Libyen

Von Misrata nach Sfax - Evakuierung von Kriegsverletzten per Schiff - Bericht der Krankenschwester Alison Criado-Perez

Es ist Sonntagvormittag, 3. April, 11.30 Uhr, und wir befinden uns in internationalen Gewässern, etwa dreißig Kilometer vor der libyschen Küste. Wir versuchen, mit dem Hafen von Misrata Kontakt aufzunehmen, damit sie uns freie Fahrt geben. Wir warten hier schon seit einigen Stunden. Bin ich wirklich hier? Alles erscheint mir ziemlich surreal.

Unser 13-köpfiges Team besteht aus internationalen Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen und einigen freiwilligen Ärzten aus Tunesien. Wir wollen Kriegsverletzte per Schiff aus Misrata evakuieren und sie nach Sfax in Tunesien bringen, wo sie medizinisch versorgt werden können. Die Reise hätte schon vor ein paar Wochen losgehen sollen, nachdem das Personal im völlig überfüllten Krankenhaus von Misrata um Unterstützung gebeten hatte, aber wir bekamen erst vor einem Tag grünes Licht. Gestern Abend ging es los, auf einer Schnellfähre vom Typ San Pawl mit 216 Sitzplätzen. Das Schiff wurde so umgebaut, dass es 60 Patienten auf Matratzen und 30 mobile Verletzte befördern kann. Wir wissen nicht, wie die Patientenliste aussehen wird, insbesondere weil Misrata gestern Nacht wieder bombardiert wurde. Aber unter den 90 Patienten werden einige mit Beatmungsgeräten sein, viele mit offenen Brüchen und Amputationen, solche mit schweren inneren Verletzungen, Kopfwunden und Schussverletzungen. Einfach wird es ganz bestimmt nicht werden.

Wir haben das Boot medizinisch so gut ausgerüstet, wie wir konnten, aber die Bedingungen bleiben schwierig. Seit wir an Bord gegangen sind, wurde das Boot ganz schön durchgeschaukelt. Wie Betrunkene taumelten wir umher, während wir die Kisten mit Medikamenten, Geräten, Infusionen, Sauerstoffflaschen und Vitalparameter-Monitoren herumschoben, um Platz für eine kleine Intensivstation und zwei getrennte Abteilungen zu schaffen: eine für kritische Patienten und Schwerverletzte, die andere für weniger kritische und solche, die gehen können. Das gesamte Material muss griffbereit sein, da keine Zeit dafür sein wird, lange nach etwas zu suchen. Und es wird schwierig werden, sich auf dem engen Raum zu bewegen. Unser Logistiker Annas hat dünne Seile zwischen die Pfosten gespannt, an die wir die Infusionsbeutel hängen können. Aber richtig einrichten können wir uns erst, wenn wir die 6,5 Tonnen medizinische Ausrüstung und Medikamente ausgeladen haben - eine Spende von Ärzte ohne Grenzen an das Krankenhaus in Misrata.

"Der Kontakt steht, wir haben grünes Licht!"

