Kenia

"Ich kann mir nicht vorstellen, in meiner Karriere mehr zu erreichen als das hier" - Brief aus dem Projekt

Dadaab - im größten Flüchtlingslager der Welt

Dr. Gedi Mohamed ist der erste kenianisch-somalische Arzt im Flüchtlingslager Dagahaley nahe der Ortschaft Dadaab seit Ärzte ohne Grenzen die Verantwortung für die Gesundheitsversorgung dort übernommen hat. Der Mediziner findet, dass die sprachlichen und kulturellen Wurzeln, die er mit seinen zum großen Teil somalischen Patienten teilt, den Erfolg seiner Arbeit maßgeblich beeinflussen. In den vergangenen Monaten ist das Krankenhaus, das er leitet, durch die Ankunft Tausender weiterer Flüchtlinge aus Somalia zunehmend unter Druck geraten. Es verzeichnet eine Kapazitätsauslastung von 110 Prozent. Deshalb wurden zusätzlich Zelte zur Unterbringung all der kranken und mangelernährten Kindern errichtet. Dr. Gedi erzählt, was ihn nach Dadaab geführt hat und wie Ärzte ohne Grenzen die gegenwärtige Krise bewältigt.

"Ich bin 130 Kilometer nördlich von Dadaab, in der Ortschaft Wajir, zur Welt gekommen. Wir sind kenianische Somalier. Meine Eltern sind gewöhnliche Leute, aber meine Großmutter kümmerte sich um meine Schulbildung und mein Cousin - selbst ein Apotheker in Nairobi - ermutigte mich, Medizin zu studieren. Mein Bruder übernahm die Studiengebühren. Mit der Unterstützung meiner Familie ging ich nach Uganda an die Makerere-Universität, die älteste Universität Ostafrikas, wo ich ein fünfjähriges Medizinstudium absolvierte. Darauf folgte ein Jahr im Krankenhaus von Embu in Zentralkenia. Ich muss ehrlich sagen, das war das härteste Jahr meines Lebens, aber es hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Es war auch eine gute Vorbereitung für die Arbeit in Dadaab.

Als ich Anfang 2010 begann für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten, war ich der erste somalische Arzt im Krankenhaus. Genau genommen war ich eine Zeit lang der einzige Arzt überhaupt hier - inzwischen sind wir acht. In diesem ersten Jahr war ich überwältigt von der enormen Arbeitsbelastung. Zu dieser Zeit hatte Ärzte ohne Grenzen erst damit angefangen, das chirurgische Programm aufzubauen. Da die Chirurgie mein Spezialgebiet ist, beschloss ich zu bleiben. Seit September 2010 bin ich Leiter des Krankenhauses.

In Dadaab zu arbeiten, ist unglaublich herausfordernd. Es ist ein raues Arbeitsumfeld, und wir arbeiten hart - wir nehmen nur zwei Tage frei pro Monat. Andererseits ist das Resultat unserer Arbeit sichtbar, und jeden Tag kann man jemandem helfen. Wenn ich zum Markt gehe, kommen ständig Leute auf mich zu, um mir zu danken. "Ich war Ihr Patient", sagen sie. Das gibt uns die Motivation weiterzumachen. Ich kann mir nicht vorstellen, in meiner Karriere mehr zu erreichen als das hier: in Bezug auf die Hilfe, die ich Patienten zukommen lassen kann und die spezielle Beziehung, die ich zu ihnen habe.

98 Prozent der Lagerbevölkerung kommt aus Somalia. Da ich die somalische Sprache beherrsche, können die Patienten zu mir kommen und direkt mit mir reden. Über einen Übersetzer geht vieles verloren, was wichtig ist. Es geht jedoch um viel mehr als nur um die gemeinsame Sprache. Ich kenne die Kultur, die Religion, das Lebensumfeld, aus dem die Leute kommen. Ich habe einen unmittelbaren Bezug zu ihnen. Wenn es Probleme gibt - zum Beispiel, wenn ein Patient die Behandlung verweigert -, kann ich das beispielsweise aus einer religiösen Perspektive erklären. Unsere gemeinsame Kultur macht es mir und den Patienten leichter.

Die Herausforderungen, mit denen das Krankenhaus konfrontiert ist, sind unterschiedlich - je nachdem, ob es sich um Langzeit-Flüchtlinge oder um Neuankömmlinge handelt. Sie haben unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen, was von uns unterschiedliche Herangehensweisen erfordert. In Somalia fiel unter anderem auch das Gesundheitswesen dem Bürgerkrieg zum Opfer. Die Neuankömmlinge haben keine Erfahrung mit konventioneller medizinischer Versorgung. Deshalb müssen wir diesen Leuten alles sehr genau erklären. Wir müssen sie davon überzeugen, dass bestimmte kritische Zustände behandelbar sind, und dass die Patienten, wenn sie uns etwas Zeit geben, nicht sterben müssen. Diese Leute haben eine andere Vorstellung von Gesundheit als jemand, der schon seit 20 Jahren im Lager lebt.

Die größte Herausforderung hat gegenwärtig allerdings weniger mit verschiedenen Auffassungen von Gesundheit zu tun, sondern ist rein zahlenmäßiger Natur. Wir versuchen, die Tausenden von neuen Flüchtlingen, die hier jeden Monat ankommen, zu versorgen. Bis vor Kurzem betrug die Belegungsquote ungefähr 80 Prozent, aber nun sind wir schon zu 110 Prozent ausgelastet. Dies wirkt sich massiv auf die Qualität aus, da zum Beispiel Personal, das vorher für eine Station von rund 20 Patienten zuständig war, sich nun um doppelt so viele Kranke kümmern muss.

Letzten Monat hatten wir 361 Neuzugänge auf der Entbindungsstation - zwei Mal so viele wie vor einem Jahr - und die Anzahl kranker und mangelernährter Kinder nimmt weiter stark zu. Wir haben permanent zwischen 40 und 50 stark mangelernährte Kinder mit medizinischen Komplikationen im stationären Ernährungszentrum. Daneben erhalten viele weitere Kinder, die an Mangelernährung leiden, eine ambulante Behandlung. Auf dem Gelände wurden zu diesem Zweck vier zusätzliche Zelte errichtet, da die Stationen komplett überbelegt waren. Falls dieser Trend anhält, planen wir noch weitere Gebäude. Außerhalb des Krankenhauses betrieben wir fünf Gesundheitsposten, in denen laufend neues Personal eingeführt wird. Dazu eine weitere Station, die gerade eröffnet wurde und speziell auf die Bedürfnisse der Neuankömmlinge ausgerichtet ist.

Noch kann Ärzte ohne Grenzen genügend dazu beitragen, dass die Gesundheitsindikatoren eine kritische Grenze nicht überschreiten. Unsere größte Sorge aber ist, dass sich die Lage noch weiter verschärft.