Stellungnahme zur Artikel-Serie in "The Lancet" zu Mangelernährung bei Müttern und Kindern

Stellungnahme Lancet Artikel

In einer neuen Serie beschäftigt sich das medizinische Journal The Lancet mit Mangelernährung bei Müttern und Kindern. Damit greifen die Autoren richtigerweise das Thema Ernährung als stark vernachlässigten Aspekt der Gesundheit von Müttern, Neugeborenen und Kindern auf. Gleichzeitig werden jedoch durch analytische Schwächen und veraltete Empfehlungen Bemühungen um dringend nötige Veränderungen im Umgang mit dem Problem Mangelernährung unterlaufen.

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen werden täglich mit den verheerenden Auswirkungen von Mangelernährung bei Kindern konfrontiert. Im Jahr 2006 behandelten sie mehr als 150.000 unterernährte Kinder in 99 Projekten. Dabei beobachtete das medizinische Personal aus erster Hand, wie Mangelernährung die Abwehrkräfte von Kindern schwächt und das Risiko erhöht, an Lungenentzündung, Durchfall, Malaria, Masern oder Aids zu sterben. Außerdem dokumentierten sie die tiefgreifende Wirkung von nährstoffreicher therapeutischer Fertignahrung zur Behandlung der Mangelernährung bei Kindern.

Einige Schwächen der Lancet-Reihe:

  • Die Reihe unterschätzt die Zahl der Todesfälle, die durch schwere akute Mangelernährung verursacht werden, dramatisch. So werden beispielsweise Todesfälle durch Hungerödeme, einer höchst lebensbedrohlichen Form von Mangelernährung, die in großen Teilen des mittleren und südlichen Afrikas verbreitet ist, nicht berücksichtigt.
  • Die Reihe versagt einem neuen, auch von WHO, UNICEF und WFP unterstützten, Behandlungsansatz, die aktive Unterstützung. Dieser arbeitet mit therapeutischer Fertignahrung, die von den Patienten zuhause eingenommen werden kann.
  • Stattdessen setzt die Serie den Schwerpunkt auf die Behandlung in Krankenhäusern und das in einer Zeit, in der Gesundheitsministerien, UN- und Nichtregierungsorganisationen zur nachgewiesen erfolgreichen ambulanten Behandlung mit Fertignahrung übergehen. Derzeit werden nur noch schwierige Fälle in Kliniken behandelt.
  • Die Autoren begründen ihre Zurückhaltung gegenüber der ambulanten Behandlung mit dem Fehlen randomisierter Studien. Ihre Betonung des Nutzens der Krankenhausbehandlung basiert jedoch auf neun Studien, die alle nicht randomisiert sind.

Ärzte ohne Grenzen behandelt seit 2000 akute Mangelernährung in afrikanischen und asiatischen Ländern mit therapeutischer Fertignahrung; unter anderem in Afghanistan, Angola, Burundi, Äthiopien, Niger und Sudan. Die ambulante Strategie mit Fertignahrung erlaubt es Ärzte ohne Grenzen, weit mehr Kinder zu behandeln, als das mit der in der Vergangenheit üblichen Behandlung im Krankenhaus möglich gewesen wäre.

Die genauesten Ergebnisse zur ambulanten Behandlung gibt es im Projekt in Maradi (Niger), wo seit 2001 Hunderttausende Patienten behandelt wurden. Im Jahr 2007 wurden hier mehr als 22.000 schwer mangelernährte Kinder mit einer Heilungsrate von 84 Prozent und einer Sterberate von weniger als drei Prozent behandelt.

In Malawi, Äthiopien und Niger wurde die ambulante Behandlung von den Gesundheitsministerien mit Hilfe von Partnern vor Ort erfolgreich großflächig eingeführt. Doch trotz dringender Empfehlung der Vereinten Nationen, diese Behandlungsart zu implementieren, haben bisher nur etwa drei Prozent aller weltweit schwer mangelernährten Kinder Zugang zu therapeutischer Fertignahrung (1).

Indem sie die ambulante Behandlung mit therapeutischer Fertignahrung nicht unterstützen, untergraben die Autoren von The Lancet die Bemühungen um diese lebensrettende Maßnahme.

Möglicherweise basiert ihr konservativer Ansatz auf dem Fakt, dass neue, effektivere Strategien mit therapeutischer Fertignahrung teurer als die herkömmlichen sein werden und dass es internationaler Fördergelder bedarf, um diese zu beschaffen (was oft auch lokal möglich ist). Doch angesichts der überragenden Ergebnisse, die Ärzte ohne Grenzen und andere bis heute mit Fertignahrung erzielt haben und deren lebensrettendem Potenzial, sollten die Empfängerländer finanziell unterstützt werden, um diese Strategie schnell auszuweiten. Das Einführen der ambulanten Behandlung mit therapeutischer Fertignahrung bedeutet für mangelernährte Kinder unter drei Jahren nicht weniger als den Unterschied zwischen Leben und Tod.