Als Logistiker mitten im Krieg

Pressebereicht

Erdmannhausen Der ehemalige Erdmannhäuser Felix Gärtner war neun Monate lang als humanitärer Helfer für die Organisation Ärzte ohne Grenzen im Kongo. Von Melanie Braun

Jahrelang hat Felix Gärtner sich mit Süd- und Mittelamerika auseinander gesetzt. Nach dem Abitur am Marbacher Friedrich-Schiller-Gymnasium belegte der ehemalige Erdmannhäuser an der Universität das Fach Lateinamerika-Studien und war anschließend mehrfach für mehrere Monate bei Hilfsorganisationen in Übersee tätig. Dann bewarb er sich bei Ärzte ohne Grenzen - und wurde in den Kongo geschickt. "Dass es Zentralafrika wird, damit hatte ich nicht gerechnet", sagt der 36-Jährige. Schließlich habe er damit vorher gar nichts zu tun gehabt. "Wobei, irgendwie ja doch", gibt er zu bedenken. Schließlich hätten wir im Westen durchaus etwas damit zu tun, wenn es anderen auf der Welt schlecht geht, findet er. "Wir leben auf einem Planeten, da hängt das schon irgendwie zusammen." Genau deshalb hat der inzwischen in Berlin Lebende sich auch entschieden, beruflich in der humanitären Hilfe tätig zu sein: "Ich habe oft gesehen, dass Leute Hilfe benötigen, es aber eine Institution braucht, die so etwas organisiert", erklärt Gärtner.

Der ehemalige Erdmannhäuser ist kein Mediziner, doch Ärzte ohne Grenzen braucht auch andere Kräfte. Logistiker zum Beispiel. Als solcher war Felix Gärtner neun Monate lang in dem Dorf Kitchanga, in der Region Nord-Kivu im Osten Kongos. Dort war er verantwortlich für Finanzen, Personal und Versorgung. "In unserem Projekt ging es um die Gesundheitsgrundversorgung." Die sei in den Flüchtlingslagern vor Ort katastrophal. An insgesamt sieben Gesundheitsposten hätten er und sein Team dafür gesorgt, dass etwa eine Million Flüchtlinge mit Medikamenten und einfachen ärztlichen Behandlungen versorgt werden, berichtet Gärtner. Dazu dienten so genannte mobile Kliniken, die aus Tischen und Vorhängen an abgelegenen Orten nahe der Konfliktzonen für wenige Stunden errichtet werden. "Wir hatten zum Beispiel eine mobile Klinik in den Ruinen einer alten Pfarrei", erzählt Gärtner. Ohne, dass dafür Werbung gemacht wurde, seien quasi aus dem Nichts zig Patienten gekommen. Menschen mit schweren Krankheiten müssten allerdings in Krankenhäuser überführt werden.

Felix Gärtner war in dem Projekt für insgesamt 120 Mitarbeiter verantwortlich. "Das war schon wie ein mittlerer Betrieb, so was hatte ich vorher auch noch nicht gemacht", erzählt er. Außerdem musste er dafür sorgen, dass stets genügend Medikamente vorrätig sind - keine leichte Aufgabe: "Die Lieferzeiten dort betragen teilweise bis zu vier Monate. Da muss man ganz schön gut vorausplanen."

Und das alles unter erschwerten Bedingungen: "Die Sicherheitslage war schwierig, denn Kitchanga liegt in einer Konfliktregion", berichtet Gärtner. Bewaffnete Gruppen verschiedener Art - von dörflichen Milizen bis hin zu organisierten Guerillagruppen - seien dort stets präsent im Straßenbild. Deshalb mussten er und seine Kollegen unter strengen Auflagen leben und arbeiten: Nachts herrschte Ausgangssperre, es gab Beschränkungen, wer wohin gehen darf, und sie mussten stets per Funk erreichbar sein. Hinzu kam die enorme Arbeitsbelastung. "Es gab für uns eigentlich keine normalen Arbeitszeiten", erzählt Gärtner. Sobald sich herumgesprochen hatte, dass er für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, "standen schnell viele Leute vor der Tür", die um Hilfe baten.

Trotz dieser Widrigkeiten hat es der Kongo dem Erdmannhäuser angetan: "Es ist schon beeindruckend, wie die Leute es schaffen, nach 15 Jahren Krieg noch so freundlich und nett zu sein", sagt er. Das komme auch in der Musik zum Ausdruck, die im Kongo eine sehr große Rolle spiele: "Es gibt tatsächlich immer noch eine funktionierende Musikindustrie", berichtet der Weitgereiste. Das gefällt ihm - ebenso wie die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen. Daher könnte er sich vorstellen, weiter für die Organisation zu arbeiten, auch in Afrika. Und das, obwohl er erst seit wenigen Wochen wieder in Deutschland weilt - und eigentlich Südamerika-Spezialist ist.