Irak

Wellen der Vertreibung

Menschen aus der Provinz Sindschar auf der Flucht.

Nach den heftigen Kämpfen zwischen den IS-Milizen und kurdischen Kampfeinheiten in Sindschar im Nordwesten des Irak sowie in anderen Gebieten im Westen Kurdistans sind mehr als 200.000 Menschen geflohen. Viele Iraker, die ihr Zuhause verlassen haben, sind nach Kurdistan geflohen, wo die Behörden ihre Grenzen für sie geöffnet haben. Ärzte ohne Grenzen ist schon seit zwei Jahren in Kurdistan tätig und versucht Menschen zu untersützten, die gezwungen wurden, ihr Zuhause zu verlassen. Manche von ihnen wurden bereits ein zweites oder drittes Mal vertrieben.

„Die lokale kurdische Bevölkerung hat als erstes reagiert“, erklärt Chiara Lepora, Programmverantwortliche von Ärzte ohne Grenzen für den Irak. „Sie waren die ersten, die den Menschen, die nach Kurdistan kamen, Hilfe geleistet haben. Viele von den Vertriebenen sind aus Mossul und Umgebung geflohen, als dort im Juni und Juli die Gewalt eskalierte. Manche fliehen zum zweiten Mal, zuerst aus der Provinz Anbar nach Mossul und nun aus Mossul.“

Mitte Juni hat Ärzte ohne Grenzen mit dem Betrieb mobiler Kliniken an mehreren Orten für Vertriebene im Westen Kurdistans begonnen. Dieser wurde aber unterbrochen, als die Menschen aus Angst vor Angriffen in der vergangenen Woche flohen. Die Moschee in der Stadt Bashiqa – einem Ort, an dem eine der mobilen Kliniken von Ärzte ohne Grenzen stationiert ist – wurde am 8. August bombardiert, nachdem die Vertriebenen den Ort bereits verlassen hatten.

Klinik in der Umgebung von Erbil eingerichtet

Das Team von Ärzte ohne Grenzen hat seither seine Hilfsaktivitäten neu organisiert, um an neuen Orten helfen zu können und am 12. August im Camp Baharka nördlich der Stadt Erbil eine Klinik errichtet. Mehr als 2.400 Menschen halten sich derzeit in dem Lager auf, die Zahl steigt aber ständig - alleine heute sollen 200 weitere Familien ankommen.

„Es ist ein Notfall, und es gibt einen dringenden Bedarf an sanitären Einrichtungen, Unterkünften und Hilfsgütern wie zum Beispiel Hygienekits“, erklärt Chiara Lepora. „Unsere Teams erzählen uns von der Angst, die sie in den Augen der Vertriebenen sehen, vor allem bei jenen, die Orte verlassen mussten, an denen sie einst Zuflucht gesucht haben.“

Ärzte ohne Grenzen evaluiert weiterhin den Hilfsbedarf in und um Erbil und hat das Erbil Hospital und das Viertel Ainkawa in Erbil besucht, wo Hunderte vertriebene Familien in einer Kirche Zuflucht gesucht haben. Ärzte ohne Grenzen hat ein medizinisches Team in Bereitschaft.

Reaktion auf den Ansturm Tausender irakischer Flüchtlinge aus Sindschar

Die Organisation reagiert auch auf den Ansturm Tausender irakischer Flüchtlinge aus Sindschar, die die Grenze nach Syrien überqueren: Ärzte ohne Grenzen betreibt mehrere mobile Kliniken auf beiden Seiten der Grenze und kümmert sich bei Notfällen mit Krankenwagen um die Überstellung  von Patienten. Die Mitarbeiter haben zudem an drei Transitstellen am Weg zur syrischen Grenze mit Hilfe lokaler Hilfsorganisationen Wasser und Nahrungsmittel verteilt. Diese Flüchtlinge haben großes Leid erfahren, bevor sie irgendeine Art von Hilfe erhielten.

Der jüngste Ansturm von Flüchtlingen nach Kurdistan erfolgt zusätzlich zum Strom von Hunderttausenden intern vertriebenen Irakern und zu den 230.000 Syrern, die sich bereits in der Region befinden. Das bisher effiziente Gesundheitssystem wird dadurch völlig überlastet. Ärzte ohne Grenzen ist seit Mai 2012 im Flüchtlingslager Domiz und seit Oktober 2013 in den Lagern Kawargosk und Darashakran tätig und leistet den syrischen Flüchtlingen medizinische und psychologische Hilfe.

„Die Berichterstattung konzentriert sich derzeit auf Minderheiten, die großem Leid ausgesetzt sind“ erklärt Chiara Lepora. „Wir dürfen aber auch das Leid anderer Bevölkerungsgruppen, die im Konflikt in Ninewa sowie in der Provinz Anbar westlich von Bagdad festsitzen, nicht vergessen, wo die Gewalt zur Vertreibung von einer halben Million Menschen geführt hat und viele ohne Zugang zu Gesundheitsversorgung festsitzen.“

Trotz des anhaltenden Konflikts im Irak, der die Arbeit im Land für humanitäre Organisationen sehr erschwert, bemüht sich Ärzte ohne Grenzen, der irakischen Bevölkerung medizinische Hilfe zu leisten. Ärzte ohne Grenzen ist seit 2006 ununterbrochen an verschiedenen Orten im Norden und Süden des Irak tätig. Die Organisation nimmt dafür keinerlei Mittel von Regierungen, religiösen Institutionen oder internationalen Gebern an und finanziert ihre Projekte ausschließlich durch private Spenden aus der ganzen Welt. Derzeit sind im Irak mehr als 300 Mitarbeiter im Einsatz.