Guatemala

"Viele unserer Patienten entwickeln neue Zuversicht und Mut zum Leben" - Brief aus dem Projekt

Andrea Scheltdorf und Sozialarbeiterin Ingrid Giron

Wieder einmal bin ich angekommen: Zwischen Jetlag und Halsschmerzen, Sicherheitsrichtlinien und anfänglichen Sprachgewöhnungsschwierigkeiten, neuen Kollegen und Tortillas sehe ich in Guatemala-Stadt gespannt meinen neuen beruflichen Herausforderungen entgegen. Nach mehreren Einsätzen mit Ärzte ohne Grenzen arbeite ich nun seit vier Wochen als medizinische Koordinatorin in der Hauptstadt Guatemalas. Wir kümmern uns dort vor allem um Menschen, die Opfer von sexueller Gewalt wurden. Es ist für mich nicht das erste Mal, mit dieser Problematik konfrontiert zu sein. Auch in meinem letzten Projekt in der Demokratischen Republik Kongo war ich damit beschäftigt, Menschen zu helfen, die von sexueller Gewalt betroffen waren.

Guatemala wurde lange Jahre von einem Bürgerkrieg geplagt. Heute herrscht zwar kein Krieg mehr, aber das Land ist immer noch gezeichnet von politischer Instabilität und einer ökonomischen Krise. Diese unsicheren politischen und sozialen Verhältnisse führen dazu, dass vor allem in der Hauptstadt die Gewaltbereitschaft stetig ansteigt. Es ist spürbar, wie der Einfluss von Drogenhändlern, Jugendbanden und anderen kriminellen Gruppierungen das tägliche Leben dominiert. Guatemala zählt mit seiner hohen Kriminalitätsrate zu einem der gefährlichsten Länder in Lateinamerika.

Unsere Teams arbeiten in zwei Gebieten von Guatemala-Stadt, in denen es ein sehr hohes Gewaltaufkommen gibt. Dazu gehört auch sexuelle Gewalt, die nicht nur als Straftat, sondern auch als medizinischer und psychologischer Notfall gesehen werden muss. Dementsprechend behandeln wir Vergewaltigungsopfer. Unter unseren Patienten sind auch Menschen, die in ihren Familien sexuell missbraucht wurden.

Zurzeit arbeiten nur Frauen in der direkten Betreuung von Vergewaltigungsopfern, weil die Mehrzahl der Opfer Frauen sind und so besser Vertrauen hergestellt werden kann. Wenn Betroffene in den ersten 72 Stunden nach einer Vergewaltigung oder einem sexuellen Übergriff zu uns kommen, können wir Medikamente zur Verhinderung einer Infektion mit HIV verabreichen. Zudem geben wir Prophylaxe gegen andere sexuell übertragbare Krankheiten, Tetanus sowie Hepatitis B und helfen dabei, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Außerdem ist die psychologische Unterstützung dieser Menschen extrem wichtig. Hier in Guatemala kümmern wir uns oft auch um die Angehörigen von Gewaltopfern. Wir haben gelernt, dass sich die Problematik häufig in den Familien über Generationen hinweg wiederholt und deshalb enorme Auswirkungen auf das soziale Gefüge in der Gesellschaft hat. Es ist also sehr wichtig, die Gewalt in den Familien aufzuarbeiten.

Ich möchte die Geschichte von Maria erzählen, die eine der jungen Frauen ist, die wir behandeln und dir mir sehr präsent ist: Maria ist 17 Jahre alt und wurde am helllichten Tag auf dem Nachhauseweg von unbekannten maskierten Personen mit einer Waffe bedroht und verschleppt. Sie wurde geschlagen, gedemütigt und von sieben Männern mehrfach vergewaltigt. Maria erzählte uns, dass vor diesem Zwischenfall einer ihrer Brüder von einer Bande ermordet worden war und nun drohte man auch ihr, sie zu töten. Doch einer aus der Gruppe konnte die anderen überzeugen, Maria freizulassen. Zuhause erzählte sie es ihren Eltern, die sich sofort an uns wandten, weil sie durch die Aufklärungskampagnen von unserer Arbeit gehört hatten.

Maria hatte Glück im Unglück, denn ihre größten Ängste, sich durch die Vergewaltigungen mit HIV infiziert zu haben oder schwanger zu sein, haben sich nicht bestätigt. Nach einer medizinischen Behandlung ist sie heute körperlich gesund. In einer Selbsthilfegruppe und mit einer Psychologin arbeitet Maria an der Genesung ihrer seelischen Wunden. Inzwischen geht es ihr schon etwas besser: Sie kann beispielsweise nachts durchschlafen und hat auch wieder eigene Träume: Sie möchte sich eines Tages richtig verlieben können und wieder Vertrauen in andere Menschen entwickeln. Auch die Familie ist ihr auf ihrem Weg eine wichtige Stütze.

Sexuelle Gewalt gibt es in allen sozialen Schichten, und auch Männer sind betroffen. Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder alte Menschen gehören zu den Opfern. Ob in Guatemala, im Kongo oder vielen anderen Ländern: Der Bevölkerung zu vermitteln, welch schwerwiegenden medizinischen, psychologischen und sozialen Konsequenzen sexuelle Gewalt hat, dafür braucht es viel Aufklärungsarbeit und Geduld.

In Guatemala sind wir mit unserer Arbeit auf einem guten Weg. Wir machen Schulungen für medizinisches Personal oder halten Workshops mit Jugendlichen zum Thema sexuelle Gewalt ab. Die betroffenen Menschen kommen zu uns und nehmen unsere Unterstützung gerne an. Viele der Patienten werden durch unsere Hilfe wieder gesund und entwickeln neue Zuversicht und Mut zum Leben.

Andrea Scheltdorf