Jemen

"Plötzlich wurden aus dem einen erwarteten Kind Zwillinge" - Brief aus dem Projekt

Die kleine, rund 30.000 Einwohner zählende Stadt Al Talh liegt in der Provinz Saada, im Norden des Jemen, rund 200 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Im Jemen mit seinen rund 22 Millionen Menschen lebt ein Großteil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze in einem Kontext von allgemeiner wirtschaftlicher Krise und sozialen Spannungen. In der Provinz Saada gibt es seit vier Jahren einen Konflikt zwischen einer Rebellengruppe und der Regierung, bei dem es regelmäßig zu intensiven Kämpfen kommt. Deshalb unterstützt Ärzte ohne Grenzen seit 2007 das Krankenhaus von Al Talh, in dem ich als Anästhesistin arbeite.

Monika Hillebrand in Sri LankaDas Al Talh-Krankenhaus hat 34 Betten, die überwiegend in zwei aufblasbaren Zelten untergebracht sind, mit angegliedertem Notfallraum und Poliklinik. Mein Einsatz dauert neun Wochen, von denen ich die Hälfte mit der deutschen Chirurgin Christina Jung zusammenarbeite. Sie wird anschließend von einem japanischen Kollegen abgelöst werden.

Meinem Eindruck nach ist das lokale OP-Team, mit dem wir gemeinsam zahlreiche stationäre und ambulante Patienten versorgen, sehr qualifiziert. Morgens beginnen wir um acht Uhr mit der Stationsvisite und anschließend geht's in den OP. Wir führen ein breites Spektrum an Operationen durch, zu denen vor allem traumatische Fälle wie Knochenbrüche und Verbrennungen, aber auch Schusswunden gehören. Außerdem zählen Abszesse, Leistenbrüche, Blinddarmentzündungen, kleine gynäkologische Eingriffe und Kaiserschnitte dazu.

Wir machen viele Konsultationen, denn unsere Behandlung ist kostenlos, so dass die Patienten sie dankbar annehmen. Ich habe neben den Anästhesien auch andere Aufgaben, zu denen die Mitversorgung internistischer Patienten und schwer kranker, mangelernährter Kleinkinder gehört. Zudem führe ich Schulungen für Pflegekräfte, Hebammen und einheimische Ärzte durch.

Ein Tag wird uns sicher in besonderer Erinnerung bleiben: Wir unterbrachen das laufende OP-Programm, um im Notfallraum einen schwer verletzten jungen Mann zu versorgen, der aus nächster Nähe von einer Handgranate getroffen worden war. Er hatte ein lebensbedrohliches Schädel-Hirn-Trauma und wahrscheinlich Blutungen in Brust- und Bauchraum. Zudem hatte er einen Unterarm verloren. Eine operative und intensivmedizinische Versorgung überstieg leider unsere Möglichkeiten, so dass uns nur blieb, ihn würdevoll beim Sterben zu begleiten. Natürlich waren wir alle sehr betroffen.

Bald darauf mussten wir aber wieder im OP stehen, denn eine Frau benötigte einen Kaiserschnitt. Ganz plötzlich wurden dabei aus dem einen erwarteten Kind Zwillinge! Viele Frauen hier können keine vorgeburtliche Versorgung durchführen, deshalb war die Zwillingsschwangerschaft vorher nicht bekannt. Erfreulicherweise ging alles gut.

Inzwischen war aus dem rund sechs Autostunden entfernten Razeh, wo Ärzte ohne Grenzen ebenfalls ein kleines Krankenhaus unterstützt, ein junger Mann nach einem Verkehrsunfall zu uns unterwegs. Er hatte eine Bauchverletzung und bereits viel Blut verloren. Es stellte sich heraus, dass die Ursache der Blutung ein Milzriss war. Wir haben also die Milz entfernt und seinen Kreislauf mit Bluttransfusionen stabilisiert. Nach einer Woche konnten wir ihn wohlauf entlassen.

So, wie an diesem Tag, liegen bei der Arbeit schöne und traurige Erlebnisse oft nah beieinander. Die Erfolge machen mir natürlich viel Freude, und die gute und enge Zusammenarbeit mit den jemenitischen Kolleginnen und Kollegen bringt viel Spaß. Mein Einsatz hier ermöglicht mir zudem einen faszinierenden Einblick in Denken und Kultur der Jemeniten, wofür ich sehr dankbar bin.

Monika Hillebrand