Demokratische Republik Kongo

Mit Zentrifugen und Mikroskopen gegen einen tückischen Parasiten

Die Ärztin Katharina Totz nimmt eine Lumbalpunktion bei Olivier Adipandi vor, um festzustellen, ob die Parasiten, welche die Schlafkrankheit verursachen, ins zentrale Nervensystem vorgedrungen sind.

Olivier Adipandi sitzt mit nacktem Oberkörper und angespannten Rückenmuskeln auf einer Art Barhocker, die Arme schützend um den Kopf geschlungen. Ein Krankenpfleger stützt ihn von vorne, einer von der Seite, als die Nadel auf Höhe der Taille in seine Haut direkt über der Wirbelsäule eindringt. "Man muss genau zwischen dem dritten und vierten oder dem vierten und fünften Lendenwirbel ansetzen - man kann die Stelle ganz gut ertasten", erklärt Katharina Totz, die die Spezialnadel behutsam einführt, bis ein Tropfen Rückenmarksflüssigkeit sichtbar wird. "Man muss die Haut gründlich desinfizieren und steril arbeiten - abgesehen davon ist eine Lumbalpunktion aber nicht sehr kompliziert."

Die Lumbalpunktion. Dieser Eingriff ist notwendig, um festzustellen, wie weit die Parasiten der Schlafkrankheit im Körper eines Menschen schon vorgedrungen sind. Befinden sie sich nur im Blut, oder haben sie schon das Zentrale Nervensystem erreicht, das sie - wenn keine Behandlung erfolgt - angreifen werden, was beim Patienten zu Verwirrung, Schlafstörungen und schließlich zum Tod führen wird? Je nachdem, in welchem Stadium sich Olivier befindet, wird Katharina Totz, die Ärztin im mobilen Schlafkrankheitsteam von Ärzte ohne Grenzen in der Demokratischen Republik Kongo, ihn anschließend behandeln.

Eine fingernagelgroße Fliege bringt die Krankheit

 

"Als die Nadel eingedrungen ist, hat es schon ein bisschen weh getan, aber ansonsten war es überhaupt nicht schlimm", erzählt Olivier später. Der dreifache Familienvater ist gleich am ersten Tag des Schlafkrankheitsprojekts von Ärzte ohne Grenzen in der Stadt Bili im Norden des Landes ins Krankenhaus gekommen, um sich testen zu lassen. "Ich habe manchmal Kopfweh und fühle mich oft schläfrig. Als das Team neulich auf dem Marktplatz das Projekt vorgestellt hat, habe ich mir gesagt, ich sollte mich gleich testen lassen. Ich bin monatelang als Koch mit einem Team von Naturschützern, die Schimpansen gefilmt haben, durch den Urwald gezogen. Außerdem war ich oft im Wald jagen und fischen. Dabei haben mich mehrmals Tsetse-Fliegen gestochen." Die fingernagelgroßen Fliegen mit ihren charakteristischen Rüsseln sind die Überträger der Parasiten.

 

Eine komplizierte Diagnose

"Leider ist die Diagnose der Schlafkrankheit sehr kompliziert", erklärt Katharina Totz. Zunächst war Olivier aus seiner Fingerkuppe ein Tropfen Blut abgenommen worden. Der hatte, vermischt mit einer ständig zu kühlenden Spezialflüssigkeit nach mehreren Minuten Rotieren deutliche Anzeichen für Antikörper gegen die Schlafkrankheit gezeigt. Danach waren seine Lymphknoten untersucht worden und ihm war Blut für weitere Tests abgenommen worden. "Unter dem Mikroskop konnten wir im Serum seines Blutes die Parasiten nicht finden. Wir haben aber - auch in großer Verdünnung - eine große Zahl von Antikörpern nachgewiesen", sagt die Ärztin. "In einer Region wie in Bili, in der die Schlafkrankheit weit verbreitet ist, behandeln wir auch Patienten wie Olivier, auch wenn wir die Parasiten nicht hundertprozentig nachweisen können."

Falls sich in Oliviers Rückenmarksflüssigkeit keine Anzeichen für ein fortgeschrittenes Stadium der Schlafkrankheit finden, muss er eine Woche lang jeden Tag für eine Spritze ins Krankenhaus kommen. Falls doch, muss er zehn Tage lang stationär mit dem von Ärzte ohne Grenzen mitentwickelten Medikament NECT behandelt werden, einem Kombinationspräparat aus Tabletten und einer Flüssigkeit, die injiziert wird. In beiden Fällen sollte er nach nicht einmal zwei Wochen geheilt sein.

Wir brauchen bessere Medikamente und Tests

Doch auch die neuen Medikamente sind nicht gut genug, um die Krankheit wirklich effizient zu bekämpfen. "Der Fall von Olivier zeigt deutlich, dass wir ein Medikament brauchen, das in beiden Stadien der Schlafkrankheit wirkt und das möglichst einfach verabreicht werden kann. Dann wäre die Lumbalpunktion gar nicht nötig gewesen, und eine stationäre Behandlung womöglich auch nicht. Man hätte ihm einfach Tabletten für die nächsten zwei Wochen mitgeben können", sagt Katharina Totz. "Wenn es darüber hinaus noch einen verlässlichen und einfachen Test gäbe, dann könnten auch Pfleger in Krankenstationen in abgelegenen Gebieten die Schlafkrankheit behandeln - man könnte sie viel effizienter zurückdrängen. Aber leider ist das für Pharmafirmen keine Priorität."

Immerhin: Die Forschungspartnerschaft "Drugs for Neglected Diseases Initiative", an der Ärzte ohne Grenzen beteiligt ist, bereitet derzeit ganz in der Nähe von Bili eine Studie mit einem verbesserten Medikament vor. Für Olivier kommt das allerdings zu spät: Er muss nächste Woche nochmals zu einer Lumbalpunktion kommen, weil diesmal - was sich nicht immer vermeiden lässt - ein wenig Blut in die Nadel gekommen ist und sich deshalb keine eindeutige Diagnose stellen lässt. Aber er ist trotzdem sehr froh, dass Ärzte ohne Grenzen in Bili ist: "Was hätte ich denn machen sollen? Wer könnte mich denn sonst gegen die Schlafkrankheit behandeln? Es ist sehr wichtig für mich, aber auch für die gesamte Region, dass Ärzte ohne Grenzen jetzt hier ist."