Demokratische Republik Kongo

„Vor der Abreise war ich sehr aufgeregt“ – Brief aus dem Projekt

Laura Müller ist als Kinderärztin in der Region Nord-Kivu, Demokratische Republik Kongo, mit Ärzte ohne Grenzen im Einsatz.

Die Ärztin Laura Müller ist von März noch bis Dezember 2014 in der Demokratischen Republik Kongo in einem Krankenhaus im Einsatz. In einem Brief aus dem Projekt beschreibt sie ihren Alltag vor Ort:

In der Region Nord-Kivu bin ich als Kinderärztin tätig. Da es mein erster Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen ist, war ich vor der Abreise sehr aufgeregt. Ich hatte meine Wohnung in Stuttgart aufgegeben, meine Arbeit im Krankenhaus gekündigt und war bereit, in fremden Ländern die Menschen in Not zu unterstützen. Dabei ging es mir nicht nur darum, den Patienten Medikamente zugänglich zu machen und eine Therapie zu ermöglichen, sondern auch mit den kongolesischen Mitarbeitern zusammenzuarbeiten, Arbeitsstrukturen zu verbessern, Abläufe zu vereinfachen und mein Wissen weiterzugeben.

Nun bin ich hier: Die Demokratische Republik Kongo ist ein riesengroßes Land mit ganz unterschiedlicher Vegetation und unterschiedlichen ethnischen Gruppen. Das Land hat unglaubliche Bodenschätze, nur leider kommt von diesem Reichtum bei der Bevölkerung wenig an, denn seit Jahrzenten herrscht Bürgerkrieg.

Ankunft im Kongo

Um in den Osten des Kongos einreisen zu können, führte mich mein Weg nach Kigali, Ruanda. Im Flieger kam das mulmige Gefühl nun doch, das ich gar nicht so sehr zu Hause wahrgenommen hatte. Wie wird es dort aussehen? Wie sind die Menschen? Wie werde ich wohnen? Wie sind die Kollegen? Wie gefährlich ist es dort für mich?

Nach sieben Stunden Flug landete ich mitten in der Nacht in Ruanda. Dort sind die Straßen aufgeräumt und gut instand. Am nächsten Morgen ging es im Auto weiter zur Grenze. Nach vier Stunden Autofahrt kam ich an der Grenze an. Die Grenzbeamten fragten mich, was ich im Kongo machen wolle. Als ich antwortete, dass ich für Ärzte ohne Grenzen arbeite, waren sie sehr beeindruckt. Die Arbeit von uns wird hier sehr geschätzt, und wir sind willkommen. Das ermöglicht uns oft, auch an Orten Menschen zu helfen, wo bewaffnete Gruppen sonst den Weg versperren. Unsere Neutralität und Unparteilichkeit sind in diesem spannungsgeladenen Land sehr wichtig und öffnen uns viele Türen.

Mein internationales Team und auch die einheimischen Kollegen begrüßten mich freundlich und waren froh über meine Ankunft. Meine Stelle war leider seit einigen Wochen unbesetzt, und meine Hilfe wurde sehnsüchtig erwartet.

Unsere Hilfe in Mweso

Mweso, mein Einsatzort in Nord-Kivu, liegt an der Ostgrenze zu Ruanda, wo viele Vertriebene in Lagern leben. Ärzte ohne Grenzen unterstützt nicht nur das Krankenhaus in Mweso mit Medikamenten und Arbeitskräften, sondern auch die umliegenden Orte mit einer mobilen Klinik, die jede Woche in entlegene Gebiete fährt, um der Bevölkerung, die den weiten Weg in die Klinik nicht bewältigen kann, zu helfen.

Ich arbeite in der Klinik. Wir haben eine große Station für mangelernährte Kinder, eine Kinderstation, eine Säuglingsstation, eine große Chirurgie, eine Station für Erwachsene, ein HIV- und ein Tuberkulose-Programm und ein Programm, in dem wir Opfer sexueller Gewalt behandeln. Die Betten sind überfüllt, die Luft in den Räumen verbraucht, aber die Menschen haben ein Lächeln im Gesicht und sind dankbar für die Unterstützung. Sie müssen ihre Häuser und Dörfer verlassen, da immer wieder bewaffnete Gruppen durch die Ortschaften ziehen und plündern und Menschen vergewaltigen. Sie können ihre Felder nicht mehr bestellen, ihr Vieh nicht mehr hüten, da auch das ihnen weggenommen wird. Viele leiden Hunger. Die Menschen schlafen in den Wäldern und setzen sich damit der Gefahr aus, an Malaria zu erkranken. Die Vertriebenenlager sind überfüllt. Unsere Hilfe ist hier wirklich dringend nötig.

Zakayo hat es geschafft

Ich erinnere mich zum Beispiel besonders an den vierjährigen Zakayo. Er kam mit seiner Mutter zu uns in die Klinik, da er nicht genug zu Essen hatte und unter schwerer Mangelernährung litt. Nach zwei Wochen intensiver Behandlung mit Spezialnahrung und Medikamenten konnten wir ihn und seine Mutter glücklich entlassen. Doch eine Woche später kam seine Mutter mit ihm wieder. Als ich ihn sah, war ich ganz erschrocken. Er war bewusstlos und hatte Fieber. Seine Lunge klang fürchterlich.

