Kolumbien

Leben im Schatten der Gewalt - Interview

Thomas Prochnow ist kürzlich aus dem Einsatz zurückgekehrt.

<p><strong>Hunderttausende Menschen leben in Kolumbien fern ihrer Heimatdörfer, dauerhaft auf der Flucht. Der gewaltsame Konflikt, unter dem die Bevölkerung seit Jahrzehnten leidet, hat tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen und Tausende Familien zerrissen. Viele Faktoren sind für den Konflikt ausschlaggebend - der Kampf um natürliche Ressourcen wie Öl und der Handel mit Drogen gehören dazu. Viele verschiedene Akteure wie Paramilitärs und andere illegale bewaffnete Gruppen sind beteiligt. Der Krankenpfleger Thomas Prochnow ist kürzlich von seinem zweiten Einsatz für Ärzte ohne Grenzen in Kolumbien zurückgekehrt, wo er mobile Kliniken in der Region Norte de Santander geleitet hat.</strong></p>
<h2>Was bedeutet es, in Kolumbien als Vertriebener zu leben?</h2>
<p>Vertriebene in Kolumbien bezeichnen sich oft selbst als &quot;Flüchtling auf Lebenszeit&quot;. Das bedeutet einerseits ein Stigma. Andererseits ist der Konflikt tief in die sozialen Strukturen eingedrungen. Bewohner des gleichen Dorfes werden extrem misstrauisch einander gegenüber, niemand weiß, wem er noch trauen kann, denn oft sind in der Vergangenheit unerwartet Bekannte, Nachbarn plötzlich zu Tätern geworden. So leben viele nur noch in den Tag hinein, ohne Perspektiven. Warum sollte jemand etwas aufbauen, der nie sicher sein kann, ob er im nächsten Moment wieder fliehen muss? Die Menschen kämpfen um das tägliche Überleben und keiner fragt, wie es ihnen geht.</p>
<p>Manchen erscheint das Leben in der Stadt verlockend, doch dort fehlen selbst die Möglichkeiten, wenigstens etwas Reis oder Gemüse anzubauen, so dass die Vertriebenen in noch größere Armut geraten.</p>
<h2>Wovor fliehen die Menschen, was haben sie erlebt?</h2>
<p><img alt="Portrait von Thomas Prochnow. Foto: Barbara Sigge" src="/sites/germany/files/2009-06-01-kolumbien-interview-prochnow.jpg" style="float:right" title="Thomas Prochnow ist kürzlich aus dem Einsatz zurückgekehrt. Foto: Barbara Sigge" />Gefechte zwischen Rebellengruppen, Regierungstruppen und paramilitärischen Verbänden führen zu massiven Fluchtbewegungen, bei denen ganze Regionen verlassen werden. Oft sind es auch direkte Morddrohungen oder Erpressung, die die Menschen zur Flucht treiben. Manche fliehen von einem Ort zum nächsten und übernächsten ... Fast jeder kann eine Geschichte erzählen von Familienangehörigen oder Bekannten, die umgebracht oder entführt wurden, oder hat selbst Gewalttaten erlebt oder beobachtet.</p>
<p>Die Kolumbianer haben lange in einem Klima völliger Unberechenbarkeit gelebt. Viele Kinder wachsen mit unfassbar brutalen Erlebnissen auf, mussten öffentlichen Erschießungen auf dem Dorfplatz beiwohnen oder die Ermordung ihrer Eltern mit eigenen Augen ansehen. Die traumatischen Erfahrungen aus der Vergangenheit wirken weiter. Dazu kommen soziale Probleme, innerfamiliäre Gewalt, Vergewaltigung und Missbrauch. Sexuelle Gewalt&nbsp; ist sehr häufig, und oft spricht der Vergewaltiger zusätzlich Drohungen aus wie: &quot;Wenn du etwas erzählst, bringe ich deinen Bruder um&quot;. Die Liste der Folgen ist lang, darunter psycho-somatische Probleme und schwere Depressionen. Ein zehnjähriger Patient sagte uns: &quot;Wenn ich mal groß bin, erschieße ich die, die meine Eltern erschossen haben&quot;. Seine Großmutter brachte ihn zur Klinik, weil er sich sehr aggressiv verhielt.</p>
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<h2>Wie findet Ärzte ohne Grenzen Zugang zu den Menschen?</h2>
<p>Viele der Betroffenen kommen zunächst mit körperlichen Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Kopf -, Glieder- oder Magenschmerzen in die Klinik. Das medizinische Personal wurde&nbsp; geschult, potentielle psychische Probleme zu erkennen. In vielen Fällen wird dann ein Gespräch mit dem Psychologen vorgeschlagen. Manchmal bleibt es bei einem Gespräch. Manche Patienten kommen über Monate in die Sprechstunden und legen mehrere Wegstunden dorthin zurück. Wegsperren oder Gefechte machen dies manchmal jedoch unmöglich, und auch die Teams von Ärzte ohne Grenzen können die Einsatzorte nicht immer erreichen.</p>
<p>Inzwischen kommen auch einige der Frauen, weil sie von Freundinnen hören, dass es hilft, sich mal bei den Psychologen auszusprechen. Wenn wir die Kliniken in einem Dorf neu eröffnen, stellen wir auch die einzelnen im Team vor und erklären, dass der Psychologe nicht für die &quot;Verrückten&quot; da ist, sondern man sich auch mit Alltagsschwierigkeiten an ihn wenden kann, etwa bei Streit mit den Nachbarn. Darauf basierend versuchen die Psychologen, eine Vertrauensbasis zu erarbeiten, bevor sich jemand öffnet und es möglich wird, auch die traumatischen Erlebnisse zu bearbeiten.</p>
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