Gebühren für Gesundheitsversorgung in armen Ländern gefährden die Gesundheit und das Leben vieler Menschen

Gebühren für Gesundheitsversorgung

Mit Philips arbeitet als Analytikerin für Gesundheitspolitik bei Ärzte ohne Grenzen in Brüssel. In den vergangenen Jahren hat sie die Auswirkungen erforscht, die kostenpflichtige Gesundheitsversorgung für Menschen hat, die Gebühren nicht zahlen können. Im Interview erklärt sie, warum es so dringend notwendig ist, der armen Bevölkerung eine kostenlose Gesundheitsversorgung anzubieten.
"Es gibt viele problematische Auswirkungen, wenn Gebühren für die Gesundheitsversorgung erhoben werden. Wir haben in unseren Projekten und im Rahmen unserer Forschung gesehen, dass viele Menschen es sich einfach nicht leisten können, zu einem Arzt zu gehen, wenn sie einen brauchen. Andere kommen nur, wenn sie das benötigte Geld vorher irgendwie sammeln konnten, indem sie Rinder verkaufen oder es sich von Verwandten leihen. Die Verzögerung der Behandlung kann für sie schwere Folgen haben.

Wenn man von Menschen verlangt, selber zu verarmen, um Zugang zu Gesundheitsversorgung zu bekommen, trägt man zu der Armutsspirale bei, die ihren gesundheitlichen Zustand sehr wahrscheinlich langfristig beeinträchtigen wird. Für Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen macht es einfach keinen Sinn, Patienten von der benötigten Gesundheitsversorgung auszuschließen. Insbesondere finanzielle Schranken ließen sich verhindern. Glücklicherweise erkennen immer mehr Akteure im medizinischen Sektor das Problem."

 

Können Sie uns konkrete Beispiele für die Auswirkungen von Gebühren auf die Menschen nennen?

"Ich kann Ihnen viele Beispiele nennen. Wir hatten kürzlich einen zwölfjährigen Jungen in Liberia, der von einem Auto überfahren wurde und einen komplizierten Bruch - ein Knochen stach aus dem Bein hervor - davontrug. Seine Eltern haben alles Geld gesammelt, das sie auftreiben konnten, um das Taxi bezahlen zu können, mussten dann aber feststellen, dass nichts für die vorgeschriebene Anmeldegebühr übrig geblieben war. Sie haben ihren Sohn wieder mit nach Hause genommen. Sein Zustand hat sich verschlechtert, seine Wunde hat sich mit Tetanus infiziert und es kam soweit, dass er nicht mehr essen konnte. Nachbarn haben den Eltern dann erzählt, dass die Gesundheitsversorgung in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen kostenlos ist. Es hat uns zwei volle Monate gekostet, den Schaden zu reparieren, der nicht nur durch den Unfall sondern auch die verzögerte Behandlung entstanden ist.

Ich finde es sehr beunruhigend, wenn es zudem Patienten nicht erlaubt ist, die Klinik zu verlassen, so lange sie die vollen Gebühren nicht bezahlt haben. Wir erleben es in Burundi und der Demokratischen Republik Kongo oft, dass Frauen und ihre Babys nach einem Kaiserschnitt - einer teuren Operation in diesen Ländern - wie Geiseln gehalten werden, während die Verwandten und Freunde versuchen, das nötige Geld aufzutreiben."

 

Was passiert, wenn Patienten keine Gebühren mehr bezahlen müssen?

Wir haben in vielen Projekten einen großen und sofortigen Effekt gesehen. Menschen, die früher nicht in die Kliniken gekommen sind, erscheinen plötzlich in großer Anzahl. Und sie kommen mit gravierenden medizinischen Problemen.

In Mali, einem Land in dem Malaria weit verbreitet ist, haben wir beispielsweise kostenlose Behandlungen eingeführt. Die Zahl der Patienten hat sich fast unverzüglich verdreifacht. Wir haben uns gefragt, bei wie vielen Menschen, hauptsächlich Kindern, die Krankheit nicht erkannt und behandelt wurde. Wie viele früher sinnlos zu Hause gestorben sind. Einfach nur, weil sie nicht das Geld für einen Klinikbesuch haben und keine Möglichkeit, sich das Geld zu besorgen. Ich meine, wenn eines der Kinder Fieber hat und medizinische Betreuung benötigt, aber alle anderen auch etwas zu essen brauchen, wie entscheidest du, wofür du das Geld ausgibst, wenn du dir nicht beides leisten kannst? Die Entscheidungen waren oft sehr krass."

 

Was sollten die Regierungen tun?

"Die Regierungen der betroffenen Länder müssen mit einer klaren Botschaft hervortreten: Wir können es uns nicht leisten, unsere Bevölkerung mit Gebühren für die Pflege zu belasten, die sie benötigen. Gleichzeitig müssen internationale Organisationen und Geberländer endlich erkennen, das Gebühren für medizinische Behandlungen viele Menschen von der Gesundheitsversorgung ausschließen, ohne das Problem der Finanzierung des Gesundheitssystems zu lösen. Sie müssen ihre technische und finanzielle Unterstützung dramatisch erhöhen."

Im September 2009 hat eine Gruppe von 62 Organisationen den Bericht "Your Money or your life" (Ihr Geld oder Ihr Leben) veröffentlicht, in dem dazu aufgefordert wird, die Gesundheitsversorgung für Menschen in ärmeren Ländern kostenlos zur Verfügung zu stellen.