Am Mittag kommt endlich der Notfallkoordinator Helmy und ruft erleichtert: "Der Kontakt steht, wir haben grünes Licht!" Wir jubeln. Ein kleines Boot geleitet uns in den Hafen. Jegliche Angebote für militärischen Schutz haben wir abgelehnt, da Ärzte ohne Grenzen sich stets neutral verhält und keine Waffen duldet. Als wir am Dock anlegen, ist es ruhig in Misrata. Das gesamte Team und die Schiffsmannschaft bilden eine Kette, und wir laden so schnell wie möglich die vielen schweren Kisten auf den Kai, damit wir die Matratzen auf den Boden der beiden Stationen legen und unser Material vorbereiten können. Nach wenigen Minuten ist es soweit: Zwei Ärzte auf dem Kai koordinieren die Verteilung der Patienten, während ich mit Kate, der anderen internationalen Krankenschwester, drinnen warte. Bald kommen sie durch die Luken: auf Bahren, an Krücken, mit Infusionen und Kanülen, junge Menschen und auch Ältere. Da ist ein 13-jähriger Junge - mit schrecklichen Verbrennungen im Gesicht von der Explosion eines Molotowcocktails. Sein Vater ist bei ihm. Da sind viele junge Männer, die nie mehr werden gehen können - querschnittgelähmt durch eine Kugel im Rückenmark. Und die Amputierten werden Prothesen brauchen. Einige wurden gerade erst operiert; ich hoffe, dass die Blutungen wirklich gestoppt sind. Einige erhalten Bluttransfusionen. Da sind offene Brüche, fürchterliche Unterleibsverletzungen, und Brustverletzte, die eine Thoraxdrainage brauchen. Ein junger Mann, der wegen der schweren Verbrennungen an Gesicht und Hals einen Luftröhrenschnitt bekam, kann nichts sehen, da sein Gesicht mit Gaze bedeckt ist. Er hat niemanden bei sich, der erklären könnte, was genau mit ihm los ist, aber ich sehe, dass die wunderbare ägyptische Krankenschwester, die in Misrata zugestiegen ist, mit ihm spricht. Da ist ein anderer Junge, etwa 16-jährig, der von einem flüchtenden Pick-up gefallen ist und schwere Schädelverletzungen erlitten hat. Er lag sechs Stunden im Koma und ist auch jetzt kaum bei Bewusstsein.

Wie sollen wir mit all diesen Verletzten fertig werden? Insgesamt sind es 71 Patienten, und unser medizinisches Team, offiziell zwölf Leute, ist die meiste Zeit auf vier oder fünf reduziert. Niemand hat mit der Seekrankheit gerechnet, und immer wieder fallen einige Ärzte aus. Aber wir schaffen es. Wir tun, was wir können. Wir sehen zu, dass die Patienten stabil bleiben, dass ihre Infusionen laufen. Wir geben bei Bedarf Antibiotika und Schmerzmittel, wir leeren die Urinbeutel, wechseln Drainage-Flaschen. Die Arbeit nimmt kein Ende, wir sind erschöpft und machen trotzdem die ganze Nacht weiter.

Ich habe kaum gemerkt, wie es Morgen geworden ist. Doch plötzlich hören wir: "Anlegen in 30 Minuten!" Die Überfahrt nach Sfax hat fast zwölf Stunden gedauert. Ich schaue erleichtert auf den Kai, wo 36 Ambulanzen stehen und überall Freiwillige vom Roten Halbmond darauf warten, die Verletzten von der Fähre zu tragen. Die Einwanderungsbehörden sind zum Glück zurückhaltend, und wir können sofort mit dem Ausladen der Patienten beginnen.

"Hat sich die Überfahrt gelohnt?"

Kates Patient auf der Intensivstation fasst nach ihrer Hand. "Hat sich die Überfahrt gelohnt?", fragt er. "Ja", antwortet sie ruhig. Was kann sie schon sagen? Ich habe Tränen in den Augen, als die jungen Männer, mit denen wir intensive zwölf Stunden verbracht haben, in die Ambulanzen geschoben werden, die sofort zu den Krankenhäusern in Sfax losbrausen. Der tunesische Arzt, der die Transporte koordiniert, wirkt gelassen und hilfsbereit.

Auf einmal ist alles vorbei. Die Ambulanzen und Filmteams sind alle abgefahren, nur die Schiffsmannschaft und wir vom Einsatzteam sind noch an Bord. Die surreale Blase, in der wir die letzten 72 Stunden verbracht haben, zerplatzt plötzlich, und wir landen wieder in der Wirklichkeit.

Als wir in unsere Basis in Zarsis gefahren werden, fünf Stunden südlich von Sfax, sagt unser Fahrer Said plötzlich: "Im Radio reden sie über Ärzte ohne Grenzen, über den Patiententransport von Misrata nach Tunesien. Und sie möchten euch etwas zurückgeben, ein Dankeslied von der libyschen Bevölkerung." Es ist ein berührendes Lied über Liebe und Verlust, und es klingt noch lange in uns nach.