Brasilien

Nothilfe in Stadtviertel Rio de Janeiros mit hoher Gewaltrate

Seit Oktober 2007 betreut Ärzte ohne Grenzen in Complexo do Alemão ein medizinisches und psychologisches Nothilfeprojekt. Denn die Bevölkerung hat in diesem Stadtviertel von Rio de Janeiro trotz vieler Gewalttaten kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Es ist warm an diesem Mittag im Februar, als plötzlich im Stadtviertel Complexo do Alemão Schüsse fallen. Es ist ein armes und gewalttätiges Viertel von Rio de Janeiro. Der Stadtteil ist bekannt dafür, dass es dort oft zu Auseinandersetzungen zwischen lokalen bewaffneten Banden und den Polizeikräften der Stadt kommt. In dem Viertel leben schätzungsweise 150.000 Menschen, die ständig von Gewalt bedroht sind.

"Aufgrund der besonders gewalttätigen Lage in Complexo do Alemão mangelt es vielen Bewohnern an qualitativer und rechtzeitiger medizinischer und psychologischer Hilfe - vor allem während der Kämpfe", erklärt Alberto Cristina, Projektleiter für Ärzte ohne Grenzen in Brasilien. "Deshalb haben wir eine Nothilfeambulanz eröffnet." Die Ambulanz liegt mitten im Zentrum des Stadtviertels. Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen betreuen die Notaufnahme, den psychologischen Dienst, sie überweisen Patienten in eigenen Transportmitteln an andere Kliniken oder beraten diejenigen, denen in der Notaufnahme nicht geholfen werden kann, die aber dennoch Hilfe benötigen.

Ständige Gewalt zermürbt

Sonia ist zu Hause. Sie ist 40 Jahre und leidet unter Herzproblemen. Nach einer zweistündigen Schießerei in der Nähe ihres Hauses fühlt sie sich schlecht. Sie kann kaum atmen und spürt heftiges Herzklopfen. Wenn Kämpfe ausbrechen, gibt es keine Transportmöglichkeiten. Sonia kann ihr Haus also nicht verlassen. Ihr Bruder traut sich schließlich und rennt zur Nothilfeambulanz von Ärzte ohne Grenzen. Die medizinischen Daten seiner Schwester hat er dabei.

Sofort fährt ein Mitarbeiter des Teams zu Sonias Haus, um sie zu holen. Als sie in der Ambulanz ankommt, erhält sie einen roten Code. Das Elektrokardiogramm zeigt ernsthafte Herzrhythmusstörungen, doch die Mitarbeiter können ihr schnell helfen. Sobald Sonia medizinisch einigermaßen stabil ist, spricht ein Psychologe mit ihr. Er bietet ihr an, das Zentrum mehrmals zu besuchen, damit sie ihre Angstzustände besser bewältigen kann. Am Ende des Tages, als im Viertel wieder Ruhe einkehrt, bringt Ärzte ohne Grenzen Sonia in eine andere Klinik, die etwa 20 Minuten außerhalb von Complexo de Alemão liegt.

Maria, ein junges Mädchen, ist eine andere Patientin, die aufgrund der Gewalt psychologische Hilfe erhält. Vor einigen Monaten wurde sie bei einem Angriff schwer verletzt. Zahlreiche Kinder wurden damals verwundet. Maria wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, wo sie drei Mal operiert werden musste. Heute sind diese Wunden verheilt, nicht aber ihre seelischen Schmerzen. Daher nimmt sie regelmäßig Einzelstunden bei einem Therapeuten von Ärzte ohne Grenzen.

Schnelle Hilfe erforderlich

"Im Februar haben wir 776 Patienten aufgesucht. Wir bemühen uns, die Zeit zwischen dem traumatischen Ereignis und der Einweisung ins Krankenhaus zu verringern", sagt der Arzt Gianfranco de Maio, der für Ärzte ohne Grenzen in Brasilien arbeitet. "Wir müssen die Patienten während der ersten 60 Minuten nach der Verletzung behandeln. Ich erinnere mich gut an einen Patienten, der Schussverletzungen hatte. Er war in einem kritischen Zustand, als er zu uns kam. Wir konnten ihn aber stabilisieren und in eine andere Klinik überweisen."

Seit der Eröffnung der Nothilfeambulanz haben die Mitarbeiter beinahe 3.000 Patienten behandelt. Die meisten hatten Verletzungen, Atemwegsinfektionen oder kamen mit Verdacht auf Dengue Fieber. Alle Patienten werden untersucht, bevor sie behandelt oder an andere öffentlichen Gesundheitseinrichtungen überwiesen werden.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1993 in Brasilien. Neben dem Projekt in Complexo de Alemão betreut die Organisation gemeinsam mit der Oswaldo-Cruz-Stiftung in der Amazonasregion ein Chagas-Diagnoseprojekt. Darüber hinaus bieten die Mitarbeiter landesweit den Gemeinden Beratung zum Sicherheitsmanagement in gewalttätigen Situationen an. Mehr als 600 Mitarbeiter der Familiengesundheitsprogramme aus Rio de Janeiro, Belo Horizonte und anderen Gemeinden nahmen 2007 an diesem Training teil.