Wir nahmen ihn sofort auf die Intensivstation auf, gaben ihm Sauerstoff, Infusionen und Medikamente. Ich dachte, wir würden ihn verlieren. Als ich am nächsten Tag auf die Station kam, schaute er mich mit großen offenen Augen an: Wir hatten es geschafft. Er hatte eine schwere Tuberkulose, und zum Glück war seine Mutter gerade noch rechtzeitig mit ihm gekommen. Er brauchte noch weitere vier Wochen Sauerstoff, um gut atmen zu können. Nun ist er wohlauf und springt durch die Straßen! Seine Tuberkulose-Medikamente wird er allerdings noch einige Monate weiter nehmen müssen.

Projekt-Wechsel nach Walikale

Nach drei Monaten vor Ort bekam ich einen unerwarteten Anruf vom Koordinationsbüro in Goma: Es wurde schnellstmöglich ein Kinderarzt in einem anderen Projekt in Nord-Kivu, in Walikale, gesucht, wo die Situation noch schlechter aussieht. Deshalb wurde ich gebeten, ob ich das Projekt wechseln könnte. Ich stimmte gerne zu. Wenn Hilfe gebraucht wird, kann man ja nicht nein sagen. Meine Familie und Freunde aus Deutschland, mit denen ich in E-Mail-Kontakt bin und manchmal auch skypen kann, unterstützten mich in dieser Entscheidung.

Traurig nahm ich Abschied von meinem mir ans Herz gewachsenen Team in Mweso und machte mich auf den Weg zunächst nach Goma und dann mit einem kleinen Flugzeug nach Walikale. Der kleine Ort liegt im Urwald, und es ist dort wesentlich heißer als in Mweso. Auch hier herrschen blutige Konflikte und die Menschen fliehen in die Wälder. Wir behandeln jeden Tag viele Menschen mit Malaria. Viele kommen erst ganz spät zu uns in die Klinik, u.a. weil es so gefährlich ist, die Straßen zu passieren. Bewaffnete Gruppen fordern Wegegeld und machen den Menschen das Leben schwer.

Ein großes Lächeln

So kam auch die zweijährige Sofia viel zu spät zu uns. Ihre Mutter hatte sie mehrere Tage getragen, um sie zu uns ins Krankenhaus zu bringen. Sofia war bewusstlos, ausgetrocknet und hatte Malaria. Ihr Blutzucker war nicht mehr zu bestimmen, da er so niedrig war. Sie war abgemagert und schwach. Ihre Mutter hatte Angst, mit in die Klinik zu gehen. Sie dachte, es sei zu spät und schickte eine andere Frau mit ihrer Tochter in den Behandlungsraum.

Das gesamte Team tat sein Möglichstes, um das kleine Mädchen zu retten. Wir gaben Zuckerlösung, Infusionen, Antibiotika und Malaria-Medikamente. Wir überwachten Sofia eng und prüften, ob sie noch genug Blut hatte oder die Malaria-Parasiten die roten Blutkörperchen zerstört hatten. Sie können sich nicht vorstellen, wie groß das Lächeln von Sofias Mutter war, als ihre Tochter tatsächlich nach nur wenigen Stunden die Augen öffnete, sich im Bett hinsetzte und nach etwas zu trinken fragte. Jeden Tag, wenn ich nach Sofia schaue, und ihrer Mutter begegne, sieht sie mich mit diesem Blick an, der es gar nicht anders möglich macht, als weiterzuarbeiten und diesen Menschen zu helfen. Sofia kennt mich mittlerweile auch. Sie hatte mich erst nicht wiedererkannt. Wie auch? Sie war ja bewusstlos.

Den Dank weitergeben

Eine andere Mutter bedankte sich gestern bei mir. Wir hatten ihren Sohn wegen Malaria behandelt. Ich war gerade dabei, den Jungen zu entlassen, und wollte schon weitergehen, da hielt mich der Krankenpfleger an. Die Mutter habe mir noch etwas zu sagen. Sie erzählte, sie sei eine Vertriebene und habe kein Geld. Sie wolle sich bedanken, dass wir ihren Sohn gerettet haben. Er wäre gestorben, da sie die Malaria-Tabletten nicht hätte bezahlen können.

Dieser Dank gilt Ihnen, liebe Spenderinnen und Spender. Sie machen es möglich, dass wir diese Kinder behandeln! Danke, dass sie uns helfen, unsere Arbeit zu leisten und Menschenleben zu retten! Die Arbeit ist anstrengend und kräftezehrend, die Lebensbedingungen einfach, und ein Stück Schokolade ein unglaublicher Luxus. Aber jeden Tag aufs Neue, wenn ich mit meinen Kollegen, die fast eine kleine Familie sind, beim Frühstück sitze, weiß ich, warum ich diese Arbeit mache.

Bald habe ich zwei Wochen Urlaub und werde meine Schwestern treffen. Darauf freue ich mich sehr, weil ich immer wieder merke, wie wichtig es ist, die Verbindung zu den Menschen zu Hause zu behalten und ihnen mitzuteilen, was in dieser fremden Welt passiert.