Tschad

"Wir sind oftmals die einzige Hoffnung auf Hilfe" - Brief aus dem Projekt

Irgendwie habe ich mich an all die kulturellen Unterschiede, die Hitze, den Staub, die Heerscharen von Fliegen und den vielen Sand gewöhnt. Sogar die Behandlung von Patienten mit Schusswunden wurde zur Routine. Sie kommen häufig nachts zu uns. Erst vor kurzem haben wir unseren 24 Stunden Notservice verbessert: Wir sind aus dem Zelt in ein kleines Gebäude umgezogen und haben nun sogar Licht! Die Behandlungsbedingungen sind nun viel besser, aber die Ausstattung bleibt sehr einfach. Wir können leider nicht immer alle retten.

 

Ich schreibe aus Goz Beida, meiner Basis für die Leitung des Ernährungs- und Gesundheitszentrums im nah gelegenen Vertriebenenlager Gassire. Wir befinden uns etwa 90 Kilometer von der sudanesischen Grenze entfernt, und genauso weit ist es bis zur nächsten medizinischen Einrichtung. Hier, im Osten des Tschad, leben nicht nur hunderttausende Flüchtlinge aus der Krisenregion Darfur. Wie in anderen Lagern auch, leben in Gassire Menschen, die von der Gewalt in ihrem eigenen Land vertrieben wurden. Für sie sind wir oft die einzige Hoffnung auf Hilfe.

Ich habe in Goz Beida eine kleine Rundhütte aus Lehm mit Strohdach bezogen. Ein Bett, eine kakerlakensichere Blechkiste und ein Regal sind mein Inventar. Auf dem Gelände gibt es eine "Dusche" und zwei Plumpsklos. Unser Büro ist auf dem selben Gelände.

Acht Kilometer sind es nach Gassire, wo 14.000 Menschen leben. Wir sind mitten in der Regenzeit, und nicht nur heute bleiben wir auf dem Weg mit unserem Wagen im sandigen, matschigen Boden stecken. Die Strecke scheint plötzlich unüberwindbar. Gut durchgeschüttelt, durchgeschwitzt und nicht mehr ganz sauber erreichen wir schließlich das Camp. Auf einem Tisch wird die "Apotheke" aufgebaut, während eine Krankenschwester mit Hilfe eines Übersetzers kleine Pappkarten mit Nummern an die Patienten verteilt, die als erstes untersucht werden sollen. Kleine Kinder und Babys haben Priorität. Schon treffen die ersten Kinder zum Wiegen, Messen und Registrieren ein.

Im Ernährungszelt geht es auch emsig zu. Der Geräuschpegel ist enorm. Viele Mütter sind mit ihren Kindern gekommen, um ihre wöchentliche Essensration abzuholen und das Gewicht der unterernährten Kinder überprüfen zu lassen. Die Mütter klären wir währenddessen auch ein wenig über Hygiene auf, über essentiell wichtige Grundlagen für ihre Gesundheit.

Ich trage immer ein Kopftuch und werde neugierig betrachtet. Meine paar Brocken Arabisch werden mit Freude erwidert. Hin und wieder schenkt mir ein Kind sein Lächeln.

Dann werde ich gerufen. Einer unserer kleinen Patienten im Ernährungsprogramm hat weiter abgenommen und nun außerdem Durchfall bekommen. Es ist ein kleines Mädchen von zwei Jahren, das nur 5,6 Kilogramm wiegt. Das ist sehr besorgniserregend, und wir entschließen uns, es in eine Klinik zu verlegen, damit es stationär versorgt werden kann. Gott sei Dank ist die Mutter damit einverstanden - allerdings muss der Ehemann erst noch seine Einwilligung geben. Nicht immer ist es einfach für uns, die Eltern von einer Einweisung zu überzeugen, denn in der Regel haben die Familien mehrere Kindern, die natürlich alle versorgt werden müssen. Das aber wird schwierig, wenn die Mutter nicht Zuhause sein kann, weil sie bei ihrem ins Ernährungszentrum eingewiesenem Kind bleibt.

Im Falle des kleinen Mädchens haben wir Glück, alle sind einverstanden und wir können Mutter und Kind am Ende des Tages mit ihrem gepackten Bündel mitnehmen. Wir bringen sie mit einem unserer Wagen in eine kleine, von Ärzte ohne Grenzen unterhaltene Klinik. Hier muss die Kleine nun 24 Stunden stationär versorgt und überwacht werden.

Ich bin wieder in Goz Beida und beende meinen Tag mit Büroarbeit. Ich lese Mails von zu Hause und denke darüber nach, wie es wohl sein wird, wieder zurückzukommen: In eine Welt mit fließend warmem und kaltem Wasser, geteerten Straßen und Supermärkten! Wo ich entscheiden kann, was ich essen will und mal mit Freunden ins Kino. Wenn ich dann aber im Camp bin und sehe, mit wie wenig die Leute hier auskommen müssen und wie froh sie über eine Plastikplane als Unterschlupf über dem Kopf und ein wenig Wasser sind, komme ich mir schon fast ein wenig egoistisch vor. Auf jeden Fall weiß ich, wie wichtig unsere Arbeit hier ist.

 

Tina Langhans, Kinderkrankenschwester