Tschad

Krisensituation im Südosten des Landes. 150.000 Vertriebene brauchen dringend Schutz, sauberes Wasser und medizinische Grundversorgung. Ein Interview mit dem Arzt Ingo Hartlapp.

Mit dem Beginn der Regenzeit im Südosten des Tschad verschlechtert sich die ohnehin dramatische Lebenssituation der Vertriebenen. Zehntausende Menschen waren in den vergangenen Monaten nach brutalen Angriffen aus ihren Siedlungen geflohen. Viele Betroffene haben sich in notdürftige Unterkünfte schnell entstandener Camps gerettet. Dort leben sie auf zu engem Raum, es gibt kaum Nahrung, Wasser oder medizinische Versorgung. Der gerade aus dem Tschad zurückgekehrte Arzt Ingo Hartlapp beschreibt die Probleme vor Ort.

Du warst sechs Monate mit Ärzte ohne Grenzen im Südosten des Tschad: Was hast du dort erlebt?

Ich arbeitete als Arzt in den Vertriebenenlagern Gassire, Adé und Kerfi. Tausende Menschen sind aus ihren Dörfern geflohen und suchten hier seit vergangenem Herbst Schutz. In Gassire leben ungefähr 12.000 Menschen in einer kargen, nicht bebaubaren Region mit kaum natürlichen Wasserquellen. Das Lager liegt aber nicht weit entfernt von Goz Beida, der nächstgrößeren Stadt. Die lokale Bevölkerung des Marktortes Kerfi, ohnehin sehr arm, hat durch den massiven Zustrom von 3.500 Vertriebenen ihre letzten knappen Ressourcen verloren. Die Nomadenstadt Adé liegt direkt an der Grenze zur sudanesischen Krisenregion Darfur und ist von drei Flüchtlingslagern mit insgesamt 9.000 Menschen umgeben. Hier macht uns besonders die schwierige Sicherheitslage Sorgen.

2007 gab es einen Übergriff auf eines unserer Teams und einen weiteren auf zwei Wagen des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK), die nach Adé unterwegs waren. Daraufhin mussten wir jeweils vorübergehend unsere Arbeit in den Lagern einstellen. Wenn aber Ärzte ohne Grenzen nicht vor Ort ist, bekommen die Menschen dort überhaupt keine medizinische Versorgung.

In Kerfi gab es im Juni einen akuten Ausbruch von Durchfallerkrankungen, weil nicht genug sauberes Trinkwasser zur Verfügung stand. Wie ist die Situation inzwischen?

In Kerfi ist sauberes Wasser bis heute ein Problem und die Menschen leben immer noch unter schlechten Lebensumständen in selbstgebauten Strohhütten auf engstem Raum. Der akute Ausbruch an Durchfallerkrankungen im Juni hat uns sehr alarmiert. In kürzester Zeit führten wir Wasserbohrungen durch, so dass die Wasserversorgung nun zumindest akzeptabel ist. Da die Menschen jedoch oft stundenlang für Wasser anstehen müssen, benutzen sie häufig doch das dreckige Wasser aus den Wadis (zeitweise wasserführende Flüsse). In Adé und Gassire sieht es besser aus. In beiden Lagern haben wir es geschafft, dass es zumindest bis zum Beginn der Regenzeit sauberes Trinkwasser und ausreichend Latrinen gab.

Aber wir haben ein weiteres Problem in allen drei Lagern: Eine sehr hohe Zahl an unterernährten Kindern - momentan sind 600 Kinder in unserem Ernährungsprogramm. Hinzu kommt eine alarmierend hohe Sterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren. Ein Kind mit einem Gewicht von nur fünf bis sieben Kilo, mit schwachem Immunsystem, kann in Folge von Durchfall innerhalb nur eines Tages an Dehydrierung sterben.

Die Regenzeit hat begonnen: Was bedeutet das für die Vertriebenen?

Die Regenzeit macht uns Sorgen, denn wir müssen damit rechnen, dass wir wegen der überfluteten Wadis die Vertriebenenlager in Adé und Kerfi nicht mehr erreichen können. Wir haben in den vergangenen Wochen alle Vorbereitungen getroffen, auch über mehrere Tage mit Teams direkt vor Ort sein zu können. Es wird in der Regenzeit auch zunehmend schwierig, die Versorgung der Menschen mit sauberem Trinkwasser zu garantieren. Regenwasser kann Exkremente ins Grundwasser leiten, wenn nicht ausreichend Latrinen vorhanden sind oder die Menschen sie nicht benutzen. Um das zu vermeiden, haben wir in den letzten Wochen kommunale Gesundheitskräfte ausgebildet. Sie sollen die Menschen sensibilisieren, sauberes Wasser und Latrinen zu nutzen.

Gibt es noch andere Gefahren durch den Regen?

Durchschnittlich sind zwei Prozent unserer Patienten an Malaria erkrankt. In der Regenzeit rechnen wir mit einem Anstieg auf 20 bis 25 Prozent. Die Hütten der Vertriebenen bieten praktisch keinen Schutz gegen Moskitos. Darüber hinaus stellt stehendes Regenwasser einen perfekten Brutplatz für diese Mücken dar. Der einzige Schutz wären Netze, die wir an schwangere Frauen und Familien mit unterernährten Kindern verteilt haben. Diese werden aber nicht ausreichen. Hinzu kommt die Gefahr von Hepatitis E. Diese schleichende Krankheit wird ebenfalls über kontaminiertes Wasser übertragen. Sie äußert sich nur bei schwer Erkrankten als Gelbsucht. Daher bleiben die Träger oft unerkannt. Für schwangere Frauen kann Hepatitis E allerdings tödlich sein. Mit einer großen Zahl an Schwangeren in den Camps, ist somit ein Großteil der Vertriebenen in Gefahr.

Lediglich die Übergriffe von Rebellen auf Dörfer werden durch die Regenzeit vermutlich abnehmen. Denn nicht nur wir werden Probleme haben, Lager und Orte wie Kerfi oder Adé zu erreichen, auch die Rebellen können volle Wadis nicht überqueren.