Demokratische Republik Kongo

"Was diese Menschen durchgemacht haben, kann ich nicht beschreiben" - Brief aus dem Projekt

Viele Steinhütten sind ausgebrannt, und die Menschen leben jetzt in Strohhütten.

 D.R. Kongo 2007: Zu den Aufgaben von Esther Verbeek gehört es auch, ihre Kenntnisse weiterzugeben.
Bald nachdem wir mit unserer kleinen Propellermaschine die Großstadt Lubumbashi in der Provinz Katanga hinter uns gelassen haben, wird mir klar, wohin mich meine Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen diesmal führen wird: Wir fliegen über unendliche grüne Weiten, und ich habe das Gefühl, mich ans Ende der Welt zu begeben.

Irgendwann erblicke ich eine Ansammlung kleiner Hütten - man könnte sie fast übersehen. Doch das kleine Dorf ist unser Ziel: Shamwana, im Osten der D.R. Kongo. Die Landung ist ganz schön holprig, aber der Pilot macht mir Mut: "Das ist hier so in Shamwana, da wird man wachgerüttelt bei der Ankunft." Dass das auch ganz gut so ist, merke ich, als ich aus dem Flugzeug steige: Eine Schar Kinder in zerlumpten Kleidern fordert meine ganze Aufmerksamkeit. Sie umringen mich, schreien lauthals "Muzungu!" und heißen mich damit willkommen.

Muzungu ist das suahelische Wort für "Fremder", und von den Fremden gibt es in Shamwana in der Tat nicht viele. Es ist erst ein Jahr her, dass Ärzte ohne Grenzen eine Basis in dieser Region aufgebaut hat. Das war im Mai letzten Jahres, nachdem sich die Kämpfe zwischen Rebellen und Regierungstruppen aufgehört hatten. Viele der Menschen, die wegen der Gewalt hatten fliehen müssen, kamen dann in ihr Heimatdorf Shamwana zurück. Menschen, die zuvor gefangen genommen worden waren und Zwangsarbeit hatten leisten müssen, wurden freigelassen. Es begann eine Zeit des Aufatmens.

Trotzdem ist das Vertrauen bei der Bevölkerung noch nicht zurückgekehrt. Was diese Menschen durchgemacht haben, kann ich nicht beschreiben. Die Geschichten, die ich erzählt bekomme - von alten Leuten oder Kindern, von scheinbar schwachen oder starken Persönlichkeiten - sind herzzerreißend. Jeder hat einen lieben Menschen verloren und schreckliche Dinge mitbekommen. Aber seit Ärzte ohne Grenzen auch in diesem Gebiet des Ostkongos ist, gibt es für sie offensichtlich zumindest wieder Hoffnung.

Unser Team ermutigt die Menschen, über das Erlebte zu reden und hilft ihnen, die Dorfstruktur zu organisieren, um eine gute Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Das nächste Krankenhaus ist mit dem Auto - je nachdem, wie die Wetterverhältnisse sind - sechs bis zehn Stunden entfernt. Die meisten Krankheiten wie Malaria und Lungenentzündung können wir mit einfachen Mitteln behandeln, und so bekommt die Bevölkerung eine Chance, zu überleben.

Als Hebamme bin ich zusammen mit meinen Kollegen dafür verantwortlich, die Gesundheit für werdende Mütter und deren Neugeborene mit einfachen Mitteln zu verbessern. Dabei ist für mich der erste Schritt, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen, die auch Opfer des Krieges sind.

 D.R. Kongo 2007: Viele Steinhütten sind ausgebrannt, und die Menschen leben jetzt in Strohhütten.
In Shamwana muss sich jetzt erst noch rumsprechen, dass eine Geburt im sauberen Gesundheitszentrum sicherer ist als bei der traditionellen Hebamme in der Hütte. Noch kommen die meisten Frauen viel zu spät, so dass man oft nicht mehr viel machen kann. Aber es gab auch schon kleine Erfolgserlebnisse:
Ein Frau, die mit Zwillingen schwanger war, hat das erste der beiden Kinder mit ihrer Mutter in der Hütte entbunden. Das zweite Kind lag schief im Bauch und konnte nicht geboren werden. Der Dorfälteste hat daraufhin alle starken Männer mobilisiert, um diese Frau, die natürlich fürchterliche Wehen hatte, rechtzeitig zum Gesundheitszentrum zu bringen. Dort haben wir das Kind auf normalem Wege auf die Welt geholt. Es hat zwar leider nicht überlebt, doch zumindest konnten wir der Frau das Leben retten. Sie war sehr dankbar, dass sie uns schon nach einigen Tagen mit ihrer kleinen Tochter bei bester Gesundheit verlassen konnte. Ebenso der Dorfälteste, der nun versucht, alle Frauen rechtzeitig zur Geburt zu uns zu schicken.

Es braucht noch viel Geduld, um den Menschen in Shamwana das verlorene Vertrauen ins Leben wiederzugeben. Wir arbeiten zusammen mit unserer Psychologin hart daran, ihnen zumindest etwas über ihre tiefen seelischen Wunden hinwegzuhelfen. Ich wünsche mir, dass wir durch unsere Arbeit die Bevölkerung dazu bringen können, ihre Strohhütten aufzugeben und wieder in Hütten aus Stein zu leben. Das wäre ein Zeichen dafür, dass sie ihre Angst ein Stück weit hinter sich lassen können. Dass sie sich nicht mehr davor fürchten, jeder Zeit in den Busch flüchten und ihr ganzes Hab und Gut hinter sich lassen zu müssen. In der Vergangenheit mussten sie diese Erfahrung mehrfach machen, und wir können nur hoffen, dass die Entwicklung im immer noch nicht ganz zur Ruhe gekommenen Osten der D.R. Kongo ihnen das in der Zukunft erspart.

Esther Verbeek