Äthiopien

Helfen bis zur Schmerzgrenze

Isabel Weese engagiert sich als Krankenschwester und Projektkoordinatorin für "Ärzte ohne Grenzen" / Einsätze vom Sudan bis NigeriaGörau: Begeistert umringt eine Gruppe schwarzer Kinder in einem Dorf im Sudan die Krankenschwester Isabel Weese bei ihrer Ankunft. Ihre Augen strahlen. Diese Freude in den Augen der Kinder ist einer der Gründe, die die Krankenschwester aus Görau seit fünf Jahren immer wieder dazu anspornt, sich für einen Einsatz der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in Ländern der Dritten Welt zu melden.

Die Behandlung von Schussverletzungen gehört dabei ebenso zu ihrem Einsatzalltag wie Geburtshilfe unter primitivsten Bedingungen und der Aufbau einer Gesundheitsversorgung. Da die Patienten sich nicht nach Sprechstunden richten, ist sie oft rund um die Uhr gefordert und auch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gelangt. Dennoch hat sie sich bereits für den nächsten Einsatz in Nigeria, der im Oktober beginnen wird, gemeldet.

Was bewegt eine 34 Jahre alte Frau, einen sicheren Job in Deutschland aufzugeben und sich in Gefahr zu begeben, um Menschen in Not zu helfen? "Man braucht ein großes Herz, viel Geduld und etwas Abenteuerlust gehört natürlich auch dazu", sagt Isabel Weese. "Man muss furchtbar viel geben, aber man wird auch reich beschenkt und sieht vieles, was ein Tourist nie zu Gesicht bekommt." Vor allem die Dankbarkeit der Patienten, wenn sie entlassen werden, und das Gefühl einen kleinen Beitrag zu mehr Menschlichkeit in der Welt geleistet zu haben, geben ihr die Kraft, sich für weitere Einsätze zu melden.

Schon früh steht für die junge Frau aus Görau fest, dass sie sich in der Entwicklungshilfe engagieren will: "Das wollte ich schon immer machen." Daher absolviert sie nach dem Abitur eine Ausbildung zur Krankenschwester in Erlangen und sammelt fünf Jahre lang praktische Erfahrung im Klinikum Großhadern in München. Bald langweilt die Krankenhausroutine sie jedoch und sie bewirbt sich bei mehreren Hilfsorganisationen.

"Ärzte ohne Grenzen" schickt die junge Krankenschwester nach einer Grundausbildung zusammen mit einem Arzt, einer Hebamme, einem Projektkoordinator und einem Logistiker in den Sudan. Neben einem kleinen Krankenhaus betreuen die Helfer auch eine Outreach-Klinik, eine Krankenstation in einem entlegenen Dorf, das nur durch eine sechsstündige Bootsfahrt zu erreichen ist.

Unter einfachsten Bedingungen werden die Patienten in Lehmhütten mit Strohdächern behandelt. Oft fällt der Stromgenerator aus, so dass die Kühlung der Impfstoffe nicht mehr gewährleistet ist. Operiert wird auf Holztischen, oft nur mit einem Mundschutz und einer Schürze über der Alltagskleidung. Noch primitiver ist die Unterbringung der Helfer: Strohhütten ohne Strom und Wasser und eine Gemeinschaftstoilette.

Operation in Strohhütten

Bei einem zweiten Hilfseinsatz im Sudan betreut Isabel Weese zusammen mit zwei Medizinern und zwei Organisatoren eine Klinik in einem kleinen Dorf, das nur per Flugzeug zu erreichen ist. Der Flieger, der alle zehn Tage Nachschub bringt, ist die einzige Verbindung zur Außenwelt. 150 nationale Mitarbeiter stehen den drei Medizinern zur Seite. "Wir haben fast jeden eingestellt, der Englisch sprach und ihm gezeigt, wie man Spritzen gibt", berichtet Isabel Weese. Das Impfen beherrschen die Helfer bald auch sehr gut, aber bei Feinheiten, wie etwa dem Blutdruckmessen wird es schwieriger. Doch angesichts der Patientenzahl wäre die Arbeit ohne die nationalen Helfer nicht zu bewältigen. So besuchen täglich 150 bis 200 Patienten die Ambulanz, stationär sind 60 zu versorgen, 20 weitere werden in einem Ernährungszentrum wieder aufgepäppelt und in einem Tuberkulose-Dorf werden noch einmal 100 Kranke betreut.

