Medikamentenmangel bedroht die Behandlung

Tropenkrankheit Chagas

Ärzte ohne Grenzen bietet in Gesundheitszentren in den Randbezirken Cochabambas Diagnose und Behandlung von Chagas an. Bolivien ist das Land mit der höchsten Prävalenz.

In Lateinamerika sind schätzungsweise 10 bis 15 Millionen Menschen mit der Chagas-Krankheit infiziert, die jährlich 14.000 Todesopfer fordert. Chagas wird von Wanzen übertragen und kann Herz, Nerven und Verdauungsorgane schwer schädigen. Bolivien ist das Land, das am stärksten von Chagas betroffen ist. Ärzte ohne Grenzen behandelt zusammen mit dem bolivianischen Gesundheitsministerium Chagas-Patienten. Doch die Behandlungskapazitäten sind wegen des Mangels an dem Medikament Benznidazol eingeschränkt. Lediglich ein Labor in Brasilien stellt dieses Medikament her und die Produktion hat sich verzögert. Henry Rodríguez, Leiter der Projekte in Bolivien und Paraguay, beschreibt die Situation.

Welche Auswirkungen hat die Lieferverzögerung von Benznidazol auf die Projekte?

Wir können keine neuen Behandlungen beginnen, bis wir nicht mehr Medikamente haben. Denn wir können es nicht riskieren, die Behandlung der Patienten zu unterbrechen. Wenn die Behandlung länger als eine Woche ausgesetzt wird, muss man sie ganz von Neuem beginnen. Und wir suchen auch weniger nach neuen Fällen, solange wir nicht auch behandeln können - Wenn wir die Kontinuität der Behandlung nicht sicherstellen, werden wir Patienten verlieren.

Unser Lagerbestand ist seit Beginn des Jahres aufgebraucht und seitdem verwenden wir Medikamente, die uns das Gesundheitsministerium zur Verfügung stellt. Wir verschenken die Möglichkeit, Chagas-Patienten zu behandeln, die dringend eine Behandlung bräuchten.

Gibt es keine anderen Behandlungsmöglichkeiten?

Doch. Nifurtimox ist eine weitere Option, aber es ist durch die nationalen Behandlungsprotokolle nur für die zweite Behandlungslinie zugelassen, das heißt, wenn die Anwendung von Benznidazol fehlgeschlagen ist.

Wie verhält es sich derzeit mit Benznidazol in Bolivien und Paraguay?

Benznidazol ist in diesen zwei Ländern nicht registriert, was die Verteilung verlangsamt. Es aus Brasilien nach Bolivien und Paraguay zu importieren, ist ein langwieriger und komplizierter Prozess. In Bolivien beispielsweise hatten wir im Mai gerade genug Medikamente, um die Patienten bis Mitte Juni behandeln zu können. Ende Juli hatte unsere Bestellung mit einem Monat Verspätung gerade erst den Zoll verlassen. In Paraguay mussten wir fast neun Monate auf die Tabletten warten, weil das Medikament nicht registriert war.

Wie viele Menschen warten auf eine Behandlung durch Ärzte ohne Grenzen?

In Paraguay wurden fast 200 Personen positiv diagnostiziert und nur 36 haben eine Behandlung begonnen. Die Anderen sind wegen des Mangels an Medikamenten auf der Warteliste. Und selbst wenn die Medikamente verfügbar sind, werden einige die Behandlung nicht aufnehmen wollen, da sie Angst vor den Nebenwirkungen haben, obwohl unsere Erfahrung aus zwölf Jahren zeigt, dass diese leicht und durch einen wöchentlichen Check-up kontrollierbar sind.

Chagas ist eine stille Krankheit. Es kann bis zu 20 Jahren dauern, bis bei einer Person Symptome auftreten. Etwa 30 Prozent der Patienten entwickeln chronische Komplikationen durch die Krankheit. Es gibt aber keine Beweise oder Indikatoren, um festzustellen, ob eine infizierte Person ein symptomatisches Krankheitsbild entwickeln wird. Das führt dazu, dass sich die Menschen nicht den Nebenwirkungen der Medikamente aussetzen wollen, weil sie sich zu diesem Zeitpunkt ja gesund fühlen. Es ist also schwierig sie zu überzeugen - die Behandlung stellt für sie keine Priorität dar. Abgesehen davon glauben sie nicht wirklich daran, dass die Behandlung effektiv ist, weil es keinen Beweis dafür gibt, dass die Krankheit dadurch geheilt wird.

Bedeutet das, dass es selbst nach der Behandlung nicht möglich ist herauszufinden, ob die Behandlung auch Erfolg hatte?

Das ist richtig. Es gibt keinen Test, um den Erfolg der Behandlung zu überprüfen. Wenn die Behandlung beendet ist, weiß man nicht, ob sie wirksam war oder nicht. Es kann nicht nachgewiesen werden, und die Menschen müssen mit dieser Unsicherheit leben. Das ist eine der Schwierigkeiten, wenn es darum geht, die Menschen von den Vorteilen einer Behandlung zu überzeugen.

Für Jugendliche unter 15 liegt die Aussicht auf Genesung bei über 90 Prozent und bei Kindern unter fünf bei fast 100 Prozent. Es ist also leichter, diese Patienten und ihre Eltern zu überzeugen. Wofür wir wirklich kämpfen müssen, ist eine Möglichkeit, den Behandlungserfolg zu testen. Aktuell werden Studien durchgeführt, um die langfristigen Vorteile einer Behandlung zu belegen.

Warum ist es so schwierig, Benznidazol zu produzieren?

Benznidazol wurde früher von Roche hergestellt. Das Unternehmen hat sich jedoch entschieden, seine Technologie auf das brasilianische Labor LAFEPE zu übertragen, weil es Benznidazol nicht länger produzieren wollten. LAFEPE musste ein anderes Labor ausfindig machen, das den zu Grunde liegenden Wirkstoff herstellt, weil ihn weltweit niemand anderes produziert. Wir sind also völlig von einem einzigen Labor abhängig, das den Wirkstoff herstellt, und von einem einzigen anderen Labor, das das Medikament produziert.

Darüber hinaus muss man, um ein Medikament auf den Markt zu bringen, eine Reihe von gesetzlichen Maßnahmen einhalten, die dessen Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit gewährleisten. Das kostet sehr viel Zeit.

Ein anderer Faktor, der uns Sorgen bereitet, ist der Preis des Endproduktes, weil wir wissen, dass die Kosten des Wirkstoffes gestiegen sind. Der derzeit verfügbare Rohstoff reicht nicht aus, um die Millionen von Tabletten herzustellen, die für den Rest des Jahres benötigt werden. Außerdem werden Bestellungen oft nicht umsichtig genug koordiniert, so dass einige Länder mehr Tabletten haben, als sie eigentlich benötigen, und andere wiederum überhaupt keine.

Wie wird der Bedarf eines Landes ermittelt?

Medikamente werden entsprechend der Nachfrage produziert, aber es ist aus verschiedenen Gründen schwierig, diesen Bedarf zu ermitteln. Es gibt keine verlässlichen Studien über die Verbreitung von Chagas. Nationale Programme müssen wissen, bei wie vielen Menschen die Krankheit diagnostiziert wurden, ob diese überhaupt behandelt werden wollen und ob die Gesundheitszentren und Krankenhäuser auch genug Kapazitäten haben, um sie dann tatsächlich auch zu behandeln. Es gibt zwar ein Kalkulationsprogramm für Länder, um präzise Bestellungen machen zu können, doch diese Faktoren erschweren die Berechnung - und wenn sie nicht korrekt mit einbezogen werden, erhalten wir nicht die Medikamente, die wir tatsächlich brauchen.

Kümmert sich Ärzte ohne Grenzen neben Diagnose und Behandlung auch um Prävention?

Ärzte ohne Grenzen leistet auch Präventionsarbeit. Die Bekämpfung der Überträger, die so genannte Vektorkontrolle, ist unverzichtbar, damit sich Patienten nicht erneut infizieren, nachdem sie ihre Behandlung bereits begonnen haben. Im vergangenen Jahr haben wir Patienten gezeigt, wie sie selbst die Überträger zu Hause bekämpfen können. Das befähigt sie, selbst etwas zu tun, und erhöht das Bewusstsein in der Bevölkerung.

Es gibt innerhalb des nationalen Programms aber nur wenig verfügbares Personal. In diesem Jahr beispielsweise mussten alle Mitarbeiter, die sich um die Vektorkontrolle kümmern, zu einem Dengue-Ausbruch in Bolivien und Paraguay abgezogen werden, so dass niemand für Chagas übrig blieb.

Ärzte ohne Grenzen in Bolivien

Bolivien, wo Ärzte ohne Grenzen seit 2002 arbeitet, ist das Land, das am stärksten von Chagas betroffen ist. Die Krankheit ist in 60 Prozent des Landesterritoriums endemisch. Die meisten Menschen hier leben in Armut, weit weg von Städten in ländlichen Gebieten, was den Zugang zu Medikamenten sowohl geographisch als auch ökonomisch schwierig macht. Ärzte ohne Grenzen behandelt derzeit Kinder und Erwachsene und setzt sich gleichzeitig aktiv für die Behandlung überall im Land ein.

Ärzte ohne Grenzen in Paraguay

Ärzte ohne Grenzen hat die Arbeit in Paraguay 2010 mit einem kostenlosen Chagas-Programm in Verbindung mit dem Gesundheitsministerium aufgenommen. Rund drei Prozent der Bevölkerung, vor allem Indigene, leben im paraguayischen Teil dieser halbwüstenartigen, weitläufigen Region. Bevor Ärzte ohne Grenzen im November 2010 in Paraguay begonnen hat, Chagas zu behandeln, hat das Gesundheitsministerium nur Kinder unter fünf Jahren in den wohlhaberenden Gebieten des Landes behandelt.