"Die Behandlung von Tuberkulosekranken wird immer schwieriger"

Welt-TB-Tag

Ärzte ohne Grenzen begann 2006, in Tuberkulose in kirgisischen Gefängnissen zu behandeln.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die Tuberkulose wieder stark verbreitet. Besonders besorgniserregend ist dabei der Anstieg der resistenten Krankheitsform. Dr. Andrei Slavuckij erklärt.

Die ehemalige Sowjetunion gehört zu den am stärksten von Tuberkulose (TB) betroffenen Regionen der Welt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sehen sich die ehemaligen Staaten der Sowjetunion außerdem mit einer beträchtlichen Anzahl von Fällen multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB) konfrontiert. Diese Form der Krankheit betrifft in manchen Gebieten 28 Prozent der Neuansteckungen - ein neuer Höchststand. Von 1995 bis 2003 behandelte Ärzte ohne Grenzen Tuberkulosepatienten in sibirischen Gefängnissen und ist seit 2006 in Kirgistan aktiv.

Dr. Andrei Slavuckij hat die Entwicklung der Krankheit in der ehemaligen Sowjetunion in den vergangenen zehn Jahren aufmerksam verfolgt. Seine ärztliche Ausbildung absolvierte er in Litauen und stieß 1991 zum Nothilfe-Team von Ärzte ohne Grenzen. Im Jahr 2000 wurde er medizinischer Koordinator in Russland, wo er ein TB-Projekt in Sibirien betreute, später leitete er die Projekte in Kirgisistan. Kürzlich trat er der medizinischen Abteilung von Ärzte ohne Grenzen in Genf als stellvertretender Direktor bei.

Weshalb sind die ehemaligen Sowjetstaaten so stark von der Tuberkulose betroffen?

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 hat sich das Gesundheitssystem stetig verschlechtert, die Armut der Bevölkerung nahm zu. Armut begünstigt das Auftreten von Tuberkulose enorm, da es sich um eine Krankheit handelt, von der die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft am stärksten betroffen sind: die Arbeitslosen, Obdachlosen, Drogenabhängigen und natürlich die Gefängnisinsassen. Wenn jedoch die Epidemie einen gewissen Grad erreicht hat, eskaliert die Ausbreitung von Tuberkulose und jedermann - ungeachtet des sozialen Status - kann sich mit der Krankheit infizieren.

Zu Sowjetzeiten war es hauptsächlich der Staat, der die Bekämpfung von Tuberkulose finanzierte. Denn das Auftreten der Krankheit ist auch ein Zeichen sozialer Probleme und war deshalb in einem sozialistischen Staat, der sich als entwickeltes Land bezeichnet, inakzeptabel. Die Patienten blieben so lange im Krankenhaus, bis die Behandlung abgeschlossen war, durften Sanatorien besuchen, erhielten eine Entschädigung für den Lohnausfall und die Garantie, an ihre Arbeitsstelle zurückkehren zu können. Den chronisch Kranken wurde sogar eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Als jedoch nach 1991 der Staat für diese Behandlungen nicht mehr aufkommen konnte, hat es das Gesundheitswesen verpasst, die Behandlung den neuen Bedingungen anzupassen. Anstatt sich darauf zu konzentrieren, den Zugang zu qualitativ hochwertigen Medikamenten sicherzustellen, wurde die kostspielige Infrastruktur der Sowjetunion weitergeführt.

Warum steht die Behandlung von Gefangenen im Zentrum und nicht die der Allgemeinbevölkerung?

Die Gefangenen sind einem besonders hohen Risiko ausgesetzt: Die Tuberkulose ist eine der am stärksten verbreiteten Krankheiten in Gefängnissen. Faktoren wie fehlender Rückzugsraum, schlechte hygienische Verhältnisse, mangelnde Ernährung, Überbelegung und Stress begünstigen allesamt die Ausbreitung der Krankheit.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion stieg die Zahl der Gefängnisinsassen beträchtlich: Die allgemeine Verschlechterung der Lebensbedingungen führte zu einem Anstieg der Kriminalität - und da selbst Bagatelldelikte wie einfacher Diebstahl mit mehreren Jahren Gefängnis bestraft wurden, entwickelten sich Gefängnisse rasch zu überfüllten Brutstätten von Tuberkulose.

Das Nachlassen der Industrieproduktion im Zusammenhang mit dem Niedergang der Sowjetunion hatte zudem Engpässe bei Medikamenten zur Folge, was sich nicht nur auf die Allgemeinbevölkerung auswirkte, sondern auch auf die Gefängnisinsassen. Ohne angemessene Behandlung entwickelten diese Tuberkulose-Patienten überdurchschnittlich hohe Resistenzen gegen die Medikamente. Da sie schließlich nach ihrer Entlassung nicht mehr überwacht wurden, trugen sie so zur Ausbreitung der Krankheit bei, einschließlich der besonders resistenten Formen.

Was konnte mit dem Projekt von Ärzte ohne Grenzen in kirgisischen Gefängnissen erreicht werden?

In Zusammenarbeit mit dem Gesundheitssystem des Gefängnisses hat Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2010 über 300 Fälle von Tuberkulose ermittelt; zu Beginn unseres Projekts im Jahr 2006 waren es noch über 700. Dieser Rückgang spiegelt wahrscheinlich die geringere Zahl von Gefangenen insgesamt wider, die auf von den kirgisischen Behörden vorgenommenen Strafrechts- und Gefängnisreformen zurückzuführen ist.

Leider stellen uns die heutigen Formen der Krankheit vor immer größere Herausforderungen. Es verhält sich wie bei Antibiotika, die wirkungslos werden, wenn sie nicht regelmäßig eingenommen werden und anschließend resistente Stämme der Krankheit entwickeln, die sie eigentlich hätten bekämpfen sollen: Zwei Drittel der Neuerkrankten sprechen auf mindestens eines der üblichen Tuberkulosemedikamente nicht an, und ein Drittel steckt sich mit der multiresistenten Tuberkulose an, gegen die gleich mehrere Medikamente nicht wirksam sind.

Bei Tuberkulose-Erregern, gegen die die üblichen Tuberkulosemedikamente nicht helfen, dauert die Behandlung zwischen sechs und acht Monaten und die Heilungsrate liegt bei 98 Prozent. Im Fall der multiresistenten Krankheitsform hingegen zieht sich die Behandlung über zwei Jahre hin und die Heilungsrate kann weniger als 70 Prozent betragen. Zudem stellen wir fest, dass sich eine zunehmende Anzahl von Patienten direkt mit der multiresistenten Tuberkulose ansteckt, ohne zuvor unter der nicht-resistenten Krankheit gelitten zu haben.

Es gibt keine genauen Zahlen, die für das ganze Land gelten, man schätzt jedoch, dass es sich bei 20 Prozent der Neuansteckungen in Kirgistan um multiresistente Tuberkulose handelt. Diese "Epidemie innerhalb einer Epidemie" ist ein sehr ernst zu nehmendes Problem und ist auch in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion Anlass zur Sorge.

Welches sind die größten Herausforderungen für Ärzte ohne Grenzen in Kirgistan?

Die größte Herausforderung ist der Kampf gegen die multiresistente Tuberkulose. Zudem sind 14 Prozent der an TB erkrankten Personen zugleich mit HIV/AIDS infiziert, und die Mehrheit leidet zudem unter einer Form von Hepatitis, was die Behandlung zusätzlich erschwert.

Die erweiterte TB-Therapie umfasst zwei Jahre medikamentöse Behandlung. Allein diese lange Dauer macht die Vollendung der Behandlung schwierig. Erschwerend dazu kommen die äußerst starken Nebenwirkungen der Medikamente. Bei Gefängnisinsassen ist das Risiko eines Unterbrechens der Behandlung noch größer, wenn sie beispielsweise für einen Gerichtstermin in ein anderes Gefängnis verlegt oder wenn sie entlassen werden.

Bei der Rückkehr ins Zivilleben schließlich benötigen unsere Patienten soziale Unterstützung, ohne die sie ihre Behandlung nicht fortsetzen können. Wir unternehmen große Anstrengungen, um aus dem Gefängnis entlassene TB-Patienten aufzuspüren und mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Wir streben die Zusammenarbeit mit einer kirgisischen Nichtregierungsorganisation an, die allmählich die Nachbehandlung dieser Patienten für uns übernehmen soll.

Wie geht es weiter mit dem Tuberkuloseprojekt von Ärzte ohne Grenzen in Kirgistan?

Wir beabsichtigen, im Süden des Landes ein speziell auf Tuberkulose ausgerichtetes Gesundheitsprojekt für die Zivilbevölkerung zu lancieren. Der Startschuss dazu wird hoffentlich nächsten Sommer fallen. In einem Gefängnis im Norden des Landes wird Ärzte ohne Grenzen seine derzeitigen Aktivitäten allmählich ans Rote Kreuz übergeben, das bereits in einem anderen Gefängnis ein Tuberkuloseprojekt betreut. Wir wollen uns vor allem auf abgelegene Gefängnisse konzentrieren, wo noch viel Arbeit vor uns liegt, bevor wir Tuberkulosefälle auf systematische Weise und so schnell wie möglich feststellen können. Und schließlich werden wir nach wie vor ehemalige Gefangene mit Tuberkulose betreuen.

Ärzte ohne Grenzen und Tuberkulose

Im Jahr 2010 hat Ärzte ohne Grenzen in 29 Ländern nahezu 30.000 Tuberkulosekranke behandelt, davon 1.000 Patienten mit resistenter TB (DR-TB). Die Projekte,die die Bekämpfung von DR-TB zum Ziel haben, umfassen sowohl Gefängnisse in Kirgistan wie auch indische Großstädte sowie HIV-Hochburgen wie Swasiland und Südafrika. Die von Ärzte ohne Grenzen entwickelten Therapien sind an das jeweilige Umfeld angepasst und fördern eine ambulante, in die Gemeinschaft integrierte Behandlung. Dies soll die Patienten zum Durchhalten ermutigen und ihnen die Behandlung erträglicher machen.Da die Epidemie von Region zu Region variiert, wird Ärzte ohne Grenzen vermehrt differenzierte Ansätze verfolgen. Vom 14. bis 16. April 2011 veranstaltet die Organisation in Taschkent (Usbekistan) ein Symposium mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit auf die wachsenden Herausforderungen zu lenken, die mit TB und MDR-TB in der ehemaligen Sowjetunion einhergehen, und um die Zusammenarbeit von verschiedenen Organisation in der Region zu verbessern.