"Verwundete verlassen aus Angst ihre Häuser nicht"

Virginie Mathieu ist Landeskoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen und in den palästinensischen Autonomiegebieten. Ihr Team besteht aus fünf internationalen Mitarbeitern und 40 Palästinensern. Ein kleines Notfallteam konnte am Sonntag zur Verstärkung in den Gazastreifen gelangen.

Welchen Bedarf gibt es vor Ort?

Seit dem Beginn der Operation "Pillar of Defense" gab es 140 Tote und tausend Verletzte, etwa ein Drittel von ihnen sind Kinder. Die Ärzte sind überfordert. Einige der Schwerverletzten sind über den offenen Grenzübergang Rafah nach Ägypten evakuiert worden, aber auch über die israelische Grenze, was erwähnenswert ist. Andere wurden im Land behandelt. Trotz der Situation funktionieren die Gesundheitsdienste in Gaza gut, mit Chirurgen, die auch Erfahrungen mit Kriegschirurgie haben. Aber wir sind besorgt, dass Menschen, die verletzt sind oder regelmäßige Pflege benötigen, zu Hause oder woanders festsitzen, und aus Angst vor den unaufhörlichen Bombardements nicht nach draußen gehen. Die Flugblätter, die die israelische Armee am Dienstag abgeworfen hat und in denen sie die Menschen zur Evakuierung auffordert, haben große Panik verursacht. Viele Menschen sind aufgebrochen, um anderswo Zuflucht zu finden. Die Menschen, die seit Jahren unter dem Konflikt leiden, stehen unter enormem Stress.

Was sind die dringendsten medizinischen Bedürfnisse?

Ein Mangel an Medikamenten ist ein chronisches Problem in Gaza. In Gaza fehlen 40 Prozent der Medikamente, welche die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als unentbehrlich ansieht, ebenso fehlen 65 Prozent der Verbrauchsmaterialien, wie Infusionen und Spritzen. Wir konnten seit dem Tag nach den ersten Bombardierungen Materialien (Handschuhe und Verbandszeug) und Medikamente (Anästhetika und Desinfektionsmittel) über Israel an die Zentralapotheke in Gaza liefern. Die Apotheke verteilt diesen Vorrat nach Bedarf an dreizehn öffentliche Krankenhäuser. Es gibt auch Defizite bei der Nachsorge in Gaza. Wir unterstützen bei der intensivmedizinischen Behandlung und postoperativen Versorgung.

Kann Ärzte ohne Grenzen sich frei bewegen?

Sehr wenig. Für den Moment können wir uns nur in Gaza-Stadt bewegen. Wir kommen nicht in den Norden oder Süden des Autonomiegebietes. Unsere Klinik in Gaza-Stadt wurde von Granatsplittern getroffen. Ein Teil unserer Materialien wurde zerstört. Einige Krankenwagen wurden beschädigt, ebenso das UN-Gebäude und ein Krankenhaus. Heute Nacht war eine der beiden Hauptstraßen in den Gazastreifen abgeschnitten. Wir können das aufblasbare Krankenhaus nicht erreichen, das wir seit 2011 nutzen. Es ist in Khan Younis, im Süden des Gazastreifens, nur vielleicht fünfzehn Kilometer entfernt. Dieses Krankenhaus steht jedoch bereit, um als Triage-Bereich für Verwundete und als OP für kleinere chirurgische Eingriffe genutzt zu werden.

Sind Sie vorbereitet Gaza zu verlassen, falls sich die Lage weiter verschlechtert?

Wir tun alles, um die Sicherheit unserer Mitarbeiter zu gewährleisten. Wir werden bleiben, solange es uns möglich ist - ebenso wie die UN und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, die ebenfalls im Gazastreifen präsent sind. Die palästinensischen Mitglieder unseres Teams hingegen können ohnehin nicht ausreisen.

Von Cordelia Bonal, erschienen in Liberation am 21. November 2012