Besonders bewegt Isabel Weese das Schicksal der schwerkranken Kinder. So kämpft sie tagelang um einen zwölfjährigen Jungen, der an Tetanus erkrankt und von den schmerzhaften Krämpfen regelrecht gelähmt ist. Wie eine Erlösung erscheint es ihr, als sich die Krämpfe lösen und das Kind sich wieder bewegen kann.

Wenn der Arzt oder die Hebamme in Urlaub sind, muss Isabel Weese sie vertreten. So versorgt sie nicht nur die zahlreichen Schussverletzungen, die wegen Streitigkeiten um Vieh an der Tagesordnung sind. Vor allem bei der Geburtshilfe stößt sie an ihre Grenzen, gilt es doch auch bei Komplikationen ohne Hilfsmittel wie Ultraschall-Geräte die richtige Entscheidung zu treffen. Wieder zurück in Deutschland besucht sie denn auch umgehend einen Hebammen-Kurs.

Eine große Belastung für die Helfer sind nicht nur die primitiven Behandlungsbedingungen, sondern auch die hohe Zahl der Patienten und das oft schon weit fortgeschrittene Stadium der Erkrankung. So lassen sich die Opfer von Verletzungen häufig erst behandeln, wenn die Wunden sich entzündet haben und die Schmerzen nicht mehr auszuhalten sind. Und regelrechte "Fließbandarbeit" droht den Helfern bei Cholera-Epidemien, bei denen schnelles Handeln gefragt ist, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Hinzu kommt die Bedrohung in den Krisengebieten. So geraten die Helfer im Sudan ins Kreuzfeuer von Viehdieben und ihren Verfolgern. Auch von Krankheiten bleibt Isabel Weese nicht verschont. Mehrere Monate lang leidet sie unter Bilharziose (Würmer in der Blase), die sie sich beim Baden im Nil zugezogen hat, und beim zweiten Einsatz im Sudan muss sie wegen einer lebensgefährlichen Lungeninfektion ausgeflogen werden.

Kampf gegen die Cholera

Nach weiteren Stationen als Krankenschwester in Äthiopien, wo sie beim Aufbau eines Krankenhauses hilft, und in Simbabwe beim Einsatz gegen die Cholera, wird Isabel Weese von "Ärzte ohne Grenzen" bei ihrem jüngsten Auftrag in Papua-Neuginea als Projektkoordinatorin eingesetzt. In Lae, der zweitgrößten Stadt des Landes, organisiert sie ein Projekt gegen sexuelle und körperliche Gewalt, das an ein Krankenhaus angegliedert ist. Neben der Koordination zwischen dem Krankenhaus, den staatlichen Einrichtungen und der Polizei ist ihr Einsatz auch bei Notfällen, wie dem Ausbruch der Cholera ("Die Krankheit verfolgt mich offenbar überall") gefragt.

Wie mühsam eine Veränderung der gesellschaftlichen Missstände in einem Land wie Papua-Neuginea ist, erfährt Isabel Weese am Beispiel einer Patientin, die zehn Mal wegen Vergewaltigung und Misshandlungen durch ihren Ehemann zu den Helfern kam. "Wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben, da sagte sie beim elften Mal, sie wolle ihren Mann verlassen und in ein Frauenhaus ziehen", so Weese. Es sei bewegend gewesen, in ihrem Gesicht die Veränderung wahrzunehmen, statt der Gedemütigten eine Frau zu sehen, die beschlossen hat, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Bevor Isabel Weese im Oktober als Koordinatorin für ein Projekt zur Unterstützung eines Krankenhauses, der Mutter-und-Kind-Versorgung und ein Aids-Programm nach Nigeria gehen wird, sammelt sie in ihrem Elternhaus in Görau wieder Kraft. Da ihre Arbeit die Helfer bis zur Grenze der Erschöpfung fordert, legt die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" Wert darauf, dass sie alle drei Monate Urlaub machen und zwischen den Hilfseinsätzen eine Pause von mehreren Monaten einlegen.

Während solcher Erholungsphasen denkt Isabel Weese auch mal darüber nach, ob sie wieder in einem deutschen Krankenhaus arbeiten sollte. Doch die Gewissheit, etwas Sinnvolles für Menschen in Not zu leisten, ist ihr wichtiger als ein gutes Einkommen. Und zumindest solange sie familiär nicht gebunden ist, will sich die 34-Jährige weiterhin für "Ärzte ohne Grenzen" engagieren.