Kenia

Noch nie zuvor waren so viele Menschen auf der Flucht - Mangelernährungskrise am Horn von Afrika

Die 10 Monate alten Zwillinge Luul Nur Abdi und Abdikarim Nur Abdi werden im Krankenhaus in Marere gegen Mangelernährung behandelt. Ihre Mutter Maryan Haji Ali konnte die 1,50 Euro Transportkosten nicht bezahlen. Sie hat die beiden auf dem Rücken dorthin getragen: "Ich bin jetzt zwei Wochen mit ihnen hier und ihr Zustand verbessert sich sehr."

Mehr als 2.000 Menschen aus Somalia überqueren zurzeit täglich die Grenzen nach Kenia und Äthiopien, um in den Nachbarländern Hilfe zu suchen. Im Land selbst sind so viele Menschen wie nie zuvor auf der Flucht. Wegen Ernteausfällen und fehlender Vorräte sind sie auf der verzweifelten Suche nach Nahrung und medizinischer Hilfe. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen in Somalia sind in den Krankenhäusern und Ernährungszentren mit einer erschreckend schnell wachsenden Zahl Vertriebener konfrontiert.

Luul Sankus, die Mutter von zwei Kindern, ist mit ihrem Mann und zwei Kindern mehr als 160 Kilometer gelaufen, um das Dorf Hurufle im Juba Valley zu erreichen. "Ich war jetzt mehr als neun Monate nicht mehr in unserer Heimat. Wir sind Bauern - als der Regen kam, war dort, woher wir kommen, nichts mehr übrig für uns. Mein Mann und zwei unserer Kinder liefen den ganzen Weg nach Hurufle. Dort leben wir jetzt als Vertriebene. Unser Sohn wurde nach unserer Ankunft krank: Es gab dort keine Behandlung, keine Unterkunft und keine Nahrung. Mir wurde geraten, ihn in das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Marere zu bringen. Deshalb bin ich hier."

"Vertreibung ist für die Somalier nichts neues", sagt der Programmleiter von Ärzte ohne Grenzen, Joe Belliveau. "In den vergangenen Jahren sind Hunderttausende vor der Gewalt in Mogadischu und anderswo geflohen. Neu ist, dass die Menschen nun aus ländlichen Gebieten fliehen, einfach weil sie nichts mehr zu essen haben."

Täglich Tausende medizinische Konsultationen

In Somalia entstehen plötzlich überall Vertriebenenlager - an Orten, an denen die Menschen vermuten, eine bessere Chance auf Hilfe zu haben. Im Dorf Jilib, im Lower Juba Valley, haben zum Beispiel etwa 5.000 Menschen spontan ein Lager aufgeschlagen. Sie haben die Hoffnung, von der Gemeinde, den Behörden oder von Ärzte ohne Grenzen Unterstützung zu bekommen.

Ärzte ohne Grenzen betreibt im Moment neun medizinische Ernährungsprogramme im Zentrum und im Süden Somalias, von denen die meisten in den von Al-Shabaab kontrollierten Gebieten liegen. Dort und in den drei großen Programmen der Organisation in den Flüchtlingslagern in Kenia und Äthiopien werden zurzeit täglich tausende medizinische Konsultationen durchgeführt und mehr als 10.000 schwer mangelernährte Kinder behandelt.

Die schlimmste Situation der vergangenen zehn Jahre

"In vielen Teilen Somalias erleben wir die schlimmste Situation der vergangenen zehn Jahre", erklärt Joe Belliveau. "Die gängigen Bewältigungsstrategien der Menschen sind erschöpft, viele sind an ihre Grenzen gekommen. Wir sind darauf vorbereitet, unsere Hilfe auszuweiten, aber dafür müssen gewisse Einschränkungen aufgehoben werden. Sobald Ärzte ohne Grenzen die Genehmigung erhält, internationale Experten zu entsenden, die gemeinsam mit unseren mehr als 1.000 somalischen Angestellten arbeiten können, und wir die Erlaubnis bekommen, Hilfsgüter, Zusatznahrung und Medikamente in das Land einzufliegen, können wir die Hilfe aufstocken."

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1991 in Somalia und bietet zurzeit in acht Regionen im Süden Somalias kostenlose medizinische Versorgung an. Mehr als 1.400 somalische Mitarbeiter, unterstützt von etwa 100 Mitarbeitern in Nairobi, leisten medizinische Basisversorgung, behandeln Mangelernährung, führen Operationen durch und verteilen Hilfsgüter und Trinkwasser. Ärzte ohne Grenzen akzeptiert für die Hilfsprojekte in Somalia keinerlei Regierungsgelder. Sämtliche Mittel stammen von privaten Spendern.