Medizinische Versorgung in der Schusslinie

Von Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und Unni Karunakara, Internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen

Bewaffnete Männer in Krankenhäusern, die Patienten drangsalieren; Gesundheitseinrichtungen, die dazu missbraucht werden, Feinde zu identifizieren und festzunehmen; verlassene Kliniken und zerstörte Krankenhäuser. Überforderte Notfalldienste, in denen das medizinische Personal nach der Behandlung eines Patienten in großer Angst vor Repressalien arbeitet; Ambulanzen, die daran gehindert werden, zu den Verletzten vorzustoßen oder stundenlang an Kontrollstellen aufgehalten werden; tief sitzende Feindseeligkeiten und Gruppierungen, die gewissen Bevölkerungsgruppen die notwendige medizinische Betreuung verweigern.

Das Internationale Rote Kreuz (ICRC) und Ärzte ohne Grenzen (MSF) verurteilen jeglichen Akt scharf, der vorsätzlich darauf abzielt, die medizinische Hilfe zu beeinträchtigen und Verwundeten und Kranken die medizinische Versorgung zu verweigern. Ein Patient kann kein Feind sein, Kranke und Verwundete sind keine Kämpfer. Die medizinische Ethik verpflichtet jegliches medizinische Personal, alle Patienten zu behandeln und Einmischung bei der medizinischen Betreuung fernzuhalten. Medizinisches Personal muss unparteilich handeln und darf Hilfe einzig aufgrund medizinischer Fakten priorisieren. Damit es das tun kann, müssen die Orte, an denen es arbeitet - Ambulanzen, mobile Kliniken, Gesundheitsposten und Krankenhäuser - sichere und neutrale Zonen sein.

Unparteilichkeit wird nicht respektiert

Doch von Syrien bis zur Demokratischen Republik Kongo, von Bahrain über Mali bis zum Sudan zeigt sich, dass diese Unparteilichkeit nicht respektiert wird. Die Zivilbevölkerung zahlt dafür einen hohen Preis, und vielen Tausenden wird medizinische Unterstützung vorenthalten.

Seit vergangenem Dezember wurden 29 Menschen getötet, während sie Impfkampagnen gegen Polio in Nigeria und in Pakistan durchführten - zwei von drei Ländern, in denen die Krankheit endemisch ist. Wie in den vielen anderen Fällen von Gewalt gegenüber medizinischen Einrichtungen und medizinischem Personal ist die Tragödie ihres Sterbens und des großen Leids für ihre Familien nur die unmittelbarste Auswirkung dieser Angriffe. Tausende Kinder, die dank der Impfung vor der Krankheit geschützt worden wären, wurden mit dem Risiko zurückgelassen, an Polio zu erkranken und Lähmungen zu erleiden. Gesundheitsorganisationen sahen sich gezwungen, ihre Aktivitäten zu überprüfen und das Sicherheitsrisiko für ihre medizinische Hilfe einzubeziehen.

Ausmaß und Folgen der Bedrohung publik machen

Das gesamte Ausmaß des Problems ist beunruhigend. Die meisten Vorfälle, bei denen in irgendeiner Weise das Recht verwundeter oder kranker Personen auf medizinische Behandlung verweigert wurde, werden nicht gemeldet. Von medizinischen Helfern, Regierungen und internationalen Organisationen unbemerkt, leidet eine zweifellos große, unbekannte Zahl von Menschen weiterhin an Krankheiten oder Verletzungen, ohne medizinische Betreuung in Anspruch nehmen zu können.

Ärzte ohne Grenzen und das Internationale Rote Kreuz wollen Ausmaß und Folgen der Bedrohung für die Gesundheitsversorgung publik machen. Ziel ist es, einen grundlegenden Wandel zu bewirken, so dass Menschen medizinische Betreuung bekommen, ohne Angst haben zu müssen, wer immer und wo immer sie sind.

Die Leistung und das Verhalten des medizinischen Personals selbst - sei es in der Leitung, der Administration, im Transportwesen oder in der Diagnostik, Prävention und Behandlung - sind entscheidend. Es ist eine Grundvoraussetzung für die Arbeit in heiklen und instabilen Kontexten, dass sie von allen Seiten - von politischen und militärischen Gruppen - akzeptiert wird. Sie fordert den uneingeschränkten Beweis für den Respekt vor medizinischer Ethik und Unparteilichkeit.

Symbole verpflichten

Es gibt Orte, z.B. einige in Afghanistan, wo unsere Organisationen arbeiten, an denen die medizinischen Einrichtungen sicher sind, und die Gesundheitsversorgung trotz brutaler Gewalt im Umfeld gewährleistet ist. Wenn wir dafür sorgen können, dass diese Fälle nicht einfach bemerkenswerte Ausnahmen von der Regel bleiben, wenn wir die Verantwortung für den Schutz der Gesundheitsversorgung unter allen Akteuren fördern wollen, bedarf es einer gemeinschaftlichen globalen Anstrengung.

Symbole, die deutlich medizinische Dienste kennzeichnen, wie das Rote Kreuz und der rote Halbmond oder das Logo von Ärzte ohne Grenzen verpflichten zum Respekt vor medizinischer Versorgung und deren Schutz. Wenn sie missbraucht oder ignoriert werden, werden auch Berge von Sandsäcken Patienten und Gesundheitsfachleuten keinen Schutz bieten können.

Kern der Genfer Konventionen

Die große Herausforderung liegt vor allem darin, die hier angesprochenen Gewaltakte zu verhindern. Die Verantwortlichkeit dafür, Angriffe, Beeinträchtigung oder Missbrauch medizinischer Hilfe zu verhindern, liegt hauptsächlich bei den Staaten und bei allen in einen Konflikt involvierten Parteien. Medizinisches Personal muss bei der Ausführung seiner medizinischen Aufgaben unterstützt werden, und die Staaten müssen zusichern, dass sämtliche Mittel ergriffen werden, um medizinische Unterstützung durch staatliches Recht zu legitimieren und zu garantieren und dass diese Maßnahmen auch umgesetzt werden.

Der Schutz der Kranken und Verwundeten bildet den Kern der Genfer Konventionen, doch Gewalt in jeglicher Form gegen Gesundheitseinrichtungen und -personal stellt heute eines der gravierendsten, noch immer vernachlässigten Probleme dar. Medizinische Unterstützung kommt jedem zugute, Kämpfern wie Zivilpersonen, und jeder, der diese benötigt, soll sie bedingungslos in Anspruch nehmen dürfen.