Jemen

Menschenhändler foltern und erpressen Migranten

Rund 750 Migranten leben im Auffanglager in Sanaa, Jemen, das nur für 250 Menschen ausgelegt ist.

Viele äthiopische Migranten stranden auf ihrem Weg nach Saudi Arabien im Jemen, werden festgehalten und misshandelt. Ärzte ohne Grenzen hilft psychologisch.

"Gegen Mitternacht sind wir im Jemen angekommen. Wir verließen das Boot und versteckten uns auf einem kleinen Hügel, nachdem wir von den Menschenhändlern gehört hatten. Am nächsten Tag versuchten wir etwas zu Essen aufzutreiben - wir trafen auf einen älteren Mann mit einem Kamel. Er sagte, er würde uns Nahrung bringen, doch er verkaufte uns an Händler."

Jemale ist 20 Jahre alt und stammt aus Äthiopien. Er hat seine Heimat vor vier Monaten verlassen, in der Hoffnung auf bessere Aussichten in Saudi Arabien. "Wir wurden in ein Lager gebracht, wo bereits acht völlig verstörte Menschen waren. Die Menschenhändler drohten uns mit Gewalt, wenn wir niemanden finden, der uns Geld schickt. Ich selbst hatte kein Geld mehr und erzählte ihnen, dass ich keine Mutter hätte, um diese vor Geldforderungen zu schützen. Daraufhin musste ich zusehen wie sie ein Stück Metall über dem Feuer erhitzten und damit meinen Fuß verbrannten."

Tagelang ohne Wasser und Nahrung

Jemale ist derzeit in einem Auffanglager für Migranten in Sana'a, der Hauptstadt des Jemen. Er konnte den Händlern entkommen und versteckte sich tagelang in den Bergen ohne Wasser und Nahrung. Da beschloss er, nach Äthiopien zurück zu kehren. Er brauchte zwölf Tage um Sana'a zu erreichen, wo er einen Monat lang vor dem Haupteingang der Migrationsbehörde lebte, bevor er eingelassen wurde. "In Äthiopien lebte ich mit meinen Eltern und meinen zehn Brüdern und Schwestern. Ich habe die Schule abgeschlossen, konnte aber keine Arbeit finden. Wir beschlossen gemeinsam, dass ich diese Reise antreten sollte."

Geschichten wie diese gibt es viele. Jemen ist ein Durchreiseland für tausende Migranten auf ihrem Weg vom Horn von Afrika zur arabischen Halbinsel - hauptsächlich von Äthiopien nach Saudi Arabien. "Im saudischen Grenzgebiet beispielsweise versuchen geschätzte 30.000 Äthiopier die Grenze zu überqueren, und es gibt noch mehr an anderen Stellen", sagt Abdullah Al Zurgah, der Generaldirektor für Migration im Jemen. "Unser Land braucht umfangreiche Unterstützung in dieser Situation, denn beinahe täglich kommen neue Migranten an Jemens Küste an."

Vergangenen April befreiten die jemenitischen Behörden hunderte Migranten, die von Händlern festgehalten worden waren und versuchen sie nun in ihre Heimatländer zurück zu bringen. Seitdem ist die Anzahl an Migranten, die freiwillig in der Migrationsbehörde um Zurückführung in ihre Heimatländer ansuchen, drastisch angestiegen.

Psychologische Hilfe für hunderte Migranten

Die Lebensbedingungen im Auffanglager in Sana'a sind schwierig. Das Gebäude ist für maximal 250 Menschen geeignet, derzeit leben dort circa 750. Den Großteil der Zeit verbringen die Migranten eingesperrt in großen Zellen. Verschiedene Organisationen, wie die Internationale Migrationsbehörde (IOM) und das jemenitische Rote Kreuz, bieten medizinische Betreuung an und stellen Nahrung zur Verfügung. Ärzte ohne Grenzen betreibt seit Mai ein psychologisches Hilfsprogramm in der Anstalt.

"Die Migranten, die bei uns ankommen, sind schwer traumatisiert, manche von ihnen haben seit Tagen oder sogar Wochen nichts gegessen", so Esperanza Leal, eine Psychologin von Ärzte ohne Grenzen. "Wir versuchen eine Atmosphäre des aktiven Zuhörens zu schaffen. Wir erklären, dass ihr Zustand eine normale Reaktion auf die traumatischen Erfahrungen ist, die sie erlebt haben. Es gibt viele Fälle von post-traumatischem Stresssyndrom und schweren Depressionen. Aber der Kern unserer Arbeit liegt darin, die eigene Menschenwürde wiederherzustellen und die Menschen daran zu erinnern, dass sie Individuen sind mit einem Recht auf soziale Anerkennung."