Tschad

Gefangen zwischen Bomben und Hunger

Sie flohen vor den Bombardierungen in Darfur. Doch nun ihre Not ist so groß, dass ihnen keine andere Wahl bleibt, als dorthin zurückzukehren. Die sudanesischen Flüchtlinge, die vor kurzem in der tschadischen Region Birak eingetroffen sind, befinden sich in einer kritischen Lage. Man hat ihre Dörfer geplündert oder niedergebrannt, ihre Verwandten verwundet oder getötet. Jenseits der Grenze suchten sie Zuflucht, in der Hoffnung, dort in Sicherheit zu sein. Aber in dieser sehr unsicheren Region des Tschad kann ihnen kaum geholfen werden. Die Flüchtlinge haben praktisch nichts mehr. Deshalb setzen sie ihr Leben aufs Spiel, auf der Suche nach Essbarem in den Trümmern ihrer Dörfer in Darfur.

Die Flüchtlinge in Birak erzählen von äußerst brutalen Angriffen. Zuerst bombardierte man sie aus der Luft, dann kamen Fahrzeuge der sudanesischen Armee und berittene Milizionäre. "Es war Freitag, wir waren beim Gebet", erzählt ein ehemaliger Bewohner des Ortes Seleah. "Da begannen die Bombardierungen. Es waren Antonows. Unmittelbar danach drangen Wagen der Armee und berittene Männer ins Dorf ein. Sie begannen, auf die Menschen zu schießen und zu plündern. Wir flohen in das Schlafzimmer, doch die Milizionäre verfolgten uns und nahmen alles an sich. Als sie die Decke meiner Frau nehmen wollten, sagte diese, nein, die ist für die Kinder. Da haben sie sie erschossen. Dann gingen sie wieder."

Keine Lösung in Sicht

Für die Flüchtlinge in dieser Pufferzone scheint es keine Lösung zu geben. Viele hoffen auf den Transport in ein Flüchtlingslager an einem sichereren Ort. "Wegen der Unsicherheit können wir nicht nach Sudan zurückkehren. Hier können wir nicht bleiben, denn wir haben nichts zu essen und kein Wasser. Wenn eine Organisation uns in ein Lager mitnehmen will, dann gehen wir", sagt eine Flüchtlingsfrau nahe dem Dorf Figuera.

Viele haben genug von einem Krieg, der nicht enden will. Für die meisten ist es nicht die erste Flucht. Fast alle berichten, dass sie schon 2003 oder 2004 nach Angriffen der Milizionäre vertrieben wurden. "Das Leben in Darfur ist zu bitter, ich will nicht dorthin zurück. Früher ging es mir in meinem Dorf gut, aber im Jahr 2004 zwangen uns die Milizionäre in ein Lager. Und jetzt haben sie uns hierher getrieben. Ich will nicht wieder zurück", sagt die 60-Jährige, die vor ein paar Tagen in Birak eintraf.

Riskante Rückkehr nach Darfur

Da sie keine Alternative haben, entscheiden sich zahlreiche Menschen dafür, in ihr Dorf in Darfur zurückzukehren, um Nahrung zu suchen. Das ist oft lebensgefährlich, denn die Milizionäre sind immer noch in den Dörfern. Meistens sind es Frauen, die die Reise antreten, denn Männer würden getötet, sagen sie. Sie begeben sich nachts in die Dörfer, um Begegnungen mit den Bewaffneten zu vermeiden. Aber auch das ist nicht ohne Risiko. "Die Milizionäre haben uns ausgepeitscht", erzählen zwei Frauen, die vor kurzem nach Gosmino zurückkehrten. "Wenn du nur einen kleinen Sack Hirse mitnimmst, lassen sie dich vorbei, wenn du aber einen großen Sack oder etwas anderes dabei hast, nehmen sie es dir ab. Manche Frauen haben großes Leid erfahren." In der letzten Februarwoche versorgte das Team von Ärzte ohne Grenzen, das im Gesundheitszentrum von Birak arbeitet, einen Mann mit einer Schussverletzung, die er sich zuzog, als er in Seleah Nahrung holen wollte. "Meistens machen das Frauen, weil es für sie weniger gefährlich ist", erklärt sein Onkel. "Aber ihm blieb keine Wahl, da er nichts mehr zu essen hatte und seine Frau krank ist."

Trotz der prekären Lebensumstände geht es den Flüchtlingen gesundheitlich noch recht gut. Das könnte sich aber rasch ändern, wenn sie keine Hilfe erhalten. "Jetzt ist uns nur kalt und wir haben Bauchschmerzen. Aber in ein paar Tagen könnte es echte Probleme geben", fasst ein Vater von 13 Kindern aus Jebel Moon zusammen, der bis jetzt dank der Hilfe der Einheimischen und seiner Verwandten überlebt hat.

Die Flüchtlinge haben nichts mehr

Die ersten Flüchtlinge, die nach den Angriffen auf Seleah, Abu Shuruj und Sirba flohen, trafen am 9. Februar im Tschad ein. Am 20. Februar folgte eine weitere Flüchtlingswelle aus der Region Jebel Moon. In der Panik nach der Flucht wurden viele Familien getrennt. "Wir ließen die Getöteten zurück. Wir mussten sogar Verwundete da lassen. Jeder floh für sich. Wer Zeit hatte, sein Kind zu holen, hatte Glück. Wir gingen, ohne zurückzuschauen", erinnert sich eine 60-jährige Frau. Nach und nach finden die Familien auf der tschadischen Seite wieder zusammen. Aber mehr als eine Woche nach dem letzten Angriff gibt es immer noch Eltern, die nach ihren Kindern suchen. Und die Familien berichten, dass viele ältere Menschen in Darfur zurückgeblieben sind.

Die meisten Flüchtlinge konnten nichts mitnehmen. Im Tschad haben sie sich an mehreren Orten entlang der Grenze niedergelassen. Sie sind über mehr als 30 Kilometer verstreut, daher ist es schwierig, ihre Zahl zu schätzen: Es sind etwa 10.000, vielleicht mehr. Sie leben unter Bäumen, in trockenen Flussläufen oder unter ein paar Ästen. Einige haben Hilfe durch die einheimische Bevölkerung oder die wenigen Organisationen vor Ort erhalten, aber die meisten versuchen auf sich allein gestellt zu überleben. Solange sie sich in der Nähe der Grenze aufhalten, dürfte sich ihre Lage kaum verbessern, denn es ist sehr schwierig, Hilfe in diese sehr isolierte und unsichere Gegend zu bringen.