Liberia

"Ich bin jetzt mehr Arzt, als ich es vorher war"

Michael Winter war in Liberia.

Der Hildesheimer Dr. Michael Winter war neun Monate lang im afrikanischen Liberia im Einsatz. Für die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat er nachts im Schein von Taschenlampen operiert und unterernährte Kinder behandelt. Die Arbeit hat ihm einmalige Erfahrungen ermöglicht.

Hildesheim (kas). "Alltägliches gab es kaum, Unvorstellbares war die Regel", so schildert Dr. Michael Winter seinen Alltag in den vergangenen Monaten. Der Hildesheimer Mediziner erzählt von seiner Zeit im afrikanischen Liberia. Und von den vielen Eindrücken, die er während seiner Mission für die Organisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, kurz: MSF) gesammelt hat.

Es sind Erinnerungen an dramatische Notkaiserschnitte und die anschließend vor Freude tanzenden Familien. An völlig unterernährte Kinder, die nach einigen Tagen Spezialkost wieder aufblühen, "wie lange nicht gegossene Blumen", erzählt Winter. Es sind aber auch Erinnerungen an hoffnungslos überfüllte Warte- und Krankenzimmer und an eine medizinische Grundversorgung, die für westliche Verhältnisse kaum vorstellbar ist.

Von August 2006 bis Ende April war der gebürtige Hildesheimer in Sanniquellie, im Landesinnern Liberias, für MSF in einem Regionalkrankenhaus tätig. Für den 34-jährigen Assistenzarzt (Orthopädie und Unfallchirurgie), der seit seinem Studium in Göttingen in einer Klinik bei Berlin arbeitet, war es vor allem eins - eine Herzensangelegenheit.

Schon während seiner Schulzeit an der Albertus-Magnus-Schule hat seine Klasse Patenkinder aus Bolivien gehabt, erinnert er sich. "Für mich war das der erste konkrete Anstoß, mich mit den Problemen der Dritten Welt auseinanderzusetzen." Auch für das Medizinstudium entscheidet sich Winter ganz bewusst, will eines Tages direkt vor Ort helfen. Die Gelegenheit dazu bekommt er, als ihn MSF als Mitarbeiter einstellt, und er im vergangenen Jahr nach Afrika reist.

Das Krankenhaus, unterstützt vom dortigen Gesundheitsministerium, ist das einzige, das in der Region Nimba (400 000 Einwohner) kostenfreie Behandlungen anbietet. "In dem direkten Einzugsgebiet wohnen 100 000 Einwohner", sagt Winter. "Genauso viele wie in Hildesheim." Aber anders als hier, arbeiten dort gerade mal zwei Ärzte. Einer davon ist der Deutsche. Seine weiteren Kollegen: Eine kanadische Krankenschwester, eine amerikanische Hebamme, eine Laborassistentin aus Österreich und eine holländische Logistikerin.

Zusammen arbeiten sie in der medizinischen Einrichtung samt stationärem und ambulanten Bereich. Allein die Ambulanz suchen an manchen Tagen bis zu 300 Menschen auf, stationär stehen 38 Betten zur Verfügung. "Bei einer Zählung hatten wir allerdings auch mal 62 Patienten", berichtet der 34-jährige. Wie auch auf der angeschlossenen Geburtenstation, wo die zwei Gebär-Liegen und die drei Betten nie ausreichen, wird jeder freie Platz auf dem Boden genutzt.

Die Ausstattung in dem kleinen Operationssaal besteht aus einer Liege und einer batteriebetriebenen Lampe. "Ein großer Vorteil, weil es nachts sonst kein Licht im Krankenhaus gibt", sagt Winter. Überhaupt muss sich der junge Mediziner an die katastrophalen Zustände in dem von 14 Jahren Bürgerkrieg gebeutelten Land erst gewöhnen. "Als Arzt ist man dort Spezialist für alles." Kinderarzt, Frauenarzt und Geburtshelfer, Infektologe, Internist, HNO-Arzt und Zahnarzt in einer Person.

Er behandelt Infektionskrankheiten wie Malaria, schwere Lungenentzündungen und chronische Durchfallerkrankungen, Tuberkulosen, ausgeprägte Hautgeschwüre und natürlich Unfallopfer. Viele von den Patienten werden allerdings erst viel zu spät auf Schubkarren oder Tragetüchern in die Klinik gebracht. Der Grund: In dem ländlichen Gebiet herrscht ein ausgeprägter Glaube an Juju, das westafrikanische Voodoo. So genannte Dorfheiler würden die Schwerkranken mit Asche einreiben, ihnen Zeichen in die Haut ritzen oder mitunter gefährliche Kräutersuds verabreichen, erzählt Winter.

Er erinnert sich an einen fünfjährigen Jungen, der im OP verstarb. Seine Eltern hatten ihn trotz einer 40-prozentigen Verbrennung dritten Grades erst nach elf Tagen bewusstlos in die Klinik gebracht. Vorher hatten sie ihn versucht mit Kräutern zu behandeln. Winters Gemütszustand schwankt in solchen Zeiten zwischen Wut und Mitleid. In seiner Freizeit sucht er den Ausgleich, indem er viel liest, sich mit seinen Mitbewohnern austauscht und Kontakt mit der deutschen Heimat via Internet hält. Doch ansonsten heißt es Reserven schonen für die Arbeit, die Winter als sehr befriedigend beschreibt, "weil man einer unglaublich großen Zahl von Patienten täglich mit verhältnismäßig einfachen Mitteln helfen kann."

Seit drei Wochen ist er zurück in Berlin, und will zunächst seine Facharztausbildung beenden. Doch schon hat er das nächste Angebot von MSF auf dem Tisch: "Ein dreimonatiger Einsatz in Nepal reizt mich schon sehr", berichtet er. Aber auch, wenn er sich für das Projekt entscheiden sollte, auf lange Sicht will er in Deutschland bleiben. "Gelegentliche Kurzeinsätze kann ich mir aber gut vorstellen", sagt er. Ausschlaggebend dafür ist, dass er sich nun in seiner Profession angekommen fühlt: "Ich bin jetzt mehr Arzt, als ich es vorher jemals war."

Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 19. Mai 2007