Afghanistan

“Niemand darf mehr mit Waffen das Krankenhaus betreten” – wie Ärzte ohne Grenzen Patienten in dem vom Krieg erschütterten Land hilft

Das Gesundheitssystem ist weitgehend zusammengebrochen. Im Provinz-Krankenhaus von Laschkar Gar bietet Ärzte ohne Grenzen medizinische Versorgung an - unabhängig und kostenlos.

Im vergangenen Jahr berichteten die Vereinten Nationen, dass 2009 das tödlichste Jahr für die afghanische Bevölkerung seit Beginn des gegenwärtigen Krieges war. Afghanistan hat erschreckend hohe Kinder- und Müttersterblichkeitsraten. Um medizinische Einrichtungen überhaupt zu erreichen, müssen die Menschen bei Fahrten durch Konfliktgebiete hohe Risiken eingehen. Diese Gründe trugen zu der Entscheidung bei, dass Ärzte ohne Grenzen vor einiger Zeit wieder begonnen hat, in dem Land zu arbeiten, nachdem die Organisation es nach der Ermordung von fünf Mitarbeitern 2004 verlassen hatte. Volker Lankow arbeitet als Projektkoordinator in der Provinz Helmand und vermittelt uns einen Eindruck von der Situation vor Ort.

Volker, was hat es bislang bedeutet, in einer afghanischen Provinz wie Helmand krank zu werden?

Die Bevölkerung ist seit Jahren in dem Konflikt gefangen. Sie leidet an Armut und daran, dass ihr der Zugang zu medizinischer Hilfe fehlt, insbesondere zu Krankenhäusern. Das Gesundheitssystem ist zerstört und absolut unterentwickelt. Patienten, die in das Provinz-Krankenhaus kamen, wurden Arzneimittel verschrieben, die sie sehr teuer auf dem Markt kaufen mussten. Deswegen kamen die Menschen erst gar nicht mehr in dieses Krankenhaus. Sie haben kein Geld, um Medikamente auf dem Markt zu kaufen, und private Kliniken sind unerschwinglich für sie. Weil die Qualität der Behandlung nicht gut war, haben sie in ihren Gemeinden Angst gehabt, erkrankte Familienmitglieder ins Krankenhaus zu bringen, und die 150 Betten blieben großteils leer. Die Chance für Afghanen, eine angemessene kostenlose Behandlung zu erhalten, ist sehr gering. Daher hat Ärzte ohne Grenzen sich entschieden, diese zerstörte und vom Krieg erschütterte Region zu unterstützen, indem wir im Provinz-Krankenhaus von Laschkar Gah eine gute kostenlose medizinische Versorgung anbieten.

Was hat sich verändert, seit Ärzte ohne Grenzen in dem Provinz-Krankenhaus arbeitet?

Seit Ärzte ohne Grenzen zusammen mit dem Personal des Gesundheitsministeriums in diesem Krankenhaus arbeitet, kommen sehr viele Patienten – mehr als Hundert wurden bereits aufgenommen. Die Qualität der Behandlung hat sich verbessert und heute erhalten die Menschen im Provinz-Krankenhaus gute professionelle medizinische Hilfe, die völlig kostenlos ist. Auch die Situation auf dem Krankenhausgelände hat sich verändert, weil Ärzte ohne Grenzen seit Beginn der Arbeit dort geschafft hat, es frei von Waffen zu halten. Das drückt die Neutralität dieses Ortes aus. Niemand darf mehr mit Waffen das Krankenhaus betreten, weder Polizei, noch Armee oder Internationale Streitkräfte. Dadurch können sich die Patienten sicher fühlen, und sie werden nicht belästigt, so lange sie sich in Behandlung befinden.

Eine der großen Herausforderungen besteht darin, den Menschen, mit denen wir arbeiten, unsere Prinzipien zu vermitteln. Ärzte ohne Grenzen ist vollkommen unabhängig, auch wenn wir in einem afghanischen Regierungskrankenhaus arbeiten. Unser einziges Ziel ist, gute kostenlose medizinische Hilfe für alle zu leisten, die in die Klinik kommen – zusammen mit dem Krankenhauspersonal.

Wir konnten gute Beziehungen zu den Gemeinden und ihren Repräsentanten wie Lehrern, Ältesten, religiösen Führern aufbauen. Ärzte ohne Grenzen und das Krankenhausmanagement halten regelmäßig Treffen ab, um sicherzustellen, dass die Beziehung zwischen Gemeinde und Krankenhaus umsichtig und transparent ist. All dies ist sehr wichtig, und Ärzte ohne Grenzen hält das Prinzip der Unparteilichkeit sehr hoch.

Welche Hilfe bietet ihr an, und welche Probleme gibt es?

Es gibt ein Krankenhaus in Laschkar Gah, das auf die Behandlung von Kriegsverletzten spezialisiert ist. Daher liegt unser Schwerpunkt im Provinz-Krankenhaus nicht bei diesen Patienten. Trotzdem herrscht in unserem OP jeden Tag große Geschäftigkeit.

Patienten kommen mit sehr verschiedenen Krankheiten zu uns, darunter sind Malaria, Atemwegserkrankungen und Durchfälle. Zurzeit ist unsere Tätigkeit in Helmand auf das Provinz-Krankenhaus beschränkt. Momentan können wir leider keine Arbeit außerhalb machen, das liegt vor allem an der unsicheren Lage. Es besorgt mich, dass es immer noch viele Patienten gibt, die akut Hilfe bräuchten, aber keine Gesundheitsseinrichtungen erreichen, weil sie entweder zu weit weg sind oder sie diese wegen der Unsicherheit nicht erreichen können.

Warum wird in Kabul die Hilfe von Ärzte ohne Grenzen gebraucht – von außerhalb des Landes hat man den Eindruck, die Hauptstadt sei das infrastrukturelle Zentrum?

Man muss sich klarmachen, dass die Bevölkerung in Kabul von zwei Millionen im Jahr 2002 auf zurzeit rund fünf Millionen gestiegen ist. Das liegt vor allem an den vielen Vertriebenen und zurückkehrenden Flüchtlingen. Es gibt nur wenige kostenlose staatliche Basisgesundheitseinrichtungen in Kabul, weil die Hauptstadt nicht im Fokus der Hilfe internationaler Geldgeber ist. Ärzte ohne Grenzen hat am Stadtrand von Kabul ein Projekt in einem Gebiet namens Ahmad Shah Baba eröffnet. Dort haben sich viele Flüchtlinge niedergelassen, die aus Peshawar in Pakistan zurückgekehrt sind. Es gibt da nur eine Gesundheitseinrichtung, der Bedarf an Hilfe ist unter diesen vielen Menschen aber hoch. Deshalb unterstützen wir die Ambulanz dort mit Medikamenten. Zudem haben wir die Räumlichkeiten so verändert, dass jetzt auch stationär behandelt und operiert werden kann. Uns geht es vor allem darum, dass dort Geburtshilfe geleistet werden kann, denn bei Geburten sterben in Afghanistan immer noch die meisten Menschen.