Ukraine

Medizinische Hilfe für Menschen im Konfliktgebiet

Svetlana und ihre Tochter werden von einer Psychologin von Ärzte ohne Grenzen betreut. Svetlanas Mann war getötet worden, sie selbst wurde verwundet.

Der anhaltende Konflikt im Osten der Ukraine hat verheerende Auswirkungen auf die Menschen auf beiden Seiten der Frontlinie. Viele haben Nahestehende verloren und mussten zusehen, wie ihre Häuser und Schulen von Bomben zerstört wurden. Die öffentliche Gesundheitsversorgung im Konfliktgebiet ist kaum mehr funktionsfähig. Ärzte ohne Grenzen unterstützt daher neben Krankenhäusern in Donetsk und Luhansk nun auch lokale Gesundheitseinrichtungen im Konfliktgebiet.

Der Alltag hat sich mit dem Konflikt dramatisch verändert: Die Menschen leben in Angst vor neuerlicher Gewalt und sind akutem Stress ausgesetzt. Die enorme Belastung für das Gesundheitssystem erschwert es Ärzten wie Dr. Juri Orlov, den wachsenden Bedürfnissen gerecht zu werden – vor allem jenen gefährdeter Bevölkerungsgruppen wie älteren, kranken oder behinderten Menschen. Er schüttelt seinen Kopf: „Mein Hauptproblem ist derzeit Bluthochdruck. Seit vergangenem Jahr stelle ich einen 30-prozentigen Zuwachs von Komplikationen fest, die mit Bluthochdruck zu tun haben.“

Banken geschlossen, Pensionszahlungen gestoppt

Viele Menschen schieben einen nötigen Arztbesuch auf, weil sie sich kein Transportmittel oder Medikamente leisten können – Banken sind geschlossen und Pensionsauszahlungen wurden in vielen Gebieten eingestellt. Selbst die grundlegendste Medizin wie Schmerzmittel oder Hustensaft sind für Menschen ohne Bargeld unerreichbar. Speziellere Mittel wie Insulin sind kaum vorrätig.

Nothilfe weltweit unterstützen Unterstützen Sie unsere medizinische Nothilfe weltweit

Seit Mai unterstützt Ärzte ohne Grenzen Krankenhäuser in der Region Donezk mit medizinischem Material, mit dem tausende Kriegsverletzte versorgt werden können. Das Team erweitert nun seine medizinische Hilfe für lokale Gesundheitseinrichtungen in den durch den Konflikt betroffenen ländlichen Gebieten. So soll Menschen geholfen werden, die keinen Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung mehr haben.

Kein Medikamentennachschub

Das erste dieser ländlichen öffentlichen Gesundheitszentren ist die „Ambulanz Nr. 6“ in Novostroika. Das kleine Bergbaudorf befindet sich in den Randbezirken von Schachtjarsk, einem von Rebellen kontrollierten Teil des Gebiets Donezk. Es bietet grundlegende Gesundheitsversorgung für rund 7.000 Menschen an, die in fünf benachbarten Dörfern leben – von primärer Versorgung bis zu einer Überweisung ins Krankenhaus. Dieses kleine Zentrum hat seit August von öffentlicher Seite keine Medikamentenlieferungen mehr erhalten, und die Gehälter des medizinischen Personals wurden seit Sommer nicht mehr ausbezahlt.

Der Medikamentennachschub in den Osten des Landes ist entweder unterbrochen oder völlig eingestellt und die Budgets für 2014 wurden von den Einrichtungen schon vor Monaten aufgebraucht. Daher sind viele öffentliche Institutionen wie die „Ambulanz Nr. 6“ von der freiwilligen Hilfe lokaler Organisationen abhängig, die Essen zur Verfügung stellen, und von den Teams von Ärzte ohne Grenzen, die medizinisches Material bereitstellen und das Gesundheitspersonal unterstützen.

Medikamenten-Kits für chronisch Kranke

Chronisch Kranke sind besonders betroffen – daher stellt das Team von Ärzte ohne Grenzen den ländlichen Gesundheitszentren eigene Kits zur Verfügung, die neben wichtigem Material auch Medikamente beinhalten zur Behandlung von Herzkrankheiten, Bluthochdruck, Diabetes und Asthma. Mit diesen Kits kann Dr. Orlov seine Sprechstunden weiterhin regulär durchführen.

Im Juli wurde das Gebiet rund um Novostroika von schweren Kämpfen getroffen und viele Häuser zerstört – die Folgen sind immer noch sichtbar. Viele der Menschen, die in den Dörfern geblieben sind oder nach den Gefechten zurückkehrten, sind nun isoliert und gefährdet. Der Konflikt hat auch desaströse Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft – viele Unternehmen und Minen sind geschlossen und die Menschen damit arbeitslos. Nach dem Entschluss der ukrainischen Regierung, sämtliche staatliche Unterstützung in den von Rebellen kontrollierten Gebieten einzustellen, erhalten ältere Menschen keine Pensionen und Versorgungsleistungen mehr. Bankdienstleistungen wie Bankomaten und Kreditkartenzahlungen sind blockiert.

Unterstützung der medizinischen Einrichtungen

Im Gesundheitszentrum bereitet Dr. Orlov eine Liste der Patienten und Patientinnen vor, die bettlägerig sind und einen Hausbesuch benötigen. Er fährt mit seinem Privatauto, da das Dienstfahrzeug der „Ambulanz Nr. 6“ während eines Gefechts durch Granatsplitter beschädigt wurde. Er bezahlt das Benzin aus seiner eigenen Tasche.

„Ärzte und andere medizinische Fachkräfte zeigen ein außerordentliches Engagement – sie führen ihre Arbeit fort, obwohl sie seit Monaten keine Gehälter mehr erhalten haben”, so Dr. Wael Abdurahman Ahmed Ali, Koordinator des medizinischen Hilfsprogramms von Ärzte ohne Grenzen. „Es ist für sie eine enorme Herausforderung. Wir unterstützen daher die medizinischen Teams vor Ort dabei, grundlegende Gesundheitsleistungen für die Menschen in einigen der am schwersten betroffenen Gebiete aufrecht zu erhalten.“

Ärzte ohne Grenzen unterstützt weiterhin Krankenhäuser in Donezk und Luhansk mit medizinischem Material zur Behandlung von Kriegsverletzten. Seit Mai haben unsere Teams 70 Gesundheitseinrichtungen auf beiden Seiten der Frontlinie versorgt – so können 13.150 Verwundete behandelt werden. Die psychologischen Teams von Ärzte ohne Grenzen bieten in Einzel- und Gruppensitzungen psychosoziale Betreuung an. Sie schulen auch lokale Psychologen, Sozialarbeiter und medizinische Fachkräfte in den betroffenen Gebieten. Im staatlichen Gefängnis in Donezk führt Ärzte ohne Grenzen das seit 2011 bestehende Programm zur Behandlung von medikamentenresistenter Tuberkulose fort.