Geburtshilfe: "Der Lohn eines ganzes Jahres" - Interview

Die Gynäkologin Marita Anwander

Die Gynäkologin Marita Anwander erklärt, warum Geburten in Ländern mit schlechter medizinischer Versorgung schnell lebensgefährlich werden und wie sie helfen kann. Jedes Jahr sterben weltweit 358.000 Frauen bei der Geburt, da sie nicht die Hilfe bekommen, die sie brauchen.

In armen und krisengeschüttelten Ländern wie Sierra Leone, Haiti oder dem Sudan haben Frauen ein 36*-mal höheres Risiko, bei der Geburt zu sterben als in Deutschland. Warum sind dort die Gefahren höher?

Der Unterschied ist vor allem, dass die Frauen wesentlich mehr Kinder bekommen und häufig bei der ersten Schwangerschaft sehr jung sind. Es häufen sich Komplikationen und gleichzeitig fehlt es an medizinischer Versorgung. Zum Beispiel steigt die Gefahr schwerer Blutungen deutlich, wenn die Frau bereits viele Kinder geboren hat. Wenn sie dann keine Bluttransfusion bekommt, stirbt sie. Außerdem treten bei Mehrgebärenden oft sogenannte Lageanomalien auf: Wenn die Gebärmutter geweitet ist, kann das Kind darin quer statt längs liegen. So kann es nicht auf natürlichem Weg zur Welt kommen, die Mutter bräuchte einen Kaiserschnitt, der jedoch häufig nicht möglich ist. Zur Gefahr wird die Geburt auch bei jungen Mädchen mit sehr engem Becken. Der Geburtsvorgang gerät dann häufig ins Stocken oder steht ganz still. Für das Kind und die Mutter ist dies oft lebensgefährlich. Solche Frauen behandle ich in Deutschland viel seltener. Es gibt aber auch Komplikationen, die mir hier wie dort begegnen. Sie sind unterschiedlich gefährlich, je nachdem, wie gut die Gesundheitsversorgung ist.

Was für eine Komplikation kann das beispielsweise sein?

Die Eklampsie. Während der Schwangerschaft leidet die Frau dabei unter Bluthochdruck und Wassereinlagerungen, wodurch es zu lebensgefährlichen Krämpfen und Blutungen kommen kann. In Deutschland geben wir den betroffenen Frauen Medikamente und holen das Kind im Notfall auch schon einige Wochen vor dem Geburtstermin per Kaiserschnitt. In Ländern wie dem Sudan oder Haiti stehen die Chancen für Mutter und Kind in solchen Fällen viel schlechter. Es gibt nur wenige und schlecht ausgestattete Kliniken. Dazu kommt, dass die Geburt in einer Klinik eine arme Familie den Lohn eines ganzen Jahres kosten kann. Darum bekommen viele Frauen ihre Kinder zu Hause.

Wie hilft Ärzte ohne Grenzen?

Wir begleiten Geburten kostenlos, bieten Vor- und Nachsorge an und klären über Empfängnisverhütung auf. Wenn die Bedingungen es zulassen, richten wir einen Operationssaal ein, um im Notfall einen Kaiserschnitt machen zu können. Allerdings müssen die Frauen rechtzeitig kommen. Vor allem in ländlichen Gegenden, wo der Weg in die Klinik weit ist, kommen viele Schwangere erst spät in einem sehr kritischen Zustand zu uns. Dann versuchen wir, in erster Linie das Leben der Frauen zu retten, aber für ihre Kinder können wir manchmal nichts mehr tun.

Was sind im Alltag die größten Herausforderungen?

In den Projekten von Ärzte ohne Grenzen, in denen keine Intensivstation, kein Beatmungs- oder Überwachungsgerät zur Verfügung steht, müssen wir im Notfall improvisieren. Wenn zum Beispiel eine Frau stark blutet und die Blutbank leer ist, fragen wir die Angehörigen, ob sie Blut spenden können. Oder wenn ein Kind zu früh zur Welt kommt und kein Wärmebettchen da ist. Dann wenden wir die sogenannte Känguru-Methode an: Wir legen das Kind auf den Bauch der Mutter, wo es gewärmt wird und der Körperkontakt seine Sinne anregt. Alle zwei Stunden füttern wir es mit einer speziellen Milch. So können wir Frühgeborene ab der 30. Schwangerschaftswoche durchbringen. Das ist immer wieder ein tolles Erlebnis.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO), zusätzliche Informationen liefert die Studie "Trends in Maternal Mortality: 1090 to 2008, Unicef, UNFPA und der Weltbank unter www.who.int/reproductivehealth/publications/monitoring