Ernährungskampagne: "Die meisten Nahrungsmittelhilfen sind keine angemessene Behandlung für Mangelernährung" - Interview

Interview Moldenhauer

Oliver Moldenhauer

Ärzte ohne Grenzen fordert mit seiner zum Welternährungstag 2007 gestarteten Ernährungskampagne ein Umdenken bei der Behandlung von Mangelernährung. Ziel ist vor allem, die Zahl der an Mangelernährung sterbenden Kinder zu reduzieren. Weltweit sind dies jährlich fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren. Oliver Moldenhauer, Koordinator der Kampagne von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland, erläutert im Interview, auf welchen Strategiewechsel die Organisation abzielt.

Warum startet Ärzte ohne Grenzen als medizinische Organisation eine Ernährungskampagne?

Schwere Mangelernährung ist ein medizinisches Problem und muss auch so angegangen werden. Weltweit sterben jährlich fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren an den Folgen. Das ist für uns eine medizinische Notlage, in der wir mit Projekten vor Ort intervenieren, beispielsweise in Niger oder Tschad. Gleichzeitig sehen wir, dass die Behandlung von Mangelernährung in vielen Fällen unzureichend ist und wollen mit unserer neuen Kampagne auf die Verbesserung der Behandlung hinwirken. Hierbei sind wir uns mit vielen anderen Organisationen und Experten einig.

Wie viele Kinder erhalten derzeit die von Ihnen angesprochene Spezialnahrung?

Heute bekommen nur drei Prozent der 20 Millionen Kinder mit schwerer akuter Mangelernährung diese Spezialnahrung. Ärzte ohne Grenzen behandelte alleine 2006 über 150.000 mangelernährte Kinder in 99 Projekten. Dabei wurde klar, wie wichtig die gezielte Behandlung der Mangelernährung ist: Der untragbar niedrige Anteil an Kindern, die eine adäquate Behandlung erhalten, muss erhöht werden.

Sie sagen, die aktuellen Strategien der Nahrungsmittelshilfe greifen zu kurz, wenn es um mangelernährte Kinder geht. Was brauchen die Kinder aus Ihrer Sicht?

Es geht nicht nur darum den Hunger zu stillen, und wie viel Essen und wie viele Kalorien ein Kind bekommt. Mangelernährung ist nicht unbedingt eine Folge von zu wenig Nahrung. Es ist eine Krankheit, die hauptsächlich von einem Mangel an Nährstoffen verursacht wird. Die meisten Nahrungsmittelhilfen sind keine angemessene Behandlung für Mangelernährung. Sie enthalten ungenügende Mengen an notwendigen Nährstoffen oder werden in einer Form geliefert, bei der die Nährstoffe beim Kochen zerstört werden oder nach dem Verzehr nicht vollständig in den Körper aufgenommen werden können. Therapeutische Fertignahrung enthält alle notwendigen Nährstoffe, Vitamine und Mineralien, die ein Kind unter fünf Jahren braucht. Sie wird meist auf der Basis von Milchpulver und Erdnüssen hergestellt, die dann mit Vitaminen und Nährstoffen angereichert werden.

Haben Sie konkrete Forderungen und an wen richten sich diese?

Wir fordern ein Umdenken bei der Behandlung von Mangelernährung: Geldgeber und die Vereinten Nationen mit ihren Hilfswerken UNICEF und World Food Programme (WFP) müssen sich für die schnellere Einführung therapeutischer Fertignahrung einsetzen. Es muss klar werden, dass Mangelernährung insbesondere bei Kinder unter fünf Jahren nicht nur ein Mengenproblem ist, sondern eine Krankheit, die spezifischer Behandlung bedarf. Die Gesundheitsministerien betroffener Länder müssen sich dieses Thema auf die Agenda setzen, und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) muss stärker an Empfehlungen arbeiten, um Mangelernährung zu bekämpfen und mehr Forschung zur Nutzung von therapeutischer Fertignahrung voranzutreiben.

Was plant Ärzte ohne Grenzen konkret und wie lange soll die Kampagne dauern?

Am Anfang unserer Kampagne steht die Aufklärungsarbeit, um das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Mangelernährung eine Krankheit ist. Wir werden sowohl mit Medien- und Öffentlichkeitsarbeit als auch mit zahllosen Gesprächen auf Geldgeber und Hilfsorganisationen einwirken, um konkrete Verbesserungen zu erzielen. Wie lange wir brauchen, um Erfolg zu haben, können wir noch nicht wissen. Wir werden die Kampagne aber mindestens bis Ende nächsten Jahres fortführen.

Wie äußert sich Mangelernährung bei Kindern?

Bei anhaltendem Nährstoffdefizit wachsen Kinder nicht mehr altersgerecht. Das wird chronische Mangelernährung genannt. Wenn Kinder stark an Gewicht verlieren oder für ihre Größe zu wenig wiegen, spricht man von akuter Mangelernährung. Leiden Kinder an akuter Mangelernährung, ist ihr Immunsystem derart geschwächt, so dass das Sterberisiko erheblich steigt. Eine Krankheit wie zum Beispiel eine Magen-Darm Grippe oder eine Lungenentzündung kann bei schwer mangelernährten Kindern sehr schnell zu Komplikationen und zum Tode führen. Tragischerweise führen die durch Mangelernährung verursachten Defizite oft sogar zu Verdauungsproblemen und Appetitmangel, was das Problem noch verschärft.