Interview: Dieter Bachmann

Interview Basler Zeitung

Tido von Schoen-Angerer

"Es gibt keine Alternative zu Indien"
Der Kampagnenleiter von "Ärzte ohne Grenzen" zu Generikaversorgung und Novartis-Klage

Tido von Schoen-Angerer von "Médecins Sans Frontières" (MSF) befürchtet einen Mangel an günstigen Medikamenten in Entwicklungsländern, falls ein indisches Gericht Novartis ein Patent auf das Krebsmedikament Glivec zugesteht.

baz: Herr von Schoen-Angerer, MSF ist doch eine Hilfsorganisation, haben Sie nicht Wichtigeres zu tun, als Kampagnen gegen Pharmakonzerne zu führen?

Tido von Schoen-Angerer: Schon lange haben wir Probleme, zu günstigen Medikamenten zu kommen. Es gibt auch zu wenig Forschung für Tropenkrankheiten. Die Kampagne ist direkt mit dem Notstand in unseren Projekten begründet.

Glivec ist ein Krebsmedikament. Ist Krebsbekämpfung wirklich das dringendste Problem bei Ihren Einsätzen?

Wir sind über die Klage von Novartis (siehe Text unten, Red.) deshalb so besorgt, weil ein Sieg - und eine daraus resultierende Verschärfung des Patentgesetzes - verheerende Folgen für die Medikamentenversorgung in Entwicklungsländern hätte.

Weshalb?

Indien ist der wichtigste Versorger von Entwicklungsländern mit günstigen Generika. Heute stammen z.B. 84% der von uns benötigten HIV-Medikamente aus Indien.

Sie haben Novartis einen Brief geschrieben - was hat die Firma geantwortet?

Wir haben noch keine befriedigende Antwort erhalten. Eine solche wäre erst eine Ankündigung, die Klage fallen zu lassen. Novartis ist allerdings eine der wenigen Firmen, die sich bei den vernachlässigten Krankheiten durchaus engagiert. Sie hat in Singapur ein Institut für die Forschung zu Malaria, Tuberkulose oder Denguefieber eingerichtet. Was sie jedoch dort tut, wird wieder zunichte gemacht, wenn sie die Klage gegen das indische Patentgesetz nicht zurückzieht.

"Novartis engagiert sich als eine von wenigen Firmen für vernachlässigte Krankheiten."

Novartis sieht das wohl gerade umgekehrt: Wird die Klage abgelehnt, ist das ein verheerendes Signal für den Schutz von geistigem Eigentum in Indien ...

Wir teilen die Bedenken von Herrn Vasella, dass das herkömmliche Patentsystem nicht in der Lage ist, Menschen in Entwicklungsländern mit Medikamenten zu versorgen. Ein System, das auf Patenten - und dem Profit daraus - beruht, führt nicht zu genügend Forschung für tropische Krankheiten. Wir haben hier ein Systemversagen.

Sie sagen, mit dem Patentsystem gibt es zu wenig Forschung. Gäbe es ohne Patente mehr Forschung?

Ich meine, der Patentschutz reicht alleine nicht aus. Die Verschärfung der Patentgesetze in Entwicklungsländern wurde auf Druck der Pharmafirmen jedoch gerade mit dem Argument vorangetrieben, dass es nur so zu mehr Forschung für vernachlässigte Krankheiten kommt. Das ist nicht der Fall.

Wie bringt man denn die Firmen dazu, sich auf diesem Gebiet zu engagieren?

Diese Aufgabe kann nicht allein von Firmen gelöst werden, die von Profit abhängen. Hier haben die Regierungen eine wichtige Rolle, andere Prioritäten zu setzen, wofür geforscht werden muss.

Dann muss der Staat auch für die Forschung bezahlen?

Der Staat wird wichtige Beiträge leisten müssen. Wir müssen die hohen Kosten für Forschung und Entwicklung von den Arzneimittelpreisen entkoppeln. Diese Woche kommen die Gesundheitsminister aller Länder in Genf in einer WHO-Arbeitsgruppe zusammen, um zu diskutieren, wie man solche Forschung durch ein Rahmenprogramm gewährleisten und finanzieren kann.

Zu den Ländern, die sich in internationalen Gremien für einen ausgedehnten Patentschutz stark machen, gehört auch die Schweiz - macht MSF auch auf politischer Ebene Druck?

Die Schweiz hat dazu beigetragen, dass die WHO-Arbeitsgruppe jetzt stattfindet. Die Frage ist jetzt, ob die Schweiz auch Novartis ermutigen wird, Ihre Klage fallen zu lassen.

Novartis betont immer wieder Glivec in Indien in den meisten Fällen kostenlos abzugeben. Wo liegt denn das Problem?

In der Regel haben wir mit Spendenprogrammen von Firmen schlechte Erfahrungen gemacht, da diese oft mit komplexen Bedingungen verbunden und geografisch eingeschränkt sind. Glivec mag so allenfalls für Indien zur Verfügung stehen, nicht aber für die anderen Entwicklungsländer.

Kann MSF als Hilfsorganisation Glivec kostenlos beziehen?

Wir benutzen das Medikament im Moment noch nicht.

Angenommen, Novartis lässt die Klage fallen: Springt dann nicht einfach der nächste Pharmakonzern in die Lücke?

Möglich, dass es dann andere Firmen versuchen, die mit ihren Patentanträgen auch nicht durchkommen. Der Fall ist im Prinzip eine Parallele dazu, was vor fünf Jahren in Südafrika passiert ist. Diverse Pharmafirmen sind mit einer Patentklage gegen die Regierung von Nelson Mandela kläglich gescheitert, deshalb ist es mir auch unerklärlich, dass Novartis es nun in Indien wieder versucht.

Der lachende Dritte in der ganzen Geschichte ist ja im Moment noch die indische Generikaindustrie. Wie stellt sie sich zu dem Glivec-Prozess?

Unter den indischen Firmen herrscht ein starker Wettbewerb, der dazu führt, dass auch die Generikapreise sinken. Falls künftig mehr Patente gewährt werden, befürchten wir, dass sich die indische Pharmabranche weniger für die Versorgung von Entwicklungsländern interessiert. Sie wird sich stärker auf die westlichen Märkte konzentrieren, auf Medikamente, deren Patente abgelaufen sind. Dafür gibt es bereits Anzeichen.

Früher oder später wird die indische Pharmaindustrie eigene Produkte auf den Markt bringen und an einer strengeren Gesetzgebung interessiert sein ...

Zwar gibt es zunehmend Forschung und Entwicklung auch von indischen Firmen. Schaut man aber die Patentmeldungen in Indien an, machen sie nur einen ganz kleinen Prozentsatz aus. Der allergrösste Teil sind westliche Firmen.

Sie glauben also, dass die indischen Generikahersteller sich wie MSF einen Rückzug der Klage wünschen?

Auf jeden Fall. Wir sehen jedoch, dass bereits die Tatsache, dass eine Patentanmeldung vorliegt, die Hersteller davon abschreckt, überhaupt in ein neues Generikum zu investieren.

Angenommen, Novartis erhält Recht und Ihre Aussagen bewahrheiten sich - wer könnte in die Lücke als Generikaversorger der Entwicklungsländer springen?

Es gibt keine Alternative. China ist zwar ein wichtiger Hersteller. Es stehen dort aber dieselben Patentgesetzanfragen an wie in Indien. Die Hoffung, dass man die Nachfrage mit einer Produktion in Afrika decken kann, weil dort noch ein Aufschub besteht bei den Patentgesetzen bis 2016, ist in keinster Weise realistisch. Was wir allenfalls sehen, ist, dass die Pharmafirmen zunehmend freiwillige Lizenzen vergeben. Oft sind die Preise jener Medikamente nicht wirklich so tief, da die Firmen den Herstellungsprozess stark kontrollieren.

Der Glivec-Fall und Médecins Sans Frontières:

Ablehnung. In Indien ist ein Patentantrag von Novartis auf das Krebsmedikament Glivec nicht gewährt worden. Die Begründung: Es handle sich nicht um eine Neuerfindung, sondern um eine neue Form einer bereits bekannten Substanz. Deshalb hat Novartis die exklusiven Vermarktungsrechte verloren und indische Firmen können günstige Nachahmerprodukte herstellen. Novartis hat gegen diese Ablehnung eine Klage eingereicht. Am 19. Dezember findet im Prozess eine weitere Anhörung statt. Auf die Vorwürfe von Hilfswerken angesprochen, hat Novartis-CEO Daniel Vasella in einem baz-Interview bedauert, dass diese Organisation Pharmakonzerne oft als Feinde sehen und "die Möglichkeit einer konstruktiven Zusammenarbeit verpassen".

Tido von Schoen-Angerer. Der 40-jährige deutsche Arzt - mit einem Namen "nur aus dem Bauernadel" .- ist Leiter der MSF-Kampagne für den Zugang zu günstigen Medikamenten. Die Organisation MSF für humanitäre Hilfe wurde 1971 gegründet. Sie hatte im Jahr 2005 Ausgaben von rund 500 Mio. Euro und ist nach eigenen Angaben zu 86% privat finanziert. dba

Das Interview erschien am 7. Dezember 2006 in der Basler Zeitung.