Zentralafrikanische Republik

"Hier sterben so viele Kinder wie in einem Kriegsgebiet"

Margarete Sepùlveda untersucht in einem Dorf einen kleinen Patienten.

In den Wäldern der Zentralafrikanischen Republik sterben so viele Kinder unter fünf Jahren, wie man es sonst nur aus Kriegs- oder Katastrophengebieten kennt. Mangelernährung, fehlender Impfschutz und die kaum vorhandene medizinische Versorgung sind schuld daran. Die Krankenschwester Margarete Sepùlveda hilft dabei, dies zu verändern.

Als ich Margarete das erste Mal treffe, ist sie gerade aus dem Busch zurückgekehrt. Sie erzählt: "Diese Frau lag im Sterben. Ihre Gebärmutter hing heraus, ich habe sie wieder zurückgeschoben. Die Frau muss natürlich ärztlich weiter versorgt werden, aber wir haben heute wenigstens ein Leben retten können." Sie lächelt. Ganz einfach.

Sie, die bereits Einsätze in Kongo, Haiti und Elfenbeinküste hinter sich hat, verkörpert eine Mischung aus pragmatischer afrikanischer Mentalität und deutscher Professionalität. Das verschafft ihr auf ihren "Movements" (Autofahrten) durch den zentralafrikanischen Dschungel einen beachtlichen Einfluss als Leiterin ihrer Equipe Margarete ("Team Margarete").

10 Stunden unterwegs - hundertmal und mehr

Wir passieren vier Männer mit Maschinengewehren und dann einen Lastwagen, der mit Holz für den Tschad mehr als überladen ist, nun aber in einem Graben feststeckt. Wir fahren weiter, über die Marktstraße, vorbei an Lebensmittelständen und einigen aufgeschreckten Hühnern - und schon haben wir die Stadt Bouguila hinter uns gelassen. Die unbefestigte Piste ist holprig: In der Zentralafrikanischen Republik gibt es nur wenige Kilometer asphaltierte Straße. Kaum einer weiß das besser als Margarete.

"Diese Strecke bin ich drei Monate lang viermal in der Woche gefahren", erzählt sie. "Bestimmt schon so an die hundertmal. Nach etwa zehn Stunden auf der Straße bin ich zwar ziemlich erschöpft, aber ich mag es. Ich fahre gerne raus zu den Leuten, die hier leben. Und jeden Tag passiert bei dieser Tätigkeit etwas Neues.

Wir haben soeben das Bouguila-Krankenhaus im Norden der Zentralafrikanischen Republik verlassen und fahren jetzt durch die Dörfer, um Patienten zu untersuchen und Impfungen gegen Polio, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Masern und Gelbfieber durchzuführen.

"Eine gute Nachuntersuchung"

Der Weg durch den Dschungel führt uns in das Dorf Boyanga. Wir halten neben einer Menge von Leuten, die sich hier versammelt haben. Margarete erkennt eine der wartenden Frauen auf Anhieb. "Das sind Gloria und Baby Nina", erzählt sie mir. "Als ich Nina vor einem Monat das erste Mal sah, war sie mangelernährt und litt außerdem an Malaria. Sie war sehr krank." Malaria und Mangelernährung gehen laut Margarete häufig Hand in Hand. "Das erhöht das Sterberisiko. Ein gut genährtes Kind kann mit Malaria einige Tage überleben und wir können es dann immer noch retten. Deshalb habe ich Nina in das Ernährungsprogramm aufgenommen, sodass sie dreimal am Tag Plumpynut erhält." Plumpynut ist eine Erdnussbutterpaste, die mit Vitaminen und Mineralien angereichert wird. Damit kann Ärzte ohne Grenzen weniger akute Fälle von Mangelernährung behandeln, ohne die Kinder in ein Krankenhaus einweisen zu müssen, denn die Verabreichung kann zu Hause erfolgen.

"Jetzt, zwei Wochen später, geht es ihr sehr gut, wie ich hier sehe. Die Kleine ist über den Berg und hat keine Malaria mehr. Ich werde sie noch zwei Wochen in dem Programm behalten, dann ist alles in Ordnung. Eine Nachuntersuchung dieser Art macht Spaß", resümiert Margarete, als wir uns wieder auf den Weg machen.

Eine Katastrophe

Kurze Zeit später machen wir in Boaya Halt. Das Team bereitet alles fürs Impfen vor. Innerhalb von 15 Minuten hat sich das Dorfzentrum in einen Untersuchungsplatz mit drei Impfstationen verwandelt. Als es losgeht, fühlt man sich ein wenig wie im Kino - laut, überfüllt und irgendwie sogar amüsant.

Etwas später erhält Margarete einen Funkspruch über das Walkie-Talkie. Die Nachricht ist in dem anwachsenden Lärm kaum zu verstehen - die kleinen Kinder protestieren lautstark gegen die Spritzen. "Man hat ein kleines Mädchen zur Krankenstation gebracht, sie ist bereits bewusstlos. Wahrscheinlich zerebrale Malaria." Margarete rennt los, ich hinterher.

Das Mädchen wurde von dem Vater auf dem Rücksitz eines Mopeds hierher gebracht. Für den Weg haben sie fast drei Stunden gebraucht. Unterwegs hat die Kleine das Bewusstsein verloren. Sie hat Krämpfe. Ihr Name ist Gisela Youxienne. Sie ist drei Jahre alt. "Es sieht aus wie Malaria in Kombination mit Mangelernährung. Krämpfe … es könnte auch Tetanus sein." Margarete spricht, während sie das Mädchen untersucht. Dann stellt sie das Reden ein, um sich besser konzentrieren zu können. Ich lasse sie in Ruhe.

Das vergessene Herz

"Sie ist stabil, aber wir müssen sie ins Krankenhaus bringen", sagt Margarete, als sie kurze Zeit später aus der Krankenstation kommt. "Ich weiß nicht, ob sie es schafft. Vielleicht, wenn sie nur zwei Tage früher gekommen wäre …" Margarete ist aufgewühlt. "Ständig sterben Kinder. Hier sterben ebenso viele Kinder wie im Krieg oder in einer Krisensituation. Aber niemand scheint sich dafür zu interessieren. Ich verstehe das nicht, absolut nicht. Wir sind hier mitten im Herzen Afrikas. Aber es ist ein vergessenes Herz."

Wir fahren weiter. Die Impfungen sind gut verlaufen. Über 100 Kinder haben eine größere Chance erhalten, älter als fünf Jahre alt zu werden. Und wir haben Gisela mit uns genommen, um sie in die Notaufnahme zu bringen. Dort hat sie eine größere Überlebenschance, auch wenn es immer noch ein Glücksspiel ist.

Wir sitzen schweigend im Auto. Ich frage mich, wie es Margarete gelingt, den Mut zu behalten, obwohl sie das jeden Tag erlebt. Als wir vor dem Krankenhaus in Boguila halten, beantwortet sie meine Frage, ohne dass ich sie ihr gestellt habe: "Das Beste an meiner Arbeit ist, dass ich so nah bei den Menschen bin - dass ich hier richtig Krankenschwester bin." Ganz einfach.