung und erholen sich erstaunlich schnell.

Viele kommen immer noch mit schlecht heilenden Wunden und Brüchen, die sie seit dem Erdbeben haben. Vor einiger Zeit kam ein Mann zu uns, der schlecht laufen konnte. Die Haut auf seinem Fußrücken war schwarz und sah verklumpt aus. Als wir versucht haben, die Klumpen abzuwaschen, kamen Maden darunter hervor. Der Mann war völlig überrascht. Er hat uns erzählt, dass er große Angst hatte, er dachte, er müsse sterben und hat sich deshalb nicht mehr um seine Verbände gekümmert. Die unerklärlichen Klumpen auf seiner Haut – das waren 10 Tage alte Verbände! Darunter hatte er eine große Wunde. Wir haben die abgestorbenen Anteile weggeschnitten und ihm erklärt, wie wichtig es ist, den Verband regelmäßig zu wechseln. Seitdem ist er überglücklich, dass er nicht sterben muss. Und er kommt alle zwei Tage strahlend zum Verbandswechsel.

Andere können die Erlebnisse des 12. Januars, als die Erde bebte, schwer verarbeiten. Vor allem, wenn sie ihre Eltern verloren haben oder ihre Kinder verschüttet wurden. Meist kommen sie mit diffusen Beschwerden wie Magenschmerzen, „Ganzkörperschmerzen“ oder Schlaflosigkeit. Auf näheres Nachfragen berichten sie dann, dass sie die Beschwerden erst seit dem Erdbeben haben. Für diese Patienten haben wir einen psychosozialen Dienst mit drei Psychologen.

Ein zweites Mal alles verloren

Das Schlimmste, was ich hier bisher erlebt habe, war ein heftiges Unwetter in der Nacht vom 18. März. Innerhalb weniger Sekunden war alles überschwemmt, und durch den heftigen Regen konnte man nur wenige Meter sehen. Wir haben die Menschen im Camp schreien gehört. Was muss das für ein Gefühl sein, wenn die Wassermassen ins Zelt strömen, und um einen herum alle panisch durch die Dunkelheit laufen? Habseligkeiten, Kleider und Schuhe wurden aus den provisorischen Unterkünften weggespült. Keiner schlief in dieser Nacht.

Am nächsten Morgen waren die Menschen verzweifelt, viele hatten ein zweites Mal alles verloren. Einer sagte: „Wir sind wie die Straßenhunde.“ Und das ist erst der Anfang der Regenzeit! Wir haben dann den halben Tag gebraucht, um unsere Klinik wieder aufzuräumen. Der Schlamm war in die Zelte gedrungen, Regale mit Medikamenten umgefallen. Unsere haitianischen Mitarbeiter waren völlig verzweifelt. Aber nach einem halben Tag haben sie schon wieder begonnen, Witze zu machen. Das hat mir die Kraft gegeben, weiterzumachen.

Insgesamt bin ich sehr froh, hier zu sein. Es macht unheimlich viel Spaß mit den Menschen zu arbeiten, den Haitianern - Mitarbeitern wie Patienten - mit ihrer Lebensfreude, aber auch all den anderen spannenden Menschen, die ich hier treffe, in meinem Team oder bei anderen Hilfsorganisationen. Als Ärztin fühle ich mich hier viel näher an den Patienten. Wenn ein Kind krank ist, fragen mich die Menschen auf der Straße, ob sie zu uns kommen können. Aber auch, wenn ihr Kind wieder gesund ist, sprechen sie mich an: „Erinnerst du dich an mich?“, und erzählen mir davon.

Jana Thoennissen