Irak

Medizinisches Personal flieht scharenweise aus den Konfliktgebieten

Fabio Forgione, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen im Irak.

Seit Ende 2013 hat die Gewalt im Norden und Westen des Irak drastisch zugenommen. Die Folgen für die Zivilbevölkerung, die sich im Kreuzfeuer zwischen der irakischen Armee und oppositionellen bewaffneten Gruppen befindet, sind verheerend. In den vergangenen Wochen sind Schätzungen zufolge gegen 500.000 Menschen aus Mossul, der zweitgrößten Stadt Iraks, geflüchtet, nachdem dort oppositionelle Gruppen die Kontrolle übernommen haben. Fabio Forgione, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen im Irak, schildert die Lage.

Wie sieht die aktuelle Lage im Irak aus?

Die eskalierende Gewalt in Anbar in den vergangenen sechs Monaten und jüngst in der Stadt Mossul hat verheerende Folgen für hunderttausende Iraker. Mehr als 400.000 Menschen, die aus der Provinz Anbar geflohen sind, sind auf Hilfe und medizinische Versorgung angewiesen. Weitere schätzungsweise 500.000 Personen haben die Stadt Mosul verlassen, seit diese am 12. Juni von oppositionellen Gruppen übernommen wurde. Die Menschen sind vom Westen in den Osten der Stadt geflohen, in andere Teile der Provinz Ninive oder in die Region Kurdistan im Irak. Unterdessen gehen die Kämpfe in vielen Teilen des Landes weiter.

Wie sieht die humanitäre Lage der vertriebenen Menschen aus?

Die humanitäre Lage ist äußerst besorgniserregend. Die Vertriebenen leben unter schwierigsten Bedingungen. Sie nächtigen bei Verwandten, in Schulen, Moscheen oder Rohbauten. Sie brauchen Wasser, Unterkünfte, Nahrung und eine medizinische Grundversorgung. Auch das Krankenhauspersonal flieht scharenweise, deshalb fehlt es in Kliniken und Gesundheitseinrichtungen immer mehr an Personal. Es gibt ernste Versorgungslücken bei Medikamenten und medizinischem Material. Es ist eine gewaltige Herausforderung, Nachschub ins Land zu bringen. Die extrem instabile Sicherheitslage macht es humanitären Organisationen sehr schwer, Zugang zu den Konfliktgebieten zu bekommen.

Bei einem Artillerie-Angriff wurde eine Klinik von MSF in Tikrit getroffen. Können Sie den Vorfall beschreiben?

Unsere Klinik in Tikrit wurde am 13. Juni beim willkürlichen Beschuss der Stadt schwer beschädigt. Zum Glück wurde niemand verletzt. Wir hatten die Klinik erst vor Kurzem gemeinsam mit den lokalen Gesundheitsbehörden eingerichtet, um den etwa 40.000 Vertriebenen medizinische Versorgung zu bieten. Wir hatten geplant, am 15. Juni die ersten Patienten zu behandeln.

Wie reagiert Ärzte ohne Grenzen auf die derzeitige Situation?

Obwohl die Situation immer unberechenbarer wird, stockt Ärzte ohne Grenzen die Hilfsaktivitäten auf. Wir haben unsere chirurgischen Teams in Hawijah verstärkt. Andere Teams beginnen damit, mobile Kliniken einzurichten, um den Vertriebenen medizinische Grundversorgung zu bieten, chronische Krankheiten zu behandeln und Mutter-Kind-Behandlungen durchzuführen. Ärzte ohne Grenzen unterstützt auch die Notaufnahme im einzigen funktionierenden Krankenhaus in Tikrit.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 2006 ununterbrochen im Irak tätig. Ist dies die schwerste Krise in dieser Periode?

In der Provinz Anbar nehmen die Kämpfe seit einem Jahr zu, vor allem rund um die Städte Falludscha und Ramadi. Seit 2008 gab es nicht mehr so viel Gewalt. Neben den Menschen, die jetzt vertrieben worden sind, gibt es mehr als 1,1 Millionen Iraker aus Gebieten, in denen es zwischen 2006 und 2008 zu extremer Gewalt gekommen ist und die nicht zurückkehren können.

Was sind die größten Herausforderungen für Ihre Teams?

Wegen der Gewalt und aufgrund der Tatsache, dass die Vertriebenen über ein großes Gebiet verstreut sind, ist es für Hilfsorganisationen extrem schwierig, Hilfe zu leisten und medizinische Versorgung anzubieten. Aus Sicherheitsgründen können in den meisten Gebieten keine internationalen Helfer eingesetzt werden, die in einem zunehmend religiösen Konflikt eine neutrale Position einnehmen. Dadurch wird es immer schwieriger, unparteiisch Hilfe zu leisten.

Die Hilfe, die wir derzeit leisten können, ist angesichts der steigenden Bedürfnisse eindeutig unzureichend. Es müssen deshalb alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, damit mehr Hilfe in die Region gelangt. Auch die fehlenden Mittel hindern humanitäre Organisation daran, auf die Bedürfnisse in vollem Umfang einzugehen. Die Heftigkeit des Konflikts und die große Wahrscheinlichkeit, dass sich der Konflikt auch auf andere Regionen des Landes ausdehnt, verlangen nach dringenden Maßnahmen von internationalen Geldgebern, damit auf die humanitären Bedürfnisse entsprechend reagiert werden